rape culture in my head

Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sex für mich wäre, ohne rape culture.

Was ich weiß, ist dass ich ein Mensch bin, der sich tendenziell sehr für Sex und generell auch auf einer körperlichen Schiene für andere Menschen interessiert. Ich weiß auch, dass ich als Teenager, bevor ich „sexuell aktiv“ wurde (der Begriff ist natürlich Blödsinn, meine Sexualität war ja vorher auch da und auch nicht inaktiv oder gar passiv), genaue Vorstellungen von meinen erwachsenen sexuellen Beziehungen hatte, denen ich mich jetzt, nach viel Heilung, wieder mehr annähere. Und dass ich sogar damals schon bedauert habe wie sehr mein Verständnis von Sexualität und das meiner Peers von einem sexistischen, sex-negativem und sehr kodifizierten Normensystem geprägt war, das viel Unbefangenheit verhindert hat.

Und eben die rape culture.

Die ersten erotischen Geschichten, die ich gelesen habe, handelten von Vergewaltigung. Die wurden in den Texten stark romantisiert und ich fand die Schilderungen als Kind selbst aufregend. Das war in der Fernsehzeitung meiner Großeltern. Ich war acht. Das war noch bevor alle Internet hatten und Pornos geguckt haben. Dass Sex, Sexismus und Gewalt mit einander zu tun haben, habe ich auch schon vorher, als noch kleineres Kind gelernt – daran wie Leute um mich herum miteinander umgegangen sind.

Ich weiß nicht wie es ist, mit Männern zu flirten, zu küssen oder andere Dinge zu tun, ohne zu befürchten, dass sie denken, ich hätte ihnen damit etwas „versprochen“, was sie hinterher – eventuell mit Gewalt – von mir einfordern wollen. Ich weiß nicht wie es ist, von geliebten Menschen ein “ich will dich” zu hören, ohne irgendwie trotzdem irgendwo ganz schwach mit zu hören “und was du willst, ist mir egal”. Ich kann die sexualisierte Gewalt und Bedrohung nicht vergessen, die ich erfahren habe, obwohl ich die einzelnen Ereignisse teilweise doch vergessen habe. Ich kann nicht verlernen, dass das in unserer Kultur nichts Besonderes ist, sondern im Gegenteil etwas Gewöhnliches, mit dem Frauen* eben leben müssen. Es war nie anders.

Ich habe sehr viel schönen Sex gehabt bisher in meinem Leben mit tollen Leuten, die an meiner Lust interessiert waren und meine Bedenken ernst genommen haben. Ich bin ziemlich kinky und eigentlich ziemlich dominant. Ich mag BDSM. Und auch in Situationen, in denen ich mich gar nicht dominant verhalte, hatte ich – mit den tollen Menschen – immer Kontrolle darüber, was passiert. Trotzdem löscht das alles nicht die schlechten Erfahrungen, die Befürchtungen, die Kultur.

Selbst mit Leuten, denen ich vertrauen kann, habe ich immer wieder Momente, in denen ich mich sehr erschrecke und schlimme Dinge von ihnen erwarte. Ich habe das als Ausnahme erlebt, dass ich Leuten überhaupt so vertrauen kann, dass ich mich auf Sex mit ihnen einlasse.

Ich glaube, dass ich auf sexueller Ebene noch viel mehr Spaß hätte haben können, ohne diese Ängste und schlimmen Erfahrungen. Und mehr Leute hätten mehr Spaß haben können mit mir. Denn die Leute, denen ich vertrauen kann, müssen ja nun mit darunter leiden, dass ich ihnen regelmäßig Dinge unterstelle, die mit ihnen persönlich gar nicht viel zu tun haben. Oder dass ich plötzlich weinen muss, obwohl wir grade noch ganz scharf aufeinander waren.

Ich frage mich manchmal, warum das nicht mehr Grund ist – insbesondere für Männer – gegen rape culture zu kämpfen.

natürlich, menstruieren!

Das große Tabu-Thema Menstruation war heute mal wieder in meiner Timeline: Der Spiegel hat es entdeckt, schreibt aber nichts Neues. 

Dankenswerterweise gab es in den letzten Jahren immer mal wieder ein paar gute Artikel feministischer Autor*innen, die über ihre Perspektive schrieben, über die eigene Körperwahrnehmung, über Schmerzen und was hilft und über Alternativen zu Tampons und Binden. Edit: So eine richtig tolle Idee ist es ja nämlich nicht, mit Watte Schleimhäute trocken zu legen, die nun mal lieber nicht trocken sein sollten. Und Windeln waren schon als Kind ätzend, warum sollte man so etwas freiwillig tragen?

Viele schreiben über Menstassen, die auf Dauer viel günstiger sind weil sie immer wieder benutzt werden können und die sich für viele angenehmer anfühlen und zu weniger Schmerzen führen. Und bei kreativen Eingebungen kann eins hinterher sogar noch was machen mit dem Menstruationsblut.
Ich kenn mich damit nich wirklich aus, ich hab noch nie eine benutzt. Lest gern darüber etwas nach, z.b. bei ringelmiez.

Persönlich habe ich, nachdem das Internet mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass das ja auch eine Möglichkeit wäre, folgendes ausprobiert: menstruieren ohne alles! Also ohne Produkte, die ich dafür kaufen müsste. An dieser Stelle muss ich allerdings dazu sagen, dass ich noch nie sehr stark geblutet habe und mir die Idee auch aus diesem Grund so vorkam, dass es zumindest einen Versuch wert wäre.

