Beziehungssex: Yay!

[Disclaimer: Dies ist mal wieder eine persönliche Abhandlung eines Themas, in das ich natürlich nur begrenzt Einsicht habe. Tiefere Betrachtungen dysfunktionaler Beziehungen klammere ich aus, sowohl, weil dies den Rahmen sprengen würde, als auch, weil ich mich dazu nicht qualifiziert genug fühle, und nicht zuletzt, weil ich beispielsweise Machtdynamiken und Sexualität an dieser Stelle konzeptuell getrennt lassen möchte. (So künstlich diese Trennung in der Realität auch sein mag.)]

 

Mein erstes Mal war ohne Schmetterlinge im Bauch, zwar mit Vorsatz, aber zu nervös um enthusiastisch zu sein. Ich war mit diesem Mann nicht zusammen und würde es auch nie sein. Ich war noch nicht einmal darauf aus. Es war kein besonders positives, aber auch kein besonders negatives Erlebnis. Es war halt. Ich musste noch lernen. Ich wollte noch lernen.
Überhaupt zögerte ich in meinen früheren Single-Zeiten nie sonderlich, mit jemandem „in der Kiste zu landen“. Sex an sich war für mich persönlich nie eine große Angelegenheit. Aufregend ja – tatsächlich reagiere ich noch heute mit einem gereizten Magen auf Sex mit einer neuen Person –  und oftmals auch sehr schön, aber nicht dramatisch oder sinnstiftend.

Etwas anders ist das, so sagt man uns, wenn man Sex in einer romantischen Beziehung hat: In monogamen Beziehungen schwingt oft unausgesprochen – weil per default – eine Art gegenseitige Verpflichtung mit, für die sexuelle Zufriedenheit der anderen Person „zuständig“ zu sein. Wie sonst soll man sich auch sexuell aufeinander beschränken? Und das ist ja das, was man in einer romantischen Beziehung tut, sagt man uns seit kleinauf. Auf diese Weise wird Sex dann aber doch sinnstiftend, bisweilen sogar zu einer dramatischen Angelegenheit, denn Sex wird zum Gegenstand eines „Vertrages“, dessen Kleingedrucktes ohne konkrete Absprachen zu vage gehalten ist, um sich im Konfliktfall auf diese vermeintlichen Abmachungen verlassen zu können.

Sex in einer Beziehung kommt daher mit einer hohen Wahrscheinlichkeit mit einem Rattenschwanz an Anforderungen und Erwartungen. Das gilt natürlich längst nicht nur für Sex: Die „bessere Hälfte“ hat nunmalhalt implizit die Aufgabe, möglichst Perfekt in ihrer Komplementarität zu sein. Aber Sex ist etwas, von dem wir erst einmal lernen, dass es Exklusiv für Beziehungen wäre. Und somit ist es wahrscheinlich problematischer, wenn man sexuell in einer monogamen Beziehung nicht (mehr) harmoniert, als wenn man zum Beispiel ein Hobby nicht teilt. Woher soll man „es“ auch bekommen, wenn nicht vom/von der Partner_in, mit dem/der man in einer sexuell exklusiven Beziehung ist? Und so kommt es schnell zu einer Kompromissbereitschaft, die womöglich für beide Seiten suboptimal ausfällt.

Trotzdem habe ich meinen monogamen Beziehungssex genossen: Zum einen, weil Beziehungssex für mich immer Sex mit einem Menschen war, dem ich vertraute, den ich kannte und auf den ich mich daher leicht einstellen konnte. Gleichzeitig ist es schön mit jemandem Sex zu haben, der meinen Körper hinreichend gut kennt um mir zielsicher einen Orgasmus zu beschehren. Wobei all das natürlich nicht nur romantischen Paarbeziehungen vorbehalten ist, sondern etwa auch „friends with benefits“.
Ein anderer, sehr wichtiger Aspekt speziell an der Monogamie war, worum ich mich eben nicht kümmern musste: Auszuhandeln, wie frei die Wahl von Sexpartner_innen außerhalb der Beziehung sein darf; wie man mit Safer Sex nicht nur innerhalb sondern auch außerhalb der Beziehung umgehen möchte; wie viel man von dem nicht gemeinsamen Sexualleben der/des Anderen wissen möchte; wie man mit romantischen Gefühlen zu Dritten umgehen will; ob Sexualkontakte stets vorher individuell abgesprochen werden müssen;…
Und ja, es hat mir damals auch einfach gefallen, nicht mit den Unsicherheiten leben zu müssen, die die bewusste Auseinandersetzung mit diesen Fragen bringt. Denn auch, wenn die Einigung auf Monogamie nicht bedeutet, dass man vor all diesen Fragen sicher ist (garantierte Treue gibt es halt nicht), fühlt sich eine offene Beziehung nach… nunja, einer sperrangelweit offenen Tür an, wo man im Fall einer monogamen Beziehung eben nur eine angelehnte zu haben meint.
Der vielleicht wichtigste Aspekt am Beziehungssex ist für mich aber, dass es für mich tatsächlich einen Unterschied macht, ob Liebe im Spiel ist oder nicht: Ich ziehe mehr Befriedigung aus empathischen Beobachtungen der Körperreaktionen der/des Anderen wodurch sich die Lust gegenseitig aufschaukelt. Und das Kuscheln danach macht mich glücklicher als mit einem anderen Menschen. Für mich passen Liebe und Sex gut zusammen, auch wenn sie nicht untrennbar sind. Das ist eine Typfrage, aber sicherlich eine, die mir persönlich das Liebesleben bisher versüßt hat.

Sicher: Beziehungssex kann einschlafen. Damit wiederum habe ich selbst wenige Erfahrungen. Meine wenigen Erfahrungen machen da bisher auch nicht optimistisch: Ist die Lust beidseitig eingeschlafen, ist die Motivation, etwas an der Lage zu ändern, auch begrenzt. Und an sich ist das ja auch nichts, was problematisiert werden müsste: Wenn man weniger Lust hat, gibt es eben auch weniger Gründe Sex zu haben. Problematisch wird das, wenn die Lust entweder nicht symmetrisch abflacht und/oder wenn jemand Neues das sexuelle Interesse wieder erweckt und man daraufhin merkt, was man „vermisst“ hat. Das entspricht zumindest meinen direkten und indirekten Erfahrungen: Man sieht keinen Grund zum Handeln, „lernt“ dadurch, dass sich in der Beziehung sexuell nichts mehr ändern wird und wird dann durch eine andere Bekannstchaft daran erinnert, dass die eigene Lust noch immer stark und lüsternd ist. Und dann ist die Frage: Was nun?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie gut man eingeschlafenen Beziehungssex wieder beleben kann. An dieser Stelle wird man von mir daher keine konstruktiven Gedanken erwarten können. Für mich persönlich ist das Abflachen der Lust aufeinander etwas, das ich mit dem Ende einer Beziehung in Verbindung bringe, weil ich es mit meinen Partnern, wenn es auftrat, nicht überwunden habe. Inzwischen mag ich Sex aber nicht mehr zur kritischen Ressource in meinen Beziehungen erklären. Ich liebe meinen Beziehungssex aus all den oben genannten Gründen, aber ich möchte nicht, dass mein Partner und ich sexuell füreinander „zuständig“ sind. Das ist keine Lösung, da es ja wie oben beschrieben völlig andere Probleme aufwirft, aber in einer Phase, in der aus praktischen Gründen Sex über Monate sehr selten war, merke ich schon ein wenig, dass „Ich könnt mir ja wen anders für den Sex zwischendurch suchen“ durchaus entspannend sein kann – für beide Seiten – sofern die Problemstellungen einer offenen Beziehung keinen größeren Leidensdruck als den einer exklusiven Beziehung hervorrufen.

 

Unterm Strich ist Beziehungssex also durchaus eine hoch komplexe Sache und das zum Teil, gerade weil es uns als das einfachste und natürlichste der Welt dargestellt wird. Beziehungssex ist daher etwas, das man als persönliches Versagen empfinden kann, wenn dieser nicht gut läuft oder gar zum Ende einer Beziehung führt. Gleichzeitig kann der Sex selbst aber durchaus einer der unkompliziertesten überhaupt sein, da man sich langfristig aufeinander einstellen kann, da man die Vorlieben und Kinks der/des Anderen (zu einem gewissen Grad) kennt und weil man (hoffentlich) weiß, wie man sich einfach aber eindeutig Konsens signalisiert. Das ist an romantische Beziehungen zwar nicht gebunden, werden aber viele vor Allem oder sogar ausschließlich aus diesem Kontext kennen. Und dann ist dieser gute Sex doch wohl gut, oder? Gut.

Insofern ist Beziehungssex für mich persönlich bisher und aktuell ein „yay“.