Mein Liebestagebuch

In meinem Freund*innenkreis kamen wir zuletzt ins Gespräch über Erinnerungen – an Menschen, die uns mal besonders wichtig waren oder mit denen wir besondere Momente geteilt hatten. Eine Freundin stellte fest, dass es ihr schwer fiele, in ihrem Kopf überhaupt nur alle die Menschen zusammenzukriegen, mit denen sie in ihrem Leben schon Sex gehabt hatte, und machte sich in den folgenden Tagen daran, mal eine umfassende Liste zusammenzustellen. Dabei wurde klar, wie innerhalb weniger Jahre die Erinnerungen an verschiedene Situationen sich miteinander vermischen können, wie leicht zeitliche Reihenfolgen durcheinandergeraten und so weiter. Mit gemeinsamer Rückerinnerung an verschiedene Situationen schaffte sie es dann aber doch ganz gut. 🙂

Ich fühlte mich davon inspiriert und sponn den Gedanken weiter: wie könnte ich sicherstellen, dass ich in ein paar Jahren mich noch richtig an diese Menschen und Situationen erinnern würde? Ich sehe mein Liebesleben als einen Entwicklungsprozess, an dem ich besonders in den letzten Jahren ganz massiv gewachsen bin. Ich will aber auch nicht vergessen, wo ich herkam und darüber reflektieren können, was früher war. Nach einiger Überlegung öffnete ich ein neues Textdokument auf meinem Rechner und tippte die folgenden Zeilen:

Liebes Tagebuch (haha, verstehst du den Wortwitz? :3),

so etwas wie dich hatte ich in meinem Leben noch nicht. Und wahrscheinlich werde ich auch tatsächlich nicht täglich in dich schreiben, vielleicht bist du auch mehr eine Art Logbuch.

Dich gibt es, weil ich jetzt 27 bin und schon eine ganze Menge erlebt habe. Mit Menschen, die mir wichtig sind oder es mal im Leben waren. Und ich möchte mich gerne zurückerinnern können, wie es früher war – aber mein Gedächtnis ist teilweise wie ein Sieb, oder es vermischen sich so viele Dinge dabei, dass es schwierig wird.

Ich möchte hier in dir einerseits Steckbriefe von Personen anfertigen, die ich liebe oder geliebt habe; egal ob jetzt auf romantische oder erotische Weise. Nicht jede Person, mit der ich mal Sex hatte, wird hier auftauchen – die, die es tun, sind mir auf besondere Weise wichtig. Und ja, du darfst dich über teils schlüpfrige Bilder freuen, die ich dir anvertraue. Ich hab da in meinem Leben schon so einigen Cuties begegnen dürfen… 🙂 Aber auch über Veranstaltungen, die mich in meiner Liebes-Entwicklung bereichert haben, möchte ich hier schreiben. Und last but not least will ich anfangen, zu jeder Person mit der ich in meinem Leben irgendwann mal Sex hatte zu dokumentieren, wann und wo und unter welchen Umständen es dazu gekommen ist.

Mein Liebestagebuch ist ein einfaches Textdokument auf meinem Rechner. Die Textverarbeitung LibreOffice kann es direkt mit einem langen Passwort verschlüsseln und damit vor fremdem Zugriff schützen. Es wird trotzdem sicherheitshalber nicht in einer Dropbox oder sonstwo landen und auch niemals gedruckt vorliegen, denn die Informationen sind wirklich ausschließlich für meine Augen bestimmt.

Ich begann chronologisch bei meiner ersten Jugendliebe (mit der ich nie eine Beziehung oder Sex hatte). Die Erinnerung daran war schön. Ich schrieb über meine großen Unsicherheiten, über meine Enttäuschung als es nicht klappte, aber auch über die schönen Momente und wie es mich dann zu meiner ersten Beziehung führte. Die Wörter flossen nur so in die Tastatur. Ich umrahmte die Steckbrief-Texte bald mit einigen sehr hübschen Fotos (Tipp: „Rechtsklick“->“Bild kompromieren“ verhindert, dass das Textdokument hinterher hunderte Megabyte auf die Waage bringt) – auf der ersten Seite ganz normale aus unserem Beziehungsleben, auf der zweiten Seite dann auch pornografische, die wir gemeinsam aufgenommen hatten.

Ich schreibe zu allen Personen auch über den Sex den wir hatten, was ihn auszeichnete und was ich insgesamt an diesen Menschen wertschätze. Wie ein roter Faden schlängelt sich mein Beziehungs- und Liebschaftsleben nun durch mein Liebestagebuch. Es ist ein Ort für mich geworden, in dem ich ganz für mich alleine meine Geschichte erzählen und in Erinnerungen schwelgen kann. Es ist noch nicht fertig, und über die Veranstaltungen wie z.B. Sex- und Playparties, die mich geprägt haben, habe ich noch nicht einmal begonnen zu erzählen. Aber wie mein Liebesleben ist eben auch das ein Prozess, und ich nehme mir gerne einmal Zeit dazu, wieder etwas hinzuzufügen. In der Hoffnung, dass sich auch in fünf oder zehn Jahren meine Erinnerung an diese Zeiten sich wieder auffrischen lässt.

Wie handhabt ihr dieses Thema? Dokumentiert ihr eure Liebschaften und Beziehungen in irgendeiner Form? Welche Methoden funktionieren für euch und was klappt einfach mal so gar nicht?

Natanji schreibt auch auf femgeeks.de und natanji.wordpress.com.

Körperbilder

Sex macht schön. Innerlich. Das Gefühl begehrt, erfüllt zu sein, keine Regeln zu brauchen. Nur den Moment. Sex macht schön. Jeder Zentimeter des Körpers füllt sich mit dem Glauben: Ich bin toll. Post-Orgasmus oder einfach nur nach langem ausgiebigen Betasten eines anderen Körpers. Sex macht schön. Gefühlt schön, den eigenen Körper zu lieben trotz all dieser Dinge, die in anderen Stunden vielleicht als Makel, als Schwachstelle, als nicht ideal in unseren Köpfen herum spuken. Gespenster einer Werbe- und Schönheitsindustrie, Geister erzeugt von unserer eigenen Unsicherheit nicht dem zu genügen, was gemeinhin als Schönheitsideal gilt. Sex macht schön.

Schönheitsideale sind Teil der menschlichen Geschichte und werden in Zukunft ebenso ihre Berechtigung haben wie in der Vergangenheit. Maler, Dichter, Kunst jeder Art nutzt nicht nur den weiblichen Körper als Quelle der Inspiration, doch ebenso zur Kritik gesellschaftlicher Gepflogenheiten. Oscar Wildes Dorian Gray ist ein schöner, unangetasteter Jüngling, dessen Sexappeal und Anziehungskraft von seiner anmutigen Gestalt herrührt – sein Porträt hingegen altert und verfällt mit seinen Verbrechen und seiner wachsenden Verdorbenheit. Schönheit und Verfall als Spiegelbild der Seele.

Schönheitsideale ändern sich ständig oder wie eine Freundin angesichts voluminöser Frauenkörper auf Spätrenaissance-Gemälden sehnsüchtig anmerkte: „Ich bin definitiv in der falschen Zeit geboren.“ Doch so sehr wir manchmal diesen heute – angesichts Silicon-Implantaten und androgyner Modelkörper – so viel natürlicher wirkenden Frauenbildern hinterhertrauern: Extreme hat es immer gegeben, die Versuche den Körper dem anzupassen, was gerade „In“ ist.

Weiterlesen