Am Anfang fand ich das aber trotzdem eine sehr gewöhnungsbedürftige, seltsame Idee. Quasi ungeschützt rumlaufen und immer Angst haben, dass was „ausläuft“. Und überhaupt, läuft das nicht die ganze Zeit?

Ich habe gelernt: Nein, es läuft nicht die ganze Zeit. Im Gegenteil: Nachts z.b. läuft bei mir generell fast gar nichts. Morgens läuft weniger als nachmittags. Und wenn ich mich bewege, läuft mehr, als wenn ich den ganzen Tag mit Wärmflasche auf dem Sofa liege. Wenn ich viel Penetrationssex habe, läuft sogar so viel, dass das Menstruieren in ziemlich kurzer Zeit erledigt ist. Ich nehme an, die Menstassenbenutzer*innen haben vielleicht ähnlichen Erfahrungen gemacht?

Was mich aber vor allem beeindruckt hat, ist zu lernen: es ist keineswegs so, dass das Menstruationsblut einfach aus dem Körper raus läuft wie aus einem undichten Gefäß. Menstruieren ist nicht wie unter Inkontinenz leiden. Nein, mein Körper hält das Blut eine Weile. Es läuft vor allem dann raus, wenn ich loslasse. Wie beim pinkeln auch. Ich kann also genau das gleiche damit machen: aufs Klo gehen. Wirklich, das ist im Prinzip schon das Geheimnis der „freien“ Menstruation. Mit dem Blut so umgehen, wie wir das mit anderen Ausscheidungen selbstverständlich tun. Der Rest ist Übung.

Der Uterus hält allerdings dann doch nicht so gut dicht wie die Blase (ich frage mich: hauptsächlich wegen der mangelnden Übung?). Das hat am Anfang bedeutet, dass ich viel auf die Uhr gucken musste. Aus Sicherheitsgründen bin ich etwa jede Stunde aufs Klo gegangen. Und dort auch ein paar Minuten sitzen geblieben, um sicherzugehen, dass auch wirklich der ganze Schwall raus ist. Inzwischen merke ich ziemlich gut, wann ich „muss“ und kann mich darauf einstellen. Allerdings sind in den ersten zwei Tagen lange Reisen und Besprechungen nicht wirklich eine gute Idee. So mache ich es seit zwei Jahren und einen Unfall hatte ich in der Zeit genau einmal (Protipp: Blut kalt auswaschen!).

Ansonsten habe ich in der Zeit wirklich viel über meinen Körper und meine Menstruation gelernt. Das „freie“ Menstruieren ist für mich ein Anlass, mehr zu spüren, was da in mir eigentlich los ist und was ich brauche. Gut für selfcare, also.
Für das menstruieren ist schön, wie für andere Ausscheidungen auch, wenn ich die Füße hoch stellen kann. Nicole von Horst hat das schön auf kleinerdrei beschrieben. Insgesamt sind die Regelschmerzen durch das freie menstruieren ein bisschen zurück gegangen, besonders merke ich, dass das Loslassen auf der Toilette sofort dazu führt, dass sich die Krämpfe erstmal lösen. Ich sitze also heute länger auf dem Klo rum, wenn ich Schmerz habe, und liege weniger im Bett. Und danach kann ich inzwischen auch entspannter sein, weil ich aus Erfahrung weiß, dass sich das Blut jetzt erstmal sammelt und gar nichts laufen kann. Ich glaube mit Tampon hab ich trotzdem dauernd unterbewusst versucht, das festzuhalten.

Am besten finde ich daran aber wirklich die Freiheit. Einerseits vom Menstruationsprodukte-Kauf. Ein bisschen weniger Kapitalismus, Geld ausgeben und Müll – das ist doch schon was. Andererseits von dem Gefühl, irgendwie abweichend, krank, behandlungsbedürftig zu sein. Ich habe kein Problem, das sich in unkontrolliertem Auslaufen äußert und ich muss keine medizinisch anmutenden Produkte in mich oder in meine Unterhose stopfen. Ich kenne meine Körperfunktionen und ich geh einfach nur aufs Klo. Sonst nix.

Trieb ist doof

Sex-Trieb, so wird mir suggeriert, sei wie Durst. Ein körperliches Bedürfnis, das ich vielleicht sogar mit Gewalt durchsetzen würde, wenn es entsprechend dringlich wird.

Ich halte das für einen rape-culture-Mythos. Sein Zweck ist vor allem, Verhalten von Leuten zu entschuldigen, so als seien sie halt nicht zurechnungsfähig wegen des Triebs. Geil sein ist aber nicht wie durstig sein. Es geht zum Beispiel auch wieder weg, auch wenn das „Bedürnis“ nicht „befriedigt“ wird. Und auch Sex haben kann in einem Zustand von höchster Notgeilheit sehr unbefriedigend sein. Bei mir zumindest stellt sich das manchmal als unersättlich heraus, und irgendwann hört man halt auf, weil man ja nicht ewig weitermachen kann, evtl. noch angespannter und genervter als vorher.
Wenn ich nicht trinke, dann sterbe ich. Wenn ich keinen Sex habe, gewöhne ich mich mitunter auch einfach dran.

Gelegentlich wird ja gefordert, dass Leute, vor allem cismännliche Leute, ihren Trieb kontrollieren sollen. Anders damit umgehen. Warum nicht gleich das Konzept abschaffen und sich angucken, was da wirklich los ist? Was genau das ist, was sie vermeintlich nicht kontrollieren können?

Am ehesten ähnelt das Trieb-Konzept ja nicht dem durstig sein, sondern der Aggression. Auch die geht meistens von selbst wieder weg und auch sie wird nicht automatisch befriedigt, wenn man jemanden verhaut.
Und ich glaube, es ich kein Zufall, dass Sex in einem Kontext mit einem starken Trieb-Konzept, tatsächlich auch eher gewaltförmig, wie ein Gewaltrausch, gedacht wird. Das ist mindestens eine krasse Einschränkung von dem, was Sex alles sein kann.

Ich glaube, es würde uns gut tun, Agression und Sex und Sexyness, ebenso wie Zuneigung, Lust und Attraktion zu trennen. Und zu überlegen, was man eigentlich will, wenn man Sex will. Siehe auch hier. Wofür man dann noch Trieb braucht, ist mir nicht klar.

Edit: Was mich vor allem stört, ist glaube ich, dass der Trieb als etwas „natürliches“ oder rein biologisches konstruiert wird. Dabei hat das, wie wir „Trieb“ erleben, eine sehr große kulturelle Komponente. Es hat zum Beispiel viel damit zu tun, dass sich Leute (als Kultur) vorstellen, dass ihnen Sex zusteht oder zumindest zu einem lebenswerten Leben identitätsstiftend dazu gehört. Das trägt m.E. mehr zur empfundenen Dringlichkeit bei, als das körperliche Bedürfnis allein.

50 Shades of Schublade

Ich habe lange nicht mehr hier gebloggt, aber ich muss meinem Ärger Luft machen. Über 50 Shades of Grey. Ohne den Film gesehen zu haben. Mich regt daran so viel auf. Ich muss das hier loswerden, weil ich kann und will mich nicht outen. Und egal, wieviele Leute meinen, der Film mache BDSM salonfähig, ich halte dagegen. Der Film macht alles mögliche, aber er trägt nicht zum besseren Verständnis oder der größeren Akzeptanz von BDSM bei.

Aber der Reihe nach …

BDSM kennt Grenzen!

First things first, ein Vorwurf den nicht nur ich dem Film mache, sondern viele andere vor mir: Das ist sexuelle Belästigung (und einiges anderes), nicht BDSM. Christian Grey missachtet mehrfach Anas Protest, Unsicherheit, Souveränität … zusammengefasst: ihre psychischen und physischen Grenzen. Die Grenzen des (Spiel)partners zu achten ist eine Grundfeste von BDSM.

Ob das mit Safewords, Checks (nachfragen während des Spielens) oder mit Vertrauen, das aus tiefer Zuneigung, viel Kommunikation und viel gemeinsamer Erfahrung entsteht, gewährleistet ist, ist letztlich unwichtig. Ja, es gibt Leute, die auf Safewords verzichten und die auf „consensual non-consent“ stehen, also das bewusste, einvernehmliche Missachten von Grenzen … aber Ana ist Jungfrau, und das ist nun wirklich nicht die Art BDSM, mit der man starten sollte – glaubt mir das, ich weiß, wovon ich spreche. Zitat aus meinem eigenen Leben, als ich Mitte 20 war, Kurzfassung: „Ich bin übrigens noch Jungfrau.“ Antwort: „Oh … ich stehe auf BDSM.“

Bis er und ich Sex hatten, vergingen nach diesem Gespräch fast zwei Wochen. Bis zum ersten, zaghaften Herantasten an BDSM noch viele weitere. Ich habe mich zu 100% gut aufgehoben gefühlt – mit all meinen Unsicherheiten, Ängsten und Verständnisproblemen (fast alle Klischees, die ich heute kritisiere, habe ich selber geglaubt). Aber er war es mir wert, es zu versuchen … so wie damals, als es überhaupt zu dem erwähnten Dialog kam, was hier nachzulesen ist. Und ich bin, wie man so sagt, reingekippt. Und vielleicht schon etwas informierter und sogar mehr kinky als er – wobei, ob man das objektiv messen kann? Ist auch egal.

Jedenfalls hätte ich es nie zugelassen, so zu behandelt werden wie Ana. Und es ist widerlich, auf welche Art und weise BDSM hier mit Missbrauch vermischt wird und wie Grenzüberschreitungen normalisiert werden.

Nicht jede körperliche Züchtigung ist Missbrauch!

50 Shades of Grey kann man aus vielerlei Gründen (hab ich gelesen) verabscheuen: Es ist ein schlechter Film, ohne Erotik, ohne Charme. Was mich aber eben ganz besonders stört, ist dass durch die oben schon erwähnte Vermischung von BDSM und Grenzüberschreitungen auch der Eindruck entsteht, dass JEDE Art von körperlicher Züchtigung Tabu sei. Masochismus ist – sofern für Konsens, Vernunft und Sicherheit für beide Beteiligten gesorgt ist – nichts Abscheuliches.

Ich bin zwar wohl eher eine gemäßigte Masochistin, aber es ist aus vielen Gründen sehr schwer, sich und anderen das einzugestehen. Es gehört sich nicht, Schmerz geil zu finden. Und schon gar nicht will man als Feministin den Eindruck vermitteln, man fände physische Gewalt an Frauen per se ok oder gar antörnend. Mit Masochismus ist im Vergleich zu Sadismus sogar soviel mehr Stigma verbunden, dass obwohl ich das alles hier schreibe, ich mich lieber als sadistische Top outen würde, als als masochistische Sub.

Dennoch: Wenn (zwei) erwachsene, zurechnungsfähige Personen Spaß daran haben, einander einvernehmlich Schmerzen zuzufügen, dann gibt es dagegen nichts zu sagen.

Nicht alle Frauen sind submissiv!

Ein Phänomen, das mich regelmäßig auf die Palme bringt: Fast immer werden – in Pornos oder in Mainstream-Filmen wie 50 Shades of Grey – die Frauen als die Submissiven gezeigt; sogar als „von Natur aus submissiv“, Männer dominant. Auch im filmisch wesentlich wertvolleren „Secretary“. Ich frag mich nur: Wieso sind dann die ganzen Foren, Reddits, FetLife Threads voll mit Männern, die verzweifelt nach Dommes, Dominas oder Herrinnen (etc.pp.) suchen? Oder ihre zuckersüße Freundin magisch dominanter machen wollen. Ich lese das täglich.

Ich zum Beispiel schwanke zwischen beiden Extremen, manchmal von Tag zu Tag, manchmal von Monat zu Monat. Manchmal fühle ich mich dominant, und eine einzige Berührung von meinem Freund macht mich streichelweich und unterwürfig. Oder umgekehrt, ich stelle ihm frei, mit mir zu tun, was er will (er kennt meine Vorlieben und wir nutzen Checks bzw. Safewords), aber er tut irgendwas submissives und ich hab ihn 10 Minuten später ans Bett gefesselt. 😉  Ich fühle mich in beiden Rollen wohl – mal mehr in der einen, mal mehr in der anderen. Ich würde keine aufgeben wollen.

Viele Menschen sind wohl auf Dom(me) oder Sub festgelegt, aber davon abgesehen, meine Theorie: Viel mehr Leute als wir annehmen, Männer und Frauen, sind sexuell submissiv oder fühlen sich öfter submissiv. Weil wir im Alltag ständig Verantwortung tragen müssen, Entscheidungen fällen, wissen wo’s lang geht – auch wenn alles ständig verwirrter und unsicherer wird, sei es am Arbeitsplatz, in der europäischen Wirtschaftssituation, in der Diskrepanz zwischen erlernten und (von sich selbst) erwarteten Geschlechterrollen … es tut gut, sich mal fallen zu lassen und jemand anderen entscheiden zu lassen. Jemand, der es im Endeffekt gut mit einem meint und auf einen achtet – und, wie oben ausgiebist beschrieben, die eigenen Grenzen achtet.

Ich merke das bei mir – je mehr Stress ich in der Arbeit habe, je mehr Verantwortung ich übernehme, desto öfter sehne ich mich abends danach, einfach nicht nachdenken zu müssen sondern einfach zu tun, was er mir sagt. Und auch so versaut sein zu dürfen, wie ich bin, ohne meine Vernunft und brave Erziehung dazwischenfunken zu lassen.

Man mag nicht BDSM, weil man missbraucht wurde!

Christian Grey mag ja angeblich BDSM, weil er von einer Freundin seiner Mutter missbraucht wurde. Damit wiederholt man die alte Leier, dass BDSMler traumatisiert, psychisch krank oder gestört seien. Und das mag auf manche zutreffen, wie es in jeder x-beliebigen Gesinnungsgemeinschaft welche gibt – aber es ist NICHT der Auslöser, der einen kinky macht.

Nicht alle Kinkster wurden missbraucht und nicht alle Missbrauchsopfer werden kinky. Wenn jemand (angeblich werden Opfer ja oft zu Tätern) missbraucht wurde und deshalb andere missbrauchen „will“ oder „muss“, dann ist er/sie ein/e SexualstraftäterIn und nicht Kinkster. Ende der Debatte.

BDSM, das neue Kuriositätenkabinett?

Mit BDSM (oder was Medienmacher dafür halten) lässt sich derweil gutes Geld verdienen. Man wirft alle oben genannten Schubladisierungen in einen Topf, mischt noch eine Prise gefährliches Halbwissen dazu und stellt BDSM als neuesten Trend in Sachen Absurdität zur Schau. Und ruft gleichzeitig zum „Aufpeppen“ des öden Sexlebens auf, weil ein bisschen kann man sich von den Perversen ja abgucken, ne? Ich will gar nicht wissen, wieviele Menschen deshalb in peinliche Situationen geraten, oder gar in der Notfallambulanz landen.

Man fesselt als Neuling nicht einfach jemand mit grauen Seidenkrawatten – das rutscht viel zu sehr! Und Kabelbinder werden immer nur enger und schnüren leicht das Blut ab – in diesen Artikeln steht NIE wie man Knoten macht oder dass man eine Schere (am besten eine speziell dafür) zur Hand haben sollte.

BDSM ist – in vielen seiner Ausprägungen – auch Handwerk. Und auch wenn mir „Lebenseinstellung“ für mich persönlich ein klein bisschen zu weit geht, dann möchte ich doch meinen, dass es mehr ist als ein Trend, den man so im Vorbeigehen ausprobieren kann, ohne sich zu informieren, darüber zu lernen und ausgiebig mit dem/der/den PartnerInnen darüber zu reden.

Nehmt den Scheiß ernst, Leute! Nehmt uns ernst. Und wenn alles geklärt ist, dann nehmt uns. Gerne auch hart. 

Die Spielgefährtin

14149467162_23bb176027_qDie Spielgefährtin ist nicht nur ein Pseudonym für eine der Autorinnen dieses Blogs. „Spielgefährtin“ ist eine Einstellung, wenn es um Sexualität, Partnerschaft und Beziehungen geht. Und während die Spielgefährtin hier weiblich ist, kann Spielgefährt* jedes Geschlecht, jede sexuelle Orientierung haben.

Die Spielgefährtin spielt. Damit ist natürlich Sex gemeint.

Die Spielgefährtin ist unabhängig und ungebunden. In der stigmatisierenden Sprache von heute würden sie manche entweder als „Schlampe“ oder als „beziehungsunfähig“ beschreiben – für Männer würde wohl „Arschloch“ genutzt werden. Die eine spielt zu viel und ohne sich endlich auch mal zu binden. Die andere hat keine festen Beziehung, weshalb irgendetwas mit ihr nicht stimmt.

Ich drehe hier den Spieß um und sage: Spielgefährt* sein, ist das neue „Single“ oder „Solo“ oder beziehungsunfähig – für all diejenigen, die für kurz oder lang die Entscheidung getroffen haben, Zeit mich sich zu verbringen und mit anderen eben nur zu spielen – und im Spiel gerne auch mit ihnen befreundet zu sein. Weiterlesen

Messalina: Vorbild und Erfinderin des Gangbang?

Valeria Messalina heiratete mit 20 Jahren den ältlichen römischen Kaiser Claudius (um 50 n. Chr.). Claudius tolerierte ihr Sexualleben, das sie dazu führte, unter dem Arbeitsnamen Lycisca im Puff zu arbeiten. Sie liebte es, Veranstaltungen zu organisieren, bei denen sie mit vielen Männern schlief. Heute nennt man das Gangbangs.

Beim Gangbang treffen viele Männer auf einige Frauen („Männerüberschuss“) in einem offenen Raum. Typisch wäre ein Verhältnis von 10 Männern auf eine Frau, also z. B. 4 Frauen und 40 Männer. Auf einer großen Matratze, der „Spielwiese“, stehen die Frauen für die verabredete Zeit (z. B. 5 Stunden) allen Männern sexuell zur Verfügung, so oft die Männer es wünschen und die Frau einverstanden ist. Auf der Spielwiese sind alle nackt, und die Männer kommen der Reihe nach zum Zuge. Außerhalb der Spielwiese sind die Frauen ebenfalls nackt, die Männer tragen meistens Bademäntel. Auf der Spielwiese steht alles zur Verfügung, was benötigt wird: Kondome, Gleitcreme, Zewas, Eimer zum Entsorgen. Sexuell wird alles geboten, was die Frauen akzeptieren: Ficken in allen Stellungen, Blasen, Mundfick, Deep Throat, Anspritzen, Anal. Das Aufstellen der Schwänze durch die Frau entfällt, die Männer wichsen sich selbst hoch (oder das Zuschauen reicht), und solange bis sie bei einer der Frauen zum Zuge kommen wichsen sie weiter, um den Ständer zu halten. Manchmal spritzen sie auch ab. Die Frauen können auch einen Mann blasen, während ein anderer sie fickt. Oder (ganz artistisch), man macht einen „Sandwich“: die Frau liegt auf einem Mann und fickt, während ein zweiter Mann sie anal fickt. Schwierig zu machen, allerdings.

Ein Gangbang braucht einen Organisator, der die Frauen und Männer zusammenbringt. Die Frauen erhalten ein festes Honorar, und zwar ein sehr ansehnliches. Für die Pausen gibt es ein Büffet mit einfachen Speisen und Getränken. Es herrscht vollkommene Offenheit, alle gehen sehr höflich miteinander um, und jeder betreibt seinen Genuss nach besten Kräften und Können.

Der Gangbang ist die Königsdisziplin der Prostitution. Hier verliert die sexuelle Begegnung auf Seiten der Männer jegliche Individualität. Es geht hier um den reinen Sex an sich. Die Männer verschwimmen zu einem „Mann an sich“. Auf Seiten der Frauen ist es jedoch vollkommen das Gegenteil. Das Individuum der Frau wird zum Star der Menge: die Männer drängen sich um sie, bewundern und begehren sie, und zwar genau um diese Frau, die ihnen gefällt. Für die Frau ist ein Gangbang eine grandiose Selbstbestätigung.

Als Frau benötigt man einige Kunstgriffe. Man muss mit der Gleitcreme umgehen können. Man muss die Clit möglichst geschützt lassen, sonst kann es unangenehm werden. Man muss innerlich locker sein und sich auf die Situation und die Männer einstellen können.

Ein Gangbang hat für die Frau etwas Triumphales … wenn es gut läuft und wenn die Frau es beherrscht. Die Argumentation der Bundesregierung, der Gangbang verletze die „Würde der Frau“, ist unverständlich: hier sind Leute am Werk, die niemals kennengelernt haben, worüber sie hier urteilen.

 

 

 

 

Die dunkle Macht der Sexualität: „Hysterical Literature“

Das klassische Erziehungsmuster für die Frau begegnet uns in vielen Formen immer wieder: eine Frau will eigentlich gar keinen Sex, Sex ist etwas, das diese haarigen Wesen, die Männer wollen und das die Frau eben mit sich machen lässt, weil die Männer das unbedingt wollen; Ziel der Sexualerziehung insbesondere und vor allem für die Frau ist die kontrollierte Sexualität, die „verantwortungsvoll gestaltete“ Sexualität – und das meint die sparsame, auf die Fortpflanzung innerhalb der Festbeziehung beschränkte Sexualität; unter keinen Umständen darf eine Frau erkennen lassen, dass sie Sex will und sucht.

Aber die Sexualität ist eine dunkle, gewaltige Macht – sie unterdrücken zu wollen ist, wenn überhaupt, nur zum Preis schwerster Beschädigung möglich. Sexualität ist ein klopfender, schlagender Teil des seelischen Blutkreislaufs und sowenig vom Selbst abzutrennen wie das Herz aus dem Körper zu schneiden ist. Nicht im Einklang mit sich selbst zu sein übersteht niemand auf längere Zeit ohne tiefe Verletzungen.

Clayton Cubitt, ein amerikanischer Künstler und Fotograf, hat in seinem Projekt „Hysterical Literature“ diese Gewalt der Sexualität künstlerisch dargestellt:

http://www.hystericalliterature.com

Gezeigt werden  Videosequenzen von Frauen mit einer festgelegten Handlung. Die Frauen sitzen an einem schlichten, weißen Tisch. Man sieht nur ihren Oberkörper. Sie halten ein Buch in der Hand, aus dem sie einige Absätze vorlesen. Buch und vorgelsenes Kapitel haben sie selbst ausgewählt. Die Frauen tragen sehr korrekte, klassische Kleidung. Der Hintergrund ist schwarz. Die Aufnahmen sind nüchternes Schwarzweiß – wie eine „Tagesschau“ im ARD der 60er Jahre.

Unter dem Tisch aber, unsichtbar für den Betrachter, sind die Frauen nackt. Eine Assistentin des Regisseurs handhabt einen Vibrator (den sehr guten Hitachi-Vibrator) und „lenkt die Vorleserin ab“. Damit man das Surren des Vibratos nicht hört gibt es noch eine Decke.

Die Frauen sind angewiesen, nüchtern und konzentriert ihren Text vorzulesen, und die „Ablenkung“ nach Möglichkeit zu unterdrücken. Sie stellen das asexuelle Rollenbild dar, das die Sexualität unterdrückt, kontrolliert, ausblendet – wie man es denn sehen will. Aber die Gewalt unter dem Tisch und unter der Decke lässt sich nicht verbieten. Nach ungefähr eineinhalb Minuten muss die Lesung kurz für einen tiefen Atemzug unterbrochen werden. Immer öfter bricht sich die verborgene Macht ihre Bahn, kleine Seufzer, Stöhnen, Unterbrechungen, nach denen sich die Vorleserin wieder fängt, für ein immer kürzer werdendes Zeitintervall, bis schließlich der Aufstand alle Herrschaft wegschwemmt.

Die Aufnahmen sind schön und geschmackvoll – und die künstlerische Botschaft ist überzeugend. Die Bilder sind hocherotisch, aber von Pornographie weit entfernt. Schön zusehen!

 

Beziehungssex: Yay!

[Disclaimer: Dies ist mal wieder eine persönliche Abhandlung eines Themas, in das ich natürlich nur begrenzt Einsicht habe. Tiefere Betrachtungen dysfunktionaler Beziehungen klammere ich aus, sowohl, weil dies den Rahmen sprengen würde, als auch, weil ich mich dazu nicht qualifiziert genug fühle, und nicht zuletzt, weil ich beispielsweise Machtdynamiken und Sexualität an dieser Stelle konzeptuell getrennt lassen möchte. (So künstlich diese Trennung in der Realität auch sein mag.)]

 

Mein erstes Mal war ohne Schmetterlinge im Bauch, zwar mit Vorsatz, aber zu nervös um enthusiastisch zu sein. Ich war mit diesem Mann nicht zusammen und würde es auch nie sein. Ich war noch nicht einmal darauf aus. Es war kein besonders positives, aber auch kein besonders negatives Erlebnis. Es war halt. Ich musste noch lernen. Ich wollte noch lernen.
Überhaupt zögerte ich in meinen früheren Single-Zeiten nie sonderlich, mit jemandem „in der Kiste zu landen“. Sex an sich war für mich persönlich nie eine große Angelegenheit. Aufregend ja – tatsächlich reagiere ich noch heute mit einem gereizten Magen auf Sex mit einer neuen Person –  und oftmals auch sehr schön, aber nicht dramatisch oder sinnstiftend.

Etwas anders ist das, so sagt man uns, wenn man Sex in einer romantischen Beziehung hat: In monogamen Beziehungen schwingt oft unausgesprochen – weil per default – eine Art gegenseitige Verpflichtung mit, für die sexuelle Zufriedenheit der anderen Person „zuständig“ zu sein. Wie sonst soll man sich auch sexuell aufeinander beschränken? Und das ist ja das, was man in einer romantischen Beziehung tut, sagt man uns seit kleinauf. Auf diese Weise wird Sex dann aber doch sinnstiftend, bisweilen sogar zu einer dramatischen Angelegenheit, denn Sex wird zum Gegenstand eines „Vertrages“, dessen Kleingedrucktes ohne konkrete Absprachen zu vage gehalten ist, um sich im Konfliktfall auf diese vermeintlichen Abmachungen verlassen zu können.

Sex in einer Beziehung kommt daher mit einer hohen Wahrscheinlichkeit mit einem Rattenschwanz an Anforderungen und Erwartungen. Das gilt natürlich längst nicht nur für Sex: Die „bessere Hälfte“ hat nunmalhalt implizit die Aufgabe, möglichst Perfekt in ihrer Komplementarität zu sein. Aber Sex ist etwas, von dem wir erst einmal lernen, dass es Exklusiv für Beziehungen wäre. Und somit ist es wahrscheinlich problematischer, wenn man sexuell in einer monogamen Beziehung nicht (mehr) harmoniert, als wenn man zum Beispiel ein Hobby nicht teilt. Woher soll man „es“ auch bekommen, wenn nicht vom/von der Partner_in, mit dem/der man in einer sexuell exklusiven Beziehung ist? Und so kommt es schnell zu einer Kompromissbereitschaft, die womöglich für beide Seiten suboptimal ausfällt.

Trotzdem habe ich meinen monogamen Beziehungssex genossen: Zum einen, weil Beziehungssex für mich immer Sex mit einem Menschen war, dem ich vertraute, den ich kannte und auf den ich mich daher leicht einstellen konnte. Gleichzeitig ist es schön mit jemandem Sex zu haben, der meinen Körper hinreichend gut kennt um mir zielsicher einen Orgasmus zu beschehren. Wobei all das natürlich nicht nur romantischen Paarbeziehungen vorbehalten ist, sondern etwa auch „friends with benefits“.
Ein anderer, sehr wichtiger Aspekt speziell an der Monogamie war, worum ich mich eben nicht kümmern musste: Auszuhandeln, wie frei die Wahl von Sexpartner_innen außerhalb der Beziehung sein darf; wie man mit Safer Sex nicht nur innerhalb sondern auch außerhalb der Beziehung umgehen möchte; wie viel man von dem nicht gemeinsamen Sexualleben der/des Anderen wissen möchte; wie man mit romantischen Gefühlen zu Dritten umgehen will; ob Sexualkontakte stets vorher individuell abgesprochen werden müssen;…
Und ja, es hat mir damals auch einfach gefallen, nicht mit den Unsicherheiten leben zu müssen, die die bewusste Auseinandersetzung mit diesen Fragen bringt. Denn auch, wenn die Einigung auf Monogamie nicht bedeutet, dass man vor all diesen Fragen sicher ist (garantierte Treue gibt es halt nicht), fühlt sich eine offene Beziehung nach… nunja, einer sperrangelweit offenen Tür an, wo man im Fall einer monogamen Beziehung eben nur eine angelehnte zu haben meint.
Der vielleicht wichtigste Aspekt am Beziehungssex ist für mich aber, dass es für mich tatsächlich einen Unterschied macht, ob Liebe im Spiel ist oder nicht: Ich ziehe mehr Befriedigung aus empathischen Beobachtungen der Körperreaktionen der/des Anderen wodurch sich die Lust gegenseitig aufschaukelt. Und das Kuscheln danach macht mich glücklicher als mit einem anderen Menschen. Für mich passen Liebe und Sex gut zusammen, auch wenn sie nicht untrennbar sind. Das ist eine Typfrage, aber sicherlich eine, die mir persönlich das Liebesleben bisher versüßt hat.

Sicher: Beziehungssex kann einschlafen. Damit wiederum habe ich selbst wenige Erfahrungen. Meine wenigen Erfahrungen machen da bisher auch nicht optimistisch: Ist die Lust beidseitig eingeschlafen, ist die Motivation, etwas an der Lage zu ändern, auch begrenzt. Und an sich ist das ja auch nichts, was problematisiert werden müsste: Wenn man weniger Lust hat, gibt es eben auch weniger Gründe Sex zu haben. Problematisch wird das, wenn die Lust entweder nicht symmetrisch abflacht und/oder wenn jemand Neues das sexuelle Interesse wieder erweckt und man daraufhin merkt, was man „vermisst“ hat. Das entspricht zumindest meinen direkten und indirekten Erfahrungen: Man sieht keinen Grund zum Handeln, „lernt“ dadurch, dass sich in der Beziehung sexuell nichts mehr ändern wird und wird dann durch eine andere Bekannstchaft daran erinnert, dass die eigene Lust noch immer stark und lüsternd ist. Und dann ist die Frage: Was nun?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie gut man eingeschlafenen Beziehungssex wieder beleben kann. An dieser Stelle wird man von mir daher keine konstruktiven Gedanken erwarten können. Für mich persönlich ist das Abflachen der Lust aufeinander etwas, das ich mit dem Ende einer Beziehung in Verbindung bringe, weil ich es mit meinen Partnern, wenn es auftrat, nicht überwunden habe. Inzwischen mag ich Sex aber nicht mehr zur kritischen Ressource in meinen Beziehungen erklären. Ich liebe meinen Beziehungssex aus all den oben genannten Gründen, aber ich möchte nicht, dass mein Partner und ich sexuell füreinander „zuständig“ sind. Das ist keine Lösung, da es ja wie oben beschrieben völlig andere Probleme aufwirft, aber in einer Phase, in der aus praktischen Gründen Sex über Monate sehr selten war, merke ich schon ein wenig, dass „Ich könnt mir ja wen anders für den Sex zwischendurch suchen“ durchaus entspannend sein kann – für beide Seiten – sofern die Problemstellungen einer offenen Beziehung keinen größeren Leidensdruck als den einer exklusiven Beziehung hervorrufen.

 

Unterm Strich ist Beziehungssex also durchaus eine hoch komplexe Sache und das zum Teil, gerade weil es uns als das einfachste und natürlichste der Welt dargestellt wird. Beziehungssex ist daher etwas, das man als persönliches Versagen empfinden kann, wenn dieser nicht gut läuft oder gar zum Ende einer Beziehung führt. Gleichzeitig kann der Sex selbst aber durchaus einer der unkompliziertesten überhaupt sein, da man sich langfristig aufeinander einstellen kann, da man die Vorlieben und Kinks der/des Anderen (zu einem gewissen Grad) kennt und weil man (hoffentlich) weiß, wie man sich einfach aber eindeutig Konsens signalisiert. Das ist an romantische Beziehungen zwar nicht gebunden, werden aber viele vor Allem oder sogar ausschließlich aus diesem Kontext kennen. Und dann ist dieser gute Sex doch wohl gut, oder? Gut.

Insofern ist Beziehungssex für mich persönlich bisher und aktuell ein „yay“.

Erfahrungen in der Prostitution

Als ich Schülerin war, hatten meine Eltern zum Zwecke meiner naturwissenschaftlichen Bildung ein belehrendes und lehrreiches Magazin („PM“) abonniert. Ich war 17, als dieses Magazin eine Sondernummer zum Thema „menschliche Sexualität“ brachte. Unter anderem war dort ein Interview mit einer jungen Prostituierten, das mich elektrisierte. Die Frau sah gut aus, sie sah mir sogar ähnlich (ihr Gesicht war nicht zu erkennen) – und sie berichtete sehr positiv von ihrer Arbeit, völlig anders als man das als wohlerzogene brave Tochter hört und liest. Damit war eine Idee gesät, die mich nicht mehr losgelassen hat. Ein unerklärliches Etwas, eine magnetische Kraft zog mich an. Wenige Monate später war ich fest entschlossen, mich auf diesem Feld wenigstens einmal auszuprobieren.

Vieles kam dazwischen, was mich beschäftigte: Schulabschluss, Wegzug zum Studium, Einleben an der Universität in der fernen Stadt. Es fiel mir auch nicht leicht, naiv wie ich war, eine Gelegenheit zum Einstieg zu finden. Prostitution ist sehr vielfältig, und natürlich hatte ich Angst vor Zuhältern, Gewalt, Kriminalität. Und natürlich wusste ich auch nicht, „wie es sein würde“, und ob ich tatsächlich mit vielen Unbekannten schlafen könnte. Aber da war immer diese dunkle Macht, die mich vorwärtsgetrieben hat.

Meinen ersten Arbeitsplatz habe ich dann mit schon 21 durch einen Zufall gefunden, ein sogenanntes Wohnungsbordell in einem großen Mietshaus. Die Erfahrung war absolut überraschend: eine sehr seriöse, angenehme Chefin, ein elegantes und sauberes Ambiente, nette und hutaussehende Kolleginnen, mehrheitlich deutsch. Ganz anders als eine Leserin der Alice Schwarzer es für möglich halten würde.

An meinem ersten Arbeitstag hatte ich sechs Männer – mehr als in meinem ganzen Vorleben. Ich war von mir selbst überrascht, wie leicht es mir fiel. Das war übrigens wörtlich auch die Erfahrung, die das Mädchen aus dem Magazin berichtet hat. Ich mochte das Gefühl, begehrt zu werden, und die Selbstbestätigung, die man erfährt. Natürlich, den Sex mochte und mag ich auch. In keiner Weise hatte ich das Gefühl einer Erniedrigung, wie es die Feministinnen suggerieren, im Gegenteil. Die Männer sind meistens ganz normale Männer, natürlich sehen sie nicht alle blendend aus – aber meine Erfahrung ist, dass die Freude am Sex nicht unbedingt vom Äußeren abhängt.

Ich will wirklich nicht sagen, dass Prostitution ohne alle Probleme ist. Natürlich ist das nicht so. Aber die meisten Problemfälle hängen damit zusammen, dass jemand in dieses Feld aus den falschen Motiven geht. Nur der Wunsch, viel Geld zu verdienen, reicht nicht aus. Für jemand, der nicht mit Kindern umgehen kann oder will, ist der Lehrerberuf die Hölle auf Erden, jedermann kennt davon Fälle. Als Zahnarzt anderen Leuten in der mehr oder weniger appetitlichen Mundhöhle herumzustochern erfordert eine innere Konditionierung der besonderen Art, wenn es für ein ganzes Berufsleben ausreichen soll.

Was ich hier sagen will: auch in der Prostitution sind positive Erfahrungen möglich, Prostitution kann Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit vermitteln, und für manche Frauen ist sie offensichtlich eine adäquate Möglichkeit, ihre Sexualität zu leben. Gut, ich bin eine Hure – aber ich bin stolz darauf.

Francoise Fortier

sex – what is it good for?

ich habe vor einer weile eine diskussion gelesen, in der es darum ging, ob sexarbeit nun zu care gerechnet werden kann oder nicht. darauf will ich jetzt gar keine antwort geben. mir ist dabei aber aufgefallen, dass die antwort der leute unter anderem auch sehr davon abhängt, was sex denn genau sein soll und welche bedürfnisse damit befriedigt werden.
ich glaube nämlich gar nicht unbedingt, dass es ein bedürfnis nach sex an sich gibt. es gibt lust, das ist aber nicht das gleiche. ich glaube, leute, wenn sie sex haben wollen, damit bestimmte bedürfnisse befriedigen wollen, die aber ganz unterschiedlich sein können. deswegen stellen sich verschiedene leute in verschiedenen situationen ja auch ganz unterschiedliche dinge vor, die sie wollen, wenn sie sex wollen.

was kann sex alles sein, wofür kann es gut sein? was wollen menschen, wenn sie sex wollen?
zum beispiel:
nähe ausdrücken, intimität, sich nahe sein
mit menschen etwas teilen, was man sonst eher versteckt
sich akzeptiert, gewollt, begehrt fühlen
eine gewisse kreativität ausleben, sich ausdrücken
etwas  heimliches, evtl. verbotenes tun
kontrolle haben oder verlieren, sich ausliefern
spannung abbauen, entspannung
abschalten, andere sachen vergessen oder verdrängen
sich körperlich verausgaben
sich spüren
jemanden spüren
sich auf sich konzentrieren
sich wieder wie als kind fühlen
gebraucht werden oder jemanden brauchen
intensität, was krasses erleben
orgasmen? kann das ein bedürfnis sein, orgasmen zu haben?

interessant ist, dass diese ganzen bedürfnisse ja auch anders befriedigt werden können. ich kann sport machen, oder kunst, oder arbeiten, oder fallschirmspringen, jemanden pflegen oder meditieren. das finde ich tröstlich, denn es heißt, dass ich mich um meine bedürfnisse  auch kümmern kann, wenn sex mit anderen menschen grade keine option ist.
das tolle an sex ist, dass damit so viele unterschiedliche bedürfnisse auf einmal befriedigt werden können.

welche gibt es wohl noch, die da rein passen?