Mein Liebestagebuch

In meinem Freund*innenkreis kamen wir zuletzt ins Gespräch über Erinnerungen – an Menschen, die uns mal besonders wichtig waren oder mit denen wir besondere Momente geteilt hatten. Eine Freundin stellte fest, dass es ihr schwer fiele, in ihrem Kopf überhaupt nur alle die Menschen zusammenzukriegen, mit denen sie in ihrem Leben schon Sex gehabt hatte, und machte sich in den folgenden Tagen daran, mal eine umfassende Liste zusammenzustellen. Dabei wurde klar, wie innerhalb weniger Jahre die Erinnerungen an verschiedene Situationen sich miteinander vermischen können, wie leicht zeitliche Reihenfolgen durcheinandergeraten und so weiter. Mit gemeinsamer Rückerinnerung an verschiedene Situationen schaffte sie es dann aber doch ganz gut. 🙂

Ich fühlte mich davon inspiriert und sponn den Gedanken weiter: wie könnte ich sicherstellen, dass ich in ein paar Jahren mich noch richtig an diese Menschen und Situationen erinnern würde? Ich sehe mein Liebesleben als einen Entwicklungsprozess, an dem ich besonders in den letzten Jahren ganz massiv gewachsen bin. Ich will aber auch nicht vergessen, wo ich herkam und darüber reflektieren können, was früher war. Nach einiger Überlegung öffnete ich ein neues Textdokument auf meinem Rechner und tippte die folgenden Zeilen:

Liebes Tagebuch (haha, verstehst du den Wortwitz? :3),

so etwas wie dich hatte ich in meinem Leben noch nicht. Und wahrscheinlich werde ich auch tatsächlich nicht täglich in dich schreiben, vielleicht bist du auch mehr eine Art Logbuch.

Dich gibt es, weil ich jetzt 27 bin und schon eine ganze Menge erlebt habe. Mit Menschen, die mir wichtig sind oder es mal im Leben waren. Und ich möchte mich gerne zurückerinnern können, wie es früher war – aber mein Gedächtnis ist teilweise wie ein Sieb, oder es vermischen sich so viele Dinge dabei, dass es schwierig wird.

Ich möchte hier in dir einerseits Steckbriefe von Personen anfertigen, die ich liebe oder geliebt habe; egal ob jetzt auf romantische oder erotische Weise. Nicht jede Person, mit der ich mal Sex hatte, wird hier auftauchen – die, die es tun, sind mir auf besondere Weise wichtig. Und ja, du darfst dich über teils schlüpfrige Bilder freuen, die ich dir anvertraue. Ich hab da in meinem Leben schon so einigen Cuties begegnen dürfen… 🙂 Aber auch über Veranstaltungen, die mich in meiner Liebes-Entwicklung bereichert haben, möchte ich hier schreiben. Und last but not least will ich anfangen, zu jeder Person mit der ich in meinem Leben irgendwann mal Sex hatte zu dokumentieren, wann und wo und unter welchen Umständen es dazu gekommen ist.

Mein Liebestagebuch ist ein einfaches Textdokument auf meinem Rechner. Die Textverarbeitung LibreOffice kann es direkt mit einem langen Passwort verschlüsseln und damit vor fremdem Zugriff schützen. Es wird trotzdem sicherheitshalber nicht in einer Dropbox oder sonstwo landen und auch niemals gedruckt vorliegen, denn die Informationen sind wirklich ausschließlich für meine Augen bestimmt.

Ich begann chronologisch bei meiner ersten Jugendliebe (mit der ich nie eine Beziehung oder Sex hatte). Die Erinnerung daran war schön. Ich schrieb über meine großen Unsicherheiten, über meine Enttäuschung als es nicht klappte, aber auch über die schönen Momente und wie es mich dann zu meiner ersten Beziehung führte. Die Wörter flossen nur so in die Tastatur. Ich umrahmte die Steckbrief-Texte bald mit einigen sehr hübschen Fotos (Tipp: „Rechtsklick“->“Bild kompromieren“ verhindert, dass das Textdokument hinterher hunderte Megabyte auf die Waage bringt) – auf der ersten Seite ganz normale aus unserem Beziehungsleben, auf der zweiten Seite dann auch pornografische, die wir gemeinsam aufgenommen hatten.

Ich schreibe zu allen Personen auch über den Sex den wir hatten, was ihn auszeichnete und was ich insgesamt an diesen Menschen wertschätze. Wie ein roter Faden schlängelt sich mein Beziehungs- und Liebschaftsleben nun durch mein Liebestagebuch. Es ist ein Ort für mich geworden, in dem ich ganz für mich alleine meine Geschichte erzählen und in Erinnerungen schwelgen kann. Es ist noch nicht fertig, und über die Veranstaltungen wie z.B. Sex- und Playparties, die mich geprägt haben, habe ich noch nicht einmal begonnen zu erzählen. Aber wie mein Liebesleben ist eben auch das ein Prozess, und ich nehme mir gerne einmal Zeit dazu, wieder etwas hinzuzufügen. In der Hoffnung, dass sich auch in fünf oder zehn Jahren meine Erinnerung an diese Zeiten sich wieder auffrischen lässt.

Wie handhabt ihr dieses Thema? Dokumentiert ihr eure Liebschaften und Beziehungen in irgendeiner Form? Welche Methoden funktionieren für euch und was klappt einfach mal so gar nicht?

Natanji schreibt auch auf femgeeks.de und natanji.wordpress.com.

Trieb ist doof

Sex-Trieb, so wird mir suggeriert, sei wie Durst. Ein körperliches Bedürfnis, das ich vielleicht sogar mit Gewalt durchsetzen würde, wenn es entsprechend dringlich wird.

Ich halte das für einen rape-culture-Mythos. Sein Zweck ist vor allem, Verhalten von Leuten zu entschuldigen, so als seien sie halt nicht zurechnungsfähig wegen des Triebs. Geil sein ist aber nicht wie durstig sein. Es geht zum Beispiel auch wieder weg, auch wenn das „Bedürnis“ nicht „befriedigt“ wird. Und auch Sex haben kann in einem Zustand von höchster Notgeilheit sehr unbefriedigend sein. Bei mir zumindest stellt sich das manchmal als unersättlich heraus, und irgendwann hört man halt auf, weil man ja nicht ewig weitermachen kann, evtl. noch angespannter und genervter als vorher.
Wenn ich nicht trinke, dann sterbe ich. Wenn ich keinen Sex habe, gewöhne ich mich mitunter auch einfach dran.

Gelegentlich wird ja gefordert, dass Leute, vor allem cismännliche Leute, ihren Trieb kontrollieren sollen. Anders damit umgehen. Warum nicht gleich das Konzept abschaffen und sich angucken, was da wirklich los ist? Was genau das ist, was sie vermeintlich nicht kontrollieren können?

Am ehesten ähnelt das Trieb-Konzept ja nicht dem durstig sein, sondern der Aggression. Auch die geht meistens von selbst wieder weg und auch sie wird nicht automatisch befriedigt, wenn man jemanden verhaut.
Und ich glaube, es ich kein Zufall, dass Sex in einem Kontext mit einem starken Trieb-Konzept, tatsächlich auch eher gewaltförmig, wie ein Gewaltrausch, gedacht wird. Das ist mindestens eine krasse Einschränkung von dem, was Sex alles sein kann.

Ich glaube, es würde uns gut tun, Agression und Sex und Sexyness, ebenso wie Zuneigung, Lust und Attraktion zu trennen. Und zu überlegen, was man eigentlich will, wenn man Sex will. Siehe auch hier. Wofür man dann noch Trieb braucht, ist mir nicht klar.

Edit: Was mich vor allem stört, ist glaube ich, dass der Trieb als etwas „natürliches“ oder rein biologisches konstruiert wird. Dabei hat das, wie wir „Trieb“ erleben, eine sehr große kulturelle Komponente. Es hat zum Beispiel viel damit zu tun, dass sich Leute (als Kultur) vorstellen, dass ihnen Sex zusteht oder zumindest zu einem lebenswerten Leben identitätsstiftend dazu gehört. Das trägt m.E. mehr zur empfundenen Dringlichkeit bei, als das körperliche Bedürfnis allein.

Warum ich (nicht) poly bin

Oft mag ich gar nicht mehr erzählen, dass ich poly(amor) bin, also mehrere Beziehungen führe. Das, was Leute dann in erster Linie hören, ist nämlich fast immer “Sex! Sie hat mit mehreren Leuten Sex! OMG! Fremdgehen und das dann auch noch offen erzählen!!!”
Ich bin aber nicht poly geworden, weil ich ganz besonders viel Sex mit verschiedenen Menschen haben wollte. Dafür gibt’s ja auch schon ein Lebensmodell, das heißt Single sein. Keine Bindungen und Verpflichtungen an feste Partner_innen, dafür viel Sex haben. Oder halt auch nicht, wenn sich niemand findet, aber das ist ja immer so.
Ich habe tatsächlich nur mit einem von den drei Leuten, die mit mir mehr oder weniger regelmäßig in einem Bett schlafen, das, was sich die meisten unter “Sex” vorstellen. Lustigerweise musste ich poly werden, um herauszufinden, dass ich eigentlich vielleicht doch nur mit einer Person schlafen will. Früher als Langzeitbeziehungsmensch habe ich oft die Singles beneidet, die auf Parties einfach mit irgendwem rumknutschen durften. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass ich es sehr schätze, mit neuen Menschen zu flirten, dass ich Körperlichkeit auch in Freundschaften wichtig finde, aber dass die Leute, mit denen ich wirklich intime Beziehungen mit viel emotionaler und körperlicher Nähe eingehen will, doch sehr wenige sind. Dass ich zwar gerne Leute an mich heran lasse, es aber einen Unterschied gibt zwischen “Leute attraktiv finden” und “mit Leuten Sex haben wollen” und dazwischen noch viele interessante Dinge möglich sind.
In erster Linie habe ich mit mit meinem damals einzigen Partner für poly als Beziehungsmodell entschieden, weil wir uns nicht trennen wollten. Weil klar war, dass bestimmte Bedürfnisse nicht zusammenpassen bei uns, aber wir uns trotzdem kein Leben ohne einander vorstellen konnten. Es war eben keine Entscheidung für mehr Abenteuer, sondern für mehr Beständigkeit.
Mich regt es manchmal auf, wenn über poly immer wieder so einseitig als easy lifestyle für privilegierte Leute berichtet wird. Wo rumvögeln kein Problem mehr ist, weil man sich ja drüber nicht anlügt. Als ob es reichen würde, einfach immer alle zu informieren. Wo alle ständig auf der Suche nach neuen Partner_innen sind. Und wo es immer in erster Linie um Sex geht. Das klingt mir immer noch sehr nach dem Single-Lebensmodell, nur mit mehr Ehrlichkeit.
Ja, klar, dieses poly gibt es, und es macht bestimmt Spaß und darf auch gefeiert werden.
Aber diese einseitigen Darstellungen tragen auch dazu bei, poly als Beziehungsform nicht so richtig ernst zu nehmen. Es klingt zu viel nach jungen Leuten, die eben Sachen ausprobieren (und dann auch wieder sein lassen, wenn sie älter werden). Was dabei zu kurz kommt, ist das füreinander-da-sein. Die Beständigkeit, auch mit mehreren Leuten. Die Verantwortung, die alle übernehmen. Nicht nur füreinander, sondern zuerst für die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen, Gefühle und Gedanken. All die Dinge, mit denen ein Poly-Lebensmodell erwachsener ist, als die meisten unreflektierten Mono-Lebensmodelle.
Das größte Problem ist wahrscheinlich, Menschen in Poly-Konstellationen als homogene Gruppe wahrzunehmen und von vielen Sachen als gegeben auszugehen. Nur weil wir poly sind, haben wir noch keine Gemeinsamkeiten.
Im Zweifelsfall kann ich mich über meine Beziehungsprobleme besser mit anderen Leuten reden, die auch grade sehr verliebt sind, oder pan- oder bisexuell sind oder eifersüchtig oder die über die Geschlechter-Rollen-Dynamiken in ihren Beziehungen nachdenken, als mit anderen Leuten, die auch poly sind (und das meistens ganz anders leben als ich).

Beziehungssex: Yay!

[Disclaimer: Dies ist mal wieder eine persönliche Abhandlung eines Themas, in das ich natürlich nur begrenzt Einsicht habe. Tiefere Betrachtungen dysfunktionaler Beziehungen klammere ich aus, sowohl, weil dies den Rahmen sprengen würde, als auch, weil ich mich dazu nicht qualifiziert genug fühle, und nicht zuletzt, weil ich beispielsweise Machtdynamiken und Sexualität an dieser Stelle konzeptuell getrennt lassen möchte. (So künstlich diese Trennung in der Realität auch sein mag.)]

 

Mein erstes Mal war ohne Schmetterlinge im Bauch, zwar mit Vorsatz, aber zu nervös um enthusiastisch zu sein. Ich war mit diesem Mann nicht zusammen und würde es auch nie sein. Ich war noch nicht einmal darauf aus. Es war kein besonders positives, aber auch kein besonders negatives Erlebnis. Es war halt. Ich musste noch lernen. Ich wollte noch lernen.
Überhaupt zögerte ich in meinen früheren Single-Zeiten nie sonderlich, mit jemandem „in der Kiste zu landen“. Sex an sich war für mich persönlich nie eine große Angelegenheit. Aufregend ja – tatsächlich reagiere ich noch heute mit einem gereizten Magen auf Sex mit einer neuen Person –  und oftmals auch sehr schön, aber nicht dramatisch oder sinnstiftend.

Etwas anders ist das, so sagt man uns, wenn man Sex in einer romantischen Beziehung hat: In monogamen Beziehungen schwingt oft unausgesprochen – weil per default – eine Art gegenseitige Verpflichtung mit, für die sexuelle Zufriedenheit der anderen Person „zuständig“ zu sein. Wie sonst soll man sich auch sexuell aufeinander beschränken? Und das ist ja das, was man in einer romantischen Beziehung tut, sagt man uns seit kleinauf. Auf diese Weise wird Sex dann aber doch sinnstiftend, bisweilen sogar zu einer dramatischen Angelegenheit, denn Sex wird zum Gegenstand eines „Vertrages“, dessen Kleingedrucktes ohne konkrete Absprachen zu vage gehalten ist, um sich im Konfliktfall auf diese vermeintlichen Abmachungen verlassen zu können.

Sex in einer Beziehung kommt daher mit einer hohen Wahrscheinlichkeit mit einem Rattenschwanz an Anforderungen und Erwartungen. Das gilt natürlich längst nicht nur für Sex: Die „bessere Hälfte“ hat nunmalhalt implizit die Aufgabe, möglichst Perfekt in ihrer Komplementarität zu sein. Aber Sex ist etwas, von dem wir erst einmal lernen, dass es Exklusiv für Beziehungen wäre. Und somit ist es wahrscheinlich problematischer, wenn man sexuell in einer monogamen Beziehung nicht (mehr) harmoniert, als wenn man zum Beispiel ein Hobby nicht teilt. Woher soll man „es“ auch bekommen, wenn nicht vom/von der Partner_in, mit dem/der man in einer sexuell exklusiven Beziehung ist? Und so kommt es schnell zu einer Kompromissbereitschaft, die womöglich für beide Seiten suboptimal ausfällt.

Trotzdem habe ich meinen monogamen Beziehungssex genossen: Zum einen, weil Beziehungssex für mich immer Sex mit einem Menschen war, dem ich vertraute, den ich kannte und auf den ich mich daher leicht einstellen konnte. Gleichzeitig ist es schön mit jemandem Sex zu haben, der meinen Körper hinreichend gut kennt um mir zielsicher einen Orgasmus zu beschehren. Wobei all das natürlich nicht nur romantischen Paarbeziehungen vorbehalten ist, sondern etwa auch „friends with benefits“.
Ein anderer, sehr wichtiger Aspekt speziell an der Monogamie war, worum ich mich eben nicht kümmern musste: Auszuhandeln, wie frei die Wahl von Sexpartner_innen außerhalb der Beziehung sein darf; wie man mit Safer Sex nicht nur innerhalb sondern auch außerhalb der Beziehung umgehen möchte; wie viel man von dem nicht gemeinsamen Sexualleben der/des Anderen wissen möchte; wie man mit romantischen Gefühlen zu Dritten umgehen will; ob Sexualkontakte stets vorher individuell abgesprochen werden müssen;…
Und ja, es hat mir damals auch einfach gefallen, nicht mit den Unsicherheiten leben zu müssen, die die bewusste Auseinandersetzung mit diesen Fragen bringt. Denn auch, wenn die Einigung auf Monogamie nicht bedeutet, dass man vor all diesen Fragen sicher ist (garantierte Treue gibt es halt nicht), fühlt sich eine offene Beziehung nach… nunja, einer sperrangelweit offenen Tür an, wo man im Fall einer monogamen Beziehung eben nur eine angelehnte zu haben meint.
Der vielleicht wichtigste Aspekt am Beziehungssex ist für mich aber, dass es für mich tatsächlich einen Unterschied macht, ob Liebe im Spiel ist oder nicht: Ich ziehe mehr Befriedigung aus empathischen Beobachtungen der Körperreaktionen der/des Anderen wodurch sich die Lust gegenseitig aufschaukelt. Und das Kuscheln danach macht mich glücklicher als mit einem anderen Menschen. Für mich passen Liebe und Sex gut zusammen, auch wenn sie nicht untrennbar sind. Das ist eine Typfrage, aber sicherlich eine, die mir persönlich das Liebesleben bisher versüßt hat.

Sicher: Beziehungssex kann einschlafen. Damit wiederum habe ich selbst wenige Erfahrungen. Meine wenigen Erfahrungen machen da bisher auch nicht optimistisch: Ist die Lust beidseitig eingeschlafen, ist die Motivation, etwas an der Lage zu ändern, auch begrenzt. Und an sich ist das ja auch nichts, was problematisiert werden müsste: Wenn man weniger Lust hat, gibt es eben auch weniger Gründe Sex zu haben. Problematisch wird das, wenn die Lust entweder nicht symmetrisch abflacht und/oder wenn jemand Neues das sexuelle Interesse wieder erweckt und man daraufhin merkt, was man „vermisst“ hat. Das entspricht zumindest meinen direkten und indirekten Erfahrungen: Man sieht keinen Grund zum Handeln, „lernt“ dadurch, dass sich in der Beziehung sexuell nichts mehr ändern wird und wird dann durch eine andere Bekannstchaft daran erinnert, dass die eigene Lust noch immer stark und lüsternd ist. Und dann ist die Frage: Was nun?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie gut man eingeschlafenen Beziehungssex wieder beleben kann. An dieser Stelle wird man von mir daher keine konstruktiven Gedanken erwarten können. Für mich persönlich ist das Abflachen der Lust aufeinander etwas, das ich mit dem Ende einer Beziehung in Verbindung bringe, weil ich es mit meinen Partnern, wenn es auftrat, nicht überwunden habe. Inzwischen mag ich Sex aber nicht mehr zur kritischen Ressource in meinen Beziehungen erklären. Ich liebe meinen Beziehungssex aus all den oben genannten Gründen, aber ich möchte nicht, dass mein Partner und ich sexuell füreinander „zuständig“ sind. Das ist keine Lösung, da es ja wie oben beschrieben völlig andere Probleme aufwirft, aber in einer Phase, in der aus praktischen Gründen Sex über Monate sehr selten war, merke ich schon ein wenig, dass „Ich könnt mir ja wen anders für den Sex zwischendurch suchen“ durchaus entspannend sein kann – für beide Seiten – sofern die Problemstellungen einer offenen Beziehung keinen größeren Leidensdruck als den einer exklusiven Beziehung hervorrufen.

 

Unterm Strich ist Beziehungssex also durchaus eine hoch komplexe Sache und das zum Teil, gerade weil es uns als das einfachste und natürlichste der Welt dargestellt wird. Beziehungssex ist daher etwas, das man als persönliches Versagen empfinden kann, wenn dieser nicht gut läuft oder gar zum Ende einer Beziehung führt. Gleichzeitig kann der Sex selbst aber durchaus einer der unkompliziertesten überhaupt sein, da man sich langfristig aufeinander einstellen kann, da man die Vorlieben und Kinks der/des Anderen (zu einem gewissen Grad) kennt und weil man (hoffentlich) weiß, wie man sich einfach aber eindeutig Konsens signalisiert. Das ist an romantische Beziehungen zwar nicht gebunden, werden aber viele vor Allem oder sogar ausschließlich aus diesem Kontext kennen. Und dann ist dieser gute Sex doch wohl gut, oder? Gut.

Insofern ist Beziehungssex für mich persönlich bisher und aktuell ein „yay“.

Körperbilder

Sex macht schön. Innerlich. Das Gefühl begehrt, erfüllt zu sein, keine Regeln zu brauchen. Nur den Moment. Sex macht schön. Jeder Zentimeter des Körpers füllt sich mit dem Glauben: Ich bin toll. Post-Orgasmus oder einfach nur nach langem ausgiebigen