Die dunkle Macht der Sexualität: „Hysterical Literature“

Das klassische Erziehungsmuster für die Frau begegnet uns in vielen Formen immer wieder: eine Frau will eigentlich gar keinen Sex, Sex ist etwas, das diese haarigen Wesen, die Männer wollen und das die Frau eben mit sich machen lässt, weil die Männer das unbedingt wollen; Ziel der Sexualerziehung insbesondere und vor allem für die Frau ist die kontrollierte Sexualität, die „verantwortungsvoll gestaltete“ Sexualität – und das meint die sparsame, auf die Fortpflanzung innerhalb der Festbeziehung beschränkte Sexualität; unter keinen Umständen darf eine Frau erkennen lassen, dass sie Sex will und sucht.

Aber die Sexualität ist eine dunkle, gewaltige Macht – sie unterdrücken zu wollen ist, wenn überhaupt, nur zum Preis schwerster Beschädigung möglich. Sexualität ist ein klopfender, schlagender Teil des seelischen Blutkreislaufs und sowenig vom Selbst abzutrennen wie das Herz aus dem Körper zu schneiden ist. Nicht im Einklang mit sich selbst zu sein übersteht niemand auf längere Zeit ohne tiefe Verletzungen.

Clayton Cubitt, ein amerikanischer Künstler und Fotograf, hat in seinem Projekt „Hysterical Literature“ diese Gewalt der Sexualität künstlerisch dargestellt:

http://www.hystericalliterature.com

Gezeigt werden  Videosequenzen von Frauen mit einer festgelegten Handlung. Die Frauen sitzen an einem schlichten, weißen Tisch. Man sieht nur ihren Oberkörper. Sie halten ein Buch in der Hand, aus dem sie einige Absätze vorlesen. Buch und vorgelsenes Kapitel haben sie selbst ausgewählt. Die Frauen tragen sehr korrekte, klassische Kleidung. Der Hintergrund ist schwarz. Die Aufnahmen sind nüchternes Schwarzweiß – wie eine „Tagesschau“ im ARD der 60er Jahre.

Unter dem Tisch aber, unsichtbar für den Betrachter, sind die Frauen nackt. Eine Assistentin des Regisseurs handhabt einen Vibrator (den sehr guten Hitachi-Vibrator) und „lenkt die Vorleserin ab“. Damit man das Surren des Vibratos nicht hört gibt es noch eine Decke.

Die Frauen sind angewiesen, nüchtern und konzentriert ihren Text vorzulesen, und die „Ablenkung“ nach Möglichkeit zu unterdrücken. Sie stellen das asexuelle Rollenbild dar, das die Sexualität unterdrückt, kontrolliert, ausblendet – wie man es denn sehen will. Aber die Gewalt unter dem Tisch und unter der Decke lässt sich nicht verbieten. Nach ungefähr eineinhalb Minuten muss die Lesung kurz für einen tiefen Atemzug unterbrochen werden. Immer öfter bricht sich die verborgene Macht ihre Bahn, kleine Seufzer, Stöhnen, Unterbrechungen, nach denen sich die Vorleserin wieder fängt, für ein immer kürzer werdendes Zeitintervall, bis schließlich der Aufstand alle Herrschaft wegschwemmt.

Die Aufnahmen sind schön und geschmackvoll – und die künstlerische Botschaft ist überzeugend. Die Bilder sind hocherotisch, aber von Pornographie weit entfernt. Schön zusehen!

 

Beziehungssex: Yay!

[Disclaimer: Dies ist mal wieder eine persönliche Abhandlung eines Themas, in das ich natürlich nur begrenzt Einsicht habe. Tiefere Betrachtungen dysfunktionaler Beziehungen klammere ich aus, sowohl, weil dies den Rahmen sprengen würde, als auch, weil ich mich dazu nicht qualifiziert genug fühle, und nicht zuletzt, weil ich beispielsweise Machtdynamiken und Sexualität an dieser Stelle konzeptuell getrennt lassen möchte. (So künstlich diese Trennung in der Realität auch sein mag.)]

 

Mein erstes Mal war ohne Schmetterlinge im Bauch, zwar mit Vorsatz, aber zu nervös um enthusiastisch zu sein. Ich war mit diesem Mann nicht zusammen und würde es auch nie sein. Ich war noch nicht einmal darauf aus. Es war kein besonders positives, aber auch kein besonders negatives Erlebnis. Es war halt. Ich musste noch lernen. Ich wollte noch lernen.
Überhaupt zögerte ich in meinen früheren Single-Zeiten nie sonderlich, mit jemandem „in der Kiste zu landen“. Sex an sich war für mich persönlich nie eine große Angelegenheit. Aufregend ja – tatsächlich reagiere ich noch heute mit einem gereizten Magen auf Sex mit einer neuen Person –  und oftmals auch sehr schön, aber nicht dramatisch oder sinnstiftend.

Etwas anders ist das, so sagt man uns, wenn man Sex in einer romantischen Beziehung hat: In monogamen Beziehungen schwingt oft unausgesprochen – weil per default – eine Art gegenseitige Verpflichtung mit, für die sexuelle Zufriedenheit der anderen Person „zuständig“ zu sein. Wie sonst soll man sich auch sexuell aufeinander beschränken? Und das ist ja das, was man in einer romantischen Beziehung tut, sagt man uns seit kleinauf. Auf diese Weise wird Sex dann aber doch sinnstiftend, bisweilen sogar zu einer dramatischen Angelegenheit, denn Sex wird zum Gegenstand eines „Vertrages“, dessen Kleingedrucktes ohne konkrete Absprachen zu vage gehalten ist, um sich im Konfliktfall auf diese vermeintlichen Abmachungen verlassen zu können.

Sex in einer Beziehung kommt daher mit einer hohen Wahrscheinlichkeit mit einem Rattenschwanz an Anforderungen und Erwartungen. Das gilt natürlich längst nicht nur für Sex: Die „bessere Hälfte“ hat nunmalhalt implizit die Aufgabe, möglichst Perfekt in ihrer Komplementarität zu sein. Aber Sex ist etwas, von dem wir erst einmal lernen, dass es Exklusiv für Beziehungen wäre. Und somit ist es wahrscheinlich problematischer, wenn man sexuell in einer monogamen Beziehung nicht (mehr) harmoniert, als wenn man zum Beispiel ein Hobby nicht teilt. Woher soll man „es“ auch bekommen, wenn nicht vom/von der Partner_in, mit dem/der man in einer sexuell exklusiven Beziehung ist? Und so kommt es schnell zu einer Kompromissbereitschaft, die womöglich für beide Seiten suboptimal ausfällt.

Trotzdem habe ich meinen monogamen Beziehungssex genossen: Zum einen, weil Beziehungssex für mich immer Sex mit einem Menschen war, dem ich vertraute, den ich kannte und auf den ich mich daher leicht einstellen konnte. Gleichzeitig ist es schön mit jemandem Sex zu haben, der meinen Körper hinreichend gut kennt um mir zielsicher einen Orgasmus zu beschehren. Wobei all das natürlich nicht nur romantischen Paarbeziehungen vorbehalten ist, sondern etwa auch „friends with benefits“.
Ein anderer, sehr wichtiger Aspekt speziell an der Monogamie war, worum ich mich eben nicht kümmern musste: Auszuhandeln, wie frei die Wahl von Sexpartner_innen außerhalb der Beziehung sein darf; wie man mit Safer Sex nicht nur innerhalb sondern auch außerhalb der Beziehung umgehen möchte; wie viel man von dem nicht gemeinsamen Sexualleben der/des Anderen wissen möchte; wie man mit romantischen Gefühlen zu Dritten umgehen will; ob Sexualkontakte stets vorher individuell abgesprochen werden müssen;…
Und ja, es hat mir damals auch einfach gefallen, nicht mit den Unsicherheiten leben zu müssen, die die bewusste Auseinandersetzung mit diesen Fragen bringt. Denn auch, wenn die Einigung auf Monogamie nicht bedeutet, dass man vor all diesen Fragen sicher ist (garantierte Treue gibt es halt nicht), fühlt sich eine offene Beziehung nach… nunja, einer sperrangelweit offenen Tür an, wo man im Fall einer monogamen Beziehung eben nur eine angelehnte zu haben meint.
Der vielleicht wichtigste Aspekt am Beziehungssex ist für mich aber, dass es für mich tatsächlich einen Unterschied macht, ob Liebe im Spiel ist oder nicht: Ich ziehe mehr Befriedigung aus empathischen Beobachtungen der Körperreaktionen der/des Anderen wodurch sich die Lust gegenseitig aufschaukelt. Und das Kuscheln danach macht mich glücklicher als mit einem anderen Menschen. Für mich passen Liebe und Sex gut zusammen, auch wenn sie nicht untrennbar sind. Das ist eine Typfrage, aber sicherlich eine, die mir persönlich das Liebesleben bisher versüßt hat.

Sicher: Beziehungssex kann einschlafen. Damit wiederum habe ich selbst wenige Erfahrungen. Meine wenigen Erfahrungen machen da bisher auch nicht optimistisch: Ist die Lust beidseitig eingeschlafen, ist die Motivation, etwas an der Lage zu ändern, auch begrenzt. Und an sich ist das ja auch nichts, was problematisiert werden müsste: Wenn man weniger Lust hat, gibt es eben auch weniger Gründe Sex zu haben. Problematisch wird das, wenn die Lust entweder nicht symmetrisch abflacht und/oder wenn jemand Neues das sexuelle Interesse wieder erweckt und man daraufhin merkt, was man „vermisst“ hat. Das entspricht zumindest meinen direkten und indirekten Erfahrungen: Man sieht keinen Grund zum Handeln, „lernt“ dadurch, dass sich in der Beziehung sexuell nichts mehr ändern wird und wird dann durch eine andere Bekannstchaft daran erinnert, dass die eigene Lust noch immer stark und lüsternd ist. Und dann ist die Frage: Was nun?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie gut man eingeschlafenen Beziehungssex wieder beleben kann. An dieser Stelle wird man von mir daher keine konstruktiven Gedanken erwarten können. Für mich persönlich ist das Abflachen der Lust aufeinander etwas, das ich mit dem Ende einer Beziehung in Verbindung bringe, weil ich es mit meinen Partnern, wenn es auftrat, nicht überwunden habe. Inzwischen mag ich Sex aber nicht mehr zur kritischen Ressource in meinen Beziehungen erklären. Ich liebe meinen Beziehungssex aus all den oben genannten Gründen, aber ich möchte nicht, dass mein Partner und ich sexuell füreinander „zuständig“ sind. Das ist keine Lösung, da es ja wie oben beschrieben völlig andere Probleme aufwirft, aber in einer Phase, in der aus praktischen Gründen Sex über Monate sehr selten war, merke ich schon ein wenig, dass „Ich könnt mir ja wen anders für den Sex zwischendurch suchen“ durchaus entspannend sein kann – für beide Seiten – sofern die Problemstellungen einer offenen Beziehung keinen größeren Leidensdruck als den einer exklusiven Beziehung hervorrufen.

 

Unterm Strich ist Beziehungssex also durchaus eine hoch komplexe Sache und das zum Teil, gerade weil es uns als das einfachste und natürlichste der Welt dargestellt wird. Beziehungssex ist daher etwas, das man als persönliches Versagen empfinden kann, wenn dieser nicht gut läuft oder gar zum Ende einer Beziehung führt. Gleichzeitig kann der Sex selbst aber durchaus einer der unkompliziertesten überhaupt sein, da man sich langfristig aufeinander einstellen kann, da man die Vorlieben und Kinks der/des Anderen (zu einem gewissen Grad) kennt und weil man (hoffentlich) weiß, wie man sich einfach aber eindeutig Konsens signalisiert. Das ist an romantische Beziehungen zwar nicht gebunden, werden aber viele vor Allem oder sogar ausschließlich aus diesem Kontext kennen. Und dann ist dieser gute Sex doch wohl gut, oder? Gut.

Insofern ist Beziehungssex für mich persönlich bisher und aktuell ein „yay“.

Aufklärung in der Kindheit

An sich waren meine Eltern ja schon recht cool, was Aufklärung betraf: Unsere erste Aufklärungslektüre hatten ich und mein Bruder schon im Kindergartenalter. Es war ein Bilderbuch über eine Familie aus Mama, Papa, Tochter und Sohn und auf den ersten beiden Seiten lernten die Kinder in dem Buch, dass Mama schwanger war, woraufhin beide Eltern den beiden Geschwistern im Verlauf der Schwangerschaft erklärten, wie ein Baby entsteht, inklusive Geschlechtsverkehr und den dazugehörigen Geschlechtsteilen. Für die kindgerechte Beantwortung der Frage, woher denn eigentlich die Babies kämen, ist das Buch sicher gar nicht mal so schlecht gewesen, relativ ausführlich und biologisch ziemlich korrekt. Andererseits ist Sex nunmalhalt der Auslöser der meisten Schwangerschaften und nimmt als solcher einen zentralen Punkt im Verständnis der Fortpflanzung ein. Damit wird Sex zu einem zentralen Thema – schon im kindlichen Kopf – und für mich persönlich denke ich, hat die Verknüpfung von Sex und Fortpflanzung sicherlich zu einem Hemmnis im Verständnis menschlicher Sexualität geführt, denn: Sex ist nicht „zur“ Fortpflanzung da. Man kann zwar die biologische Seite von Sex in Form von Anpassungen an Fortpflanzung beschreiben, aber die Evolution oder das „Wohl der Art“ ist beim Sex nicht dabei während die tatsächlich Beteiligten meistens vermutlich andere Gründe als „Kinder machen“ haben, sexuell miteinander zu interagieren.

Tatsächlich ist der Mensch weniger das „einzige Tier, das nicht nur zur Fortpflanzung Sex hat“, sondern vielmehr das einzige Tier, das manchmal tatsächlich mit dem Vorsatz der Fortpflanzung Sex hat. In allen anderen Fällen ist menschlicher Sex für die Beteiligten erst einmal ein Selbstzweck. Und: Das ist doch wohl auch gut so.
Aber eben als solcher wird er nicht vermittelt und somit auch nicht, dass Sex eben auch für nichts gut sein „muss“, dass Sex also sehr viele Formen annehmen kann und sich nicht auf Penis-in-Vagina-Penetration beschränkt.

Ich weiß noch, wie sehr mich meine frühkindliche Aufklärung beeindruckt hat: Ich fand das gesamte Thema spannend, stellte es doch auch meinen Ursprung dar. Ich erinnere mich sogar noch etwas an „Doktorspielchen“ (sollte man die laut Freud nicht vergessen?) und kann eigentlich einen roten Faden von der sexuellen Aufklärung im Kindergartenalter über diese Spiele bis hin zu meinen ersten sexuellen Fantasien ziehen, die alle immer mit Penetrationssex, Penissen und deren Ejakulation zu tun hatten.
Eigentlich möchte ich von mir gar nicht allzu sehr verallgemeinern, aber ist es nicht vor diesem Kontext der „Funktionalität“ von Sex, weswegen heterosexueller Penetrationssex als der „natürlichste“ wahrgenommen wird? Und fällt die klassische sexuelle Aufklärung nicht so ziemlich völlig in dieses Bild?
Natürlich lernt man mit der Zeit mehr: Man liest – z.B. im Internet -, man redet mit FreundInnen, man konsumiert pornografische Inhalte… aber es bedarf vermutlich in der Regel schon einiges an Aufwand und/oder innerer Konflikte, um seine frühen Grundannahmen zu verwerfen und Sex als so frei zu verstehen, wie er letztendlich doch ist: Frei von einem Fortpflanzungs“dogma“ und frei von „wenn ein Mann und eine Frau sich ganz doll lieb haben“.

Für mich persönlich kann ich noch heute feststellen, dass ich die Penetration noch immer beinahe für den unweigerlichen Höhepunkt beim Sex, in dem ein oder mehrere Penisse involviert sind, halte. Das ist mit keinem Leidensdruck verbunden: Ich liebe es ja durchaus, einen erigierten Penis in mir zu spüren. Trotzdem kann ich meine Beschränkungen erkennen und auf einer abstrakten Ebene bedauern, zumal ich mich frage, wie tief diese Grundannahmen und Vorurteile unsere Gesellschaft als Ganzes prägen und inwiefern sie sexuelle Neigungen und Praktiken, die nicht heteronormativ sind, erst einmal (also in unseren frühesten und damit naivsten Annahmen) „undenkbar“ machen und dadurch „Andersartigkeit“ überhaupt erst definieren.

Aber was wäre die Alternative?
Ich bin keine Pädagogin und halte mich daher mit allzu konkreten Ideen zurück, aber könnte man nicht zumindest andeuten, dass Sex vieles bedeuten kann, was erwachsene Menschen miteinander machen und dass bestimmte Formen von Sex zu der ganzen „neue Menschen machen“-Sache führen können? Sicherlich gibt es auch schon Ansätze in dieser Richtung und vielleicht mögen junge Eltern hier auch ihre liebsten Aufklärungsmaterialien nennen. Aufgelöst wird die Verbindung bis Gleichsetzung zwischen Sex und Fortpflanzung jedenfalls nicht sein und das wird sicherlich auch noch ein Weilchen dauern.

Trotzdem bin ich alles in allem sehr froh, so früh schon relativ ausführlich aufgeklärt worden zu sein. Ich halte Aufklärung für gut und wichtig und finde auch, dass man Kinder vor diesem Thema nicht „schützen“ muss. Trotzdem ist gerade frühkindliche Bildung nicht unpolitisch und ich denke, darüber sollte man vielleicht mal reden.

Wann wurdet ihr aufgeklärt und wie? Inwiefern hat es euer Denken über Sexualität beeinflusst und wie sehr hat es euch dabei geholfen und/oder gehemmt, eure eigene Sexualität zu entdecken?

Erfahrungen in der Prostitution

Als ich Schülerin war, hatten meine Eltern zum Zwecke meiner naturwissenschaftlichen Bildung ein belehrendes und lehrreiches Magazin („PM“) abonniert. Ich war 17, als dieses Magazin eine Sondernummer zum Thema „menschliche Sexualität“ brachte. Unter anderem war dort ein Interview mit einer jungen Prostituierten, das mich elektrisierte. Die Frau sah gut aus, sie sah mir sogar ähnlich (ihr Gesicht war nicht zu erkennen) – und sie berichtete sehr positiv von ihrer Arbeit, völlig anders als man das als wohlerzogene brave Tochter hört und liest. Damit war eine Idee gesät, die mich nicht mehr losgelassen hat. Ein unerklärliches Etwas, eine magnetische Kraft zog mich an. Wenige Monate später war ich fest entschlossen, mich auf diesem Feld wenigstens einmal auszuprobieren.

Vieles kam dazwischen, was mich beschäftigte: Schulabschluss, Wegzug zum Studium, Einleben an der Universität in der fernen Stadt. Es fiel mir auch nicht leicht, naiv wie ich war, eine Gelegenheit zum Einstieg zu finden. Prostitution ist sehr vielfältig, und natürlich hatte ich Angst vor Zuhältern, Gewalt, Kriminalität. Und natürlich wusste ich auch nicht, „wie es sein würde“, und ob ich tatsächlich mit vielen Unbekannten schlafen könnte. Aber da war immer diese dunkle Macht, die mich vorwärtsgetrieben hat.

Meinen ersten Arbeitsplatz habe ich dann mit schon 21 durch einen Zufall gefunden, ein sogenanntes Wohnungsbordell in einem großen Mietshaus. Die Erfahrung war absolut überraschend: eine sehr seriöse, angenehme Chefin, ein elegantes und sauberes Ambiente, nette und hutaussehende Kolleginnen, mehrheitlich deutsch. Ganz anders als eine Leserin der Alice Schwarzer es für möglich halten würde.

An meinem ersten Arbeitstag hatte ich sechs Männer – mehr als in meinem ganzen Vorleben. Ich war von mir selbst überrascht, wie leicht es mir fiel. Das war übrigens wörtlich auch die Erfahrung, die das Mädchen aus dem Magazin berichtet hat. Ich mochte das Gefühl, begehrt zu werden, und die Selbstbestätigung, die man erfährt. Natürlich, den Sex mochte und mag ich auch. In keiner Weise hatte ich das Gefühl einer Erniedrigung, wie es die Feministinnen suggerieren, im Gegenteil. Die Männer sind meistens ganz normale Männer, natürlich sehen sie nicht alle blendend aus – aber meine Erfahrung ist, dass die Freude am Sex nicht unbedingt vom Äußeren abhängt.

Ich will wirklich nicht sagen, dass Prostitution ohne alle Probleme ist. Natürlich ist das nicht so. Aber die meisten Problemfälle hängen damit zusammen, dass jemand in dieses Feld aus den falschen Motiven geht. Nur der Wunsch, viel Geld zu verdienen, reicht nicht aus. Für jemand, der nicht mit Kindern umgehen kann oder will, ist der Lehrerberuf die Hölle auf Erden, jedermann kennt davon Fälle. Als Zahnarzt anderen Leuten in der mehr oder weniger appetitlichen Mundhöhle herumzustochern erfordert eine innere Konditionierung der besonderen Art, wenn es für ein ganzes Berufsleben ausreichen soll.

Was ich hier sagen will: auch in der Prostitution sind positive Erfahrungen möglich, Prostitution kann Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit vermitteln, und für manche Frauen ist sie offensichtlich eine adäquate Möglichkeit, ihre Sexualität zu leben. Gut, ich bin eine Hure – aber ich bin stolz darauf.

Francoise Fortier

sex – what is it good for?

ich habe vor einer weile eine diskussion gelesen, in der es darum ging, ob sexarbeit nun zu care gerechnet werden kann oder nicht. darauf will ich jetzt gar keine antwort geben. mir ist dabei aber aufgefallen, dass die antwort der leute unter anderem auch sehr davon abhängt, was sex denn genau sein soll und welche bedürfnisse damit befriedigt werden.
ich glaube nämlich gar nicht unbedingt, dass es ein bedürfnis nach sex an sich gibt. es gibt lust, das ist aber nicht das gleiche. ich glaube, leute, wenn sie sex haben wollen, damit bestimmte bedürfnisse befriedigen wollen, die aber ganz unterschiedlich sein können. deswegen stellen sich verschiedene leute in verschiedenen situationen ja auch ganz unterschiedliche dinge vor, die sie wollen, wenn sie sex wollen.

was kann sex alles sein, wofür kann es gut sein? was wollen menschen, wenn sie sex wollen?
zum beispiel:
nähe ausdrücken, intimität, sich nahe sein
mit menschen etwas teilen, was man sonst eher versteckt
sich akzeptiert, gewollt, begehrt fühlen
eine gewisse kreativität ausleben, sich ausdrücken
etwas  heimliches, evtl. verbotenes tun
kontrolle haben oder verlieren, sich ausliefern
spannung abbauen, entspannung
abschalten, andere sachen vergessen oder verdrängen
sich körperlich verausgaben
sich spüren
jemanden spüren
sich auf sich konzentrieren
sich wieder wie als kind fühlen
gebraucht werden oder jemanden brauchen
intensität, was krasses erleben
orgasmen? kann das ein bedürfnis sein, orgasmen zu haben?

interessant ist, dass diese ganzen bedürfnisse ja auch anders befriedigt werden können. ich kann sport machen, oder kunst, oder arbeiten, oder fallschirmspringen, jemanden pflegen oder meditieren. das finde ich tröstlich, denn es heißt, dass ich mich um meine bedürfnisse  auch kümmern kann, wenn sex mit anderen menschen grade keine option ist.
das tolle an sex ist, dass damit so viele unterschiedliche bedürfnisse auf einmal befriedigt werden können.

welche gibt es wohl noch, die da rein passen?

11 Uhr morgens

Meistens habe ich zwischen 10:30 und 12 Uhr spontan Lust auf Sex. Das ist doof. Denn um diese Zeit ist meistens niemand da, mit dem ich Sex haben kann. Auch mit mir selbst geht das nicht immer, denn ich bin ja oft auch irgendwo anders – bei der Arbeit, im Büro, oder früher, in der Bibliothek. Nur selten war die Lust so unaushaltbar, dass ich mich auf der Toilette zum Masturbieren versteckt habe. Aber ich habe es schon getan.

Heute ist Feiertag und ich sitze hier vor dem Bildschirm und merke: Ich habe Lust. Ich bin auch schon nass. Schön ist sie, die Spontannässe. Sie ist ein Anlass, mit mir zu spielen, mich selbst zu genießen und die eigene Lust zu kosten.

Die Eigennässe.

Es gibt zwar inzwischen unheimlich viele Gleitgels und Gleitcremes, auch mit Wärmeeffekt und was weiß ich sonst noch für Wirkungen und Effekte, aber ich habe bisher kein angenehmeres Gleitgel gefunden als meine Eigennässe. Es ist schon fast so als würde die Eigennässe auf besondere Art und Weise mit der Schleimhaut interagieren, als würde das noch alles – die Lust, die Geilheit, die Intensität jeder Berührung – verstärken – während die Gleitgels halt einfach nur ….gleiten.

Schön ist dieses Gefühl von Lust und Geilheit um 11 Uhr morgens. Carpe Diem!

Bis später 😉

[Und wann habt Ihr so spontan Lust auf Sex? habt Ihr das auch? Gibt es so etwas wie einen Sexlustrhythmus, wie es einen Schlafrhythmus gibt?…..]

Körperbilder

Sex macht schön. Innerlich. Das Gefühl begehrt, erfüllt zu sein, keine Regeln zu brauchen. Nur den Moment. Sex macht schön. Jeder Zentimeter des Körpers füllt sich mit dem Glauben: Ich bin toll. Post-Orgasmus oder einfach nur nach langem ausgiebigen Betasten eines anderen Körpers. Sex macht schön. Gefühlt schön, den eigenen Körper zu lieben trotz all dieser Dinge, die in anderen Stunden vielleicht als Makel, als Schwachstelle, als nicht ideal in unseren Köpfen herum spuken. Gespenster einer Werbe- und Schönheitsindustrie, Geister erzeugt von unserer eigenen Unsicherheit nicht dem zu genügen, was gemeinhin als Schönheitsideal gilt. Sex macht schön.

Schönheitsideale sind Teil der menschlichen Geschichte und werden in Zukunft ebenso ihre Berechtigung haben wie in der Vergangenheit. Maler, Dichter, Kunst jeder Art nutzt nicht nur den weiblichen Körper als Quelle der Inspiration, doch ebenso zur Kritik gesellschaftlicher Gepflogenheiten. Oscar Wildes Dorian Gray ist ein schöner, unangetasteter Jüngling, dessen Sexappeal und Anziehungskraft von seiner anmutigen Gestalt herrührt – sein Porträt hingegen altert und verfällt mit seinen Verbrechen und seiner wachsenden Verdorbenheit. Schönheit und Verfall als Spiegelbild der Seele.

Schönheitsideale ändern sich ständig oder wie eine Freundin angesichts voluminöser Frauenkörper auf Spätrenaissance-Gemälden sehnsüchtig anmerkte: „Ich bin definitiv in der falschen Zeit geboren.“ Doch so sehr wir manchmal diesen heute – angesichts Silicon-Implantaten und androgyner Modelkörper – so viel natürlicher wirkenden Frauenbildern hinterhertrauern: Extreme hat es immer gegeben, die Versuche den Körper dem anzupassen, was gerade „In“ ist.

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Fat Admiration

Als ich etwa in der siebten Klasse war kam Twilight raus. Ich hatte zuvor die Bücher gelesen und fand die filmische Umsetzung mehr als mangelhaft, die Darsteller für Edward und Bella schlecht gewählt. Den Jacob-Darsteller Taylor Lautner konnte ich als Werwolf akzeptieren, doch ein Phänomen verstand ich nicht: Die Mädchen* in meiner Peergroup schienen beim Anblick des notorisch T-Shirt befreiten Jacob fast in Ohnmacht zu fallen, sie schwärmten von seinen Muskeln, insbesondere seinem Sixpack. Ich wunderte mich schon etwas, schließlich stand ich doch auch auf Jungs*, wieso nicht auf ihn?

Als ich meinen Freundinnen* von meinem ersten mal nackt mit einem Jungen erzählte, war ich ein bisschen enttäuscht als ihre erste Frage lautete: „Hat er ein Sixpack?“. Ehrlich gesagt, ich wusste es nicht einmal, das war das Allerletzte worauf ich geachtet hatte. Zum 15. Geburtstag schenkte ich einer Freundin einen Kalender mit schwarz-weißen Bildern von nackten Männern mit mehr Muskeln als menschlich zu sein scheint, ich wusste sie würde sich darüber freuen auch wenn ich persönlich von den Fotos fast ein wenig angeekelt war.

Trotz dieser Erfahrungen dauerte es noch fast zwei Jahre bis es mir dann irgendwann (nachts im Bett, allein) wie Schuppen von den Augen fiel und ich fing erstmal an zu lachen: ich steh auf dicke Männer*, auf Dehnstreifen, Männertitten und Maurer-Dekolletes und hab es jahrelang nicht kapiert.

Ich gebe tatsächlich teilweise ‚den Medien’ die Schuld, es gibt offiziell nur eine Sorte Männer* die attraktiv zu finden ist und die hat im Idealfall sichtbare Bauchmuskeln. Auf der Gegenseite werden zumindest ab und zu Männer* erwähnt, die dicke_fette Frauen* bevorzugen, auch wenn es nur verspottet wird.

Ich entdeckte darauf hin dank Emily von xoJane, dass ich a) nicht allein bin und es b) bei Schwulen offenbar anders aussieht, mit ‚Bear Culture’ und Co. Auch der entsprechende Wikipedia Eintrag behauptet dass ‚wir’ einfach nicht viele sind: „Die meisten Fat Admirer sind männlich.“

Seltsamer Weise geht meine optische Präferenz nicht komplett nach Gewicht sondern dünne, nicht muskulöse Männer* folgen den BHM auf dem Fuße.

Obwohl mir meine Präferenz seit zwei Jahren klar ist, hatte ich in dieser Zeit nur mit zwei dicken Männern Sex, was nur ca. 15% der Gesamtmenge ausmacht. Ich bedaure das und kann es mir selbst nicht wirklich erklären, hoffe aber auf zukünftige Besserung.

Dies ist aus mehreren Gründen ein schwieriger Beitrag. Erstens werden darin Männer abgefeiert, obwohl wir hier auf einem feministischen Blog sind, zweitens sehen manche meine beschriebene Sexualpräferenz als eine Fetischisierung von Menschen und somit als komplett negativ. Ich verstehe diesen Einwand, aber ich denke es sollte bekannt werden, dass an dem Spruch „für jeden Topf ein Deckelchen“ was dran ist. Auch Männer* sind, wenn auch in weitaus geringerem Maße, von Fat Shaming bzw. Thin Privelege betroffen.

Ich schreibe aus gutem Grund nicht mit Klarnamen, einem (potenziellen) Sexualpartner würde ich hiervon nicht erzählen, eben weil er sich fetischisiert/unattraktiv fühlen könnte, je nachdem an welcher Seite des Gewichtsspektrums er sich befindet. Es ist halt ziemlich schade, einer meiner dicken Sexualpartner glaubte mir kein einziges positives Wort zu seinem Körper, er dachte ich belüge ihn, das könne eins unmöglich schön finden.

Einmal erzählte mir ein dicker jüngerer Schüler aus dem Internat, dass er selbst eigentlich nichts dagegen hätte, wie er aussieht, aber er „will ja nicht für immer Jungfrau bleiben“. Ich hätte ihm so gern erzählt dass sein Aussehen da weniger entscheidend ist als er denkt (aber es wäre wohl trotzdem unangebracht gewesen).

Sexualität, Lust und Gefahr

Einer der Gründe, warum ich an diesem Blog mitmache, ist die (in meiner Wahrnehmung) Fixierung der feministischen Debatten und medialen Präsenz auf Erfahrungen von Gewalt, vor allem sexueller und sexualisierter Gewalt. Das ist an und für sich ein notwendiger Bestandteil einer größeren Debatte, aber es ist gerade dieser größere Rahmen, der aus meiner Sicht fehlt.

Im sichtbaren feministischen Diskurs erscheint weibliche Sexualität immer als gefährdet. Die Gefahr des Sexismus, der Gewalt, des Angrabschens, der Diskriminierung, usw. usf. lauert an allen Ecken und hat bei mir dazu geführt, dass ich irgendwann Schuldgefühle entwickelt habe, weil ich ….äh…. keine Gewalt erfahren habe. Moment. Äh…. hallo….. das stimmt ja auch wieder nicht! Im Genervtsein von der Fixierung auf Gewalt habe ich ganz vergessen, dass ich auch solche Erfahrungen gemacht habe: Die Erfahrung, dass sich jemand meine Sexualität geklaut hat, ohne mich zu fragen… Und hätte er gefragt, hätte ich nicht zustimmen können. Ich habe nicht beim #aufschrei mitgemacht. Ich habe meine Gewalterfahrungen für mich behalten. Sie gehören mir und ich habe das Gefühl mich selbst zu verletzen, wenn ich sie einer Öffentlichkeit preisgeben würde, die weder an meiner Erfahrung noch an meinen sehr persönlichen Verarbeitungsstrategien interessiert ist.

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Im Spiegel sehe ich Puzzleteilchen

Seit ich mit meinem Freund zusammenbin, ist mein Bild von mir selbst mehrmals in tausend Stücke zersprungen und ich habe es wieder zusammengesetzt. Bestimmt sind die meisten dieser Puzzlestücke wieder dort, wo sie vorher waren. Aber ganz viele sind woanders, oder neu dazugekommen. Oder hatten einfach keinen Platz mehr.

Ich war bis in meine späten Zwanziger Jungfrau. Aus Angst. Angst, wieder in eine Situation zu geraten, die ich nicht bestimmen kann. Ein Bekannter, damals schon erwachsen, hat mich bei einer Familienfeier unter einem Vorwand in ein Zimmer gelockt und mich zu Boden gedrückt und begrapscht. Sonst nichts? Nein, sonst nichts. Glaube ich.

Ich konnte seither einfach kein Vertrauen zu jenen Männern fassen, die Interesse an mir zeigten. Zu groß die Sorge, dass ich nicht „so glimpflich“ davonkommen würde. Dass niemand da wäre, der mich schreien hören würde. Ich hatte ihm gedroht, ich würde schreien. Und er hätte ja nicht genug Hände frei, mich am Boden zu halten, zu befummeln und mir auch noch den Mund zuzuhalten. Mag sein, dass es ein leichtes für ihn gewesen wäre, er war ja viel größer und stärker als ich. Aber ich konnte ihm Angst einjagen und er ließ mich gehen. Zumindest glaube ich, dass das so war.

Eine andere hat ihn viele Jahre später angezeigt, als er schon Frau und Kind hatte. Mehrere seiner Opfer haben ausgesagt. Von allen Missbrauchsvorwürfen wurde er freigesprochen, Verjährung und so – aber sie haben kinderpornografisches Material bei ihm gefunden. Er hat sich umgebracht, statt in den Knast zu gehen. Ich habe Lust, ihn feige zu schimpfen – aber es kommt mir schäbig vor.

Ich habe das Gefühl, meine halbe Jugend versäumt zu haben. Ich hab keinen Liebesbrief bekommen, ich bin mit niemandem „gegangen“. Ich war nie auf irgendeiner „Top 5 Mädchen in der Klasse“-Liste. Meinen ersten „richtigen“ Kuss hatte ich mit 17, ich war schon etwas beschwipst, aber er war auch nicht gerade nüchtern. Aber sehr zärtlich und er hat mich zu nichts gedrängt – ich hab ihm erklärt ich würde in dieser Nacht nicht mit ihm schlafen, und das war ok für ihn. Er meinte, meine Brüste wären perfekt. (Fand ich nicht, aber es war ein wunderbares Kompliment. Und ich bin sicher, dass es ehrlich gemeint war.) Ich hab mich verliebt, aber er wollte keine Freundin, er wollte nur einen vergnüglichen Abend haben. Auch das war ehrlich. Aber umso mehr wollte ich ihn, denn er bot eine Projektionsfläche für meine Sehnsüchte.

Denn alle, die mich auch wollten, haben mir Angst eingejagt. Ich bin vor ihnen teils im Wortsinn weggelaufen, hab mich nie wieder gemeldet. Es tut mir Leid, Andi, Thomas, Simon, Sascha (und einige mehr) … ich konnte keine Worte finden, um es Euch zu erklären. Dass ich Zeit brauche. Dass Ihr Geduld haben musst. Und achtsam sein müsst, weil ich ein Problem hab.

Und wie kommt Ihr eigentlich dazu, auf mich Rücksicht nehmen zu müssen? Ihr habt mich nicht verkorkst und Ihr schuldet mir gar nichts. Im Gegenteil, Ihr hättet es verdient, dass ich Euch fair behandle.

Ich wollte in Therapie gehen, aber ich hab den Mut nicht aufgebracht. Ich hab einfach verdrängt, dass ich sexuelle Bedürfnisse habe, und mich ganz in Job und Studium vertieft.

Dann schließlich hab ich meinen Freund kennengelernt. Ich war interessiert, aber als ich merkte, dass er es auch war, begann ich meinen üblichen Rückzug. Er schrieb mir, dass er sich verliebt hätte, und dass er nicht wüsste, wie es mir geht. Dass er aber keine Lust hätte, Spielchen zu spielen und ich möge bitte Klartext sprechen, was ich eigentlich will. Und da wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich genau das tun wollte. Und musste. So schwer es auch war – und f***, das war es! Ich habe, obwohl ich seinen Charakter anders einschätzte, ein Worst Case-Szenario erwartet: Dass er mich auslacht, sich abwendet und nichts von mir wissen will.

Ich bin zu ihm gefahren, und hab ihm alles erzählt. Vorher hatte ich meine Geschichte meiner Mutter (Jahre zu spät), einer Polizeibeamtin und während der Verhandlung einer auf mich gerichteten Kamera erzählt. Nun hatte ich sie einem Mann erzählt, zu dem ich Gefühle entwickelt hatte. Vor dem ich toll sein wollte.

Doch er wollte mich trotzdem. Mein ganzes Ich, mit allen Ängsten und Narben und Lasten, die ich mit mir schleppte. Und er will mich noch immer, nach inzwischen mehreren Jahren. Ich hab alles, was ich verpasst hatte nachgeholt: Die Aufregung beim ersten Mal, die Aufregung, ob ihn die FreundInnen mögen würden. Das Vorstellen der Eltern. Ich hab Liebesbriefe bekommen. Ich bin händchenhaltend, verliebt schauend mit ihm durch die Stadt spaziert (tun wir noch immer *g*). Ich hab das erste Mal krank sein und umsorgt werden nachgeholt, und das für jemanden sorgen, der krank ist. Das erste Mal wütend sein, weil ihm Unrecht getan wurde. Das erste Mal stolz sein, weil ihm etwas gut gelungen ist. Ich erinnere mich genau, als er das erste Mal in meinen Armen eingeschlafen ist und ich überwältigt war von allem, was ich fühlte. Geborgenheit. Und tiefes Vertrauen.

Ich kann mit ihm *alles* teilen. Das Gute, das Schlechte im Alltag. Die schier unzähmbare Begierde, die mich immer wieder überrollt; manchmal einfach nur wenn er mich neckisch angrinst oder er nackt vor mir steht. Ich teile mein bestgehütetstes Geheimnis mit ihm, meine eigene, lange vernachlässigte Sexualität. Und das Glück das man fühlt, wenn einem klar wird, wieviel körperliche Freuden man jemandem verschaffen kann. Aber auch die Zweifel, die immer wieder mal an mir nagen. Meine Angst vor der Sadistin, die er und ich in mir entdeckt haben. Ebenso die Verwirrung, als ich meine submissive Seite erkannt habe, die so im Widerspruch zu meiner feministischen Überzeugung zu stehen schien.

Es sind viele Puzzleteilchen, die heute mein Selbstbild ausmachen. Manche sind für mich schon eindeutig dort, wo sie hingehören. Das Teilchen „Sexualität“ ist größer und wichtiger geworden, als ich es je gedacht hätte. Ich habe mich als sexuelles Wesen begriffen, als Frau mit vielschichtigen sexuellen Bedürfnissen. Und ich weiß mittlerweile, dass ich vieles geben kann; dass ich auch viele seiner Bedürfnisse befriedigen kann.

Manche Teilchen verschiebe ich noch. Was meine Kinks sind, weiß ich noch nicht so genau, da gibt es noch so vieles auszutesten und zu lernen. Und ich habe jemanden, mit dem ich das ausprobieren kann, weil er genauso neugierig und experimentierfreudig ist wie ich.

Manche Teilchen habe ich weggelegt, wie das „Du bist es nicht wert, von einem guten Mann als Ganzes geliebt zu werden“. Vielleicht für immer. Weil ich weiß, dass es einen guten Mann gibt, der mich genau kennt und der mich liebt, so wie ich bin, als Ganzes. Auch meine Vorurteile gegenüber BDSM habe ich abgelegt, denn ich habe gelernt, dass uns Dinge Spaß machen, die ich für abartig gehalten habe. Solange es alle Beteilgten wollen und es eben „safe, sane & consensual“ ist, spricht nichts dagegen, mal etwas härter und/oder fieser ranzugehen.

Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich immer wieder ein anderes Ich und entdecke immer noch neue Seiten an mir. Und ich habe jemanden an meiner Seite, der die Entdeckungsreise mit mir geht, mir Mut zuspricht wenn ich zögere und mich auffängt, wenn ich hinfalle. Und sich mit mir freut, wenn ich mich über eine neue Entdeckung oder eine neue schöne Erfahrung freue.

Das Schönste dran: Inzwischen weiß ich nicht nur, dass er mich liebt, ich VERSTEHE es auch. Ich kann es NACHEMPFINDEN. Ich habe gelernt, dass ich es wert bin, mich selbst zu lieben. All inclusive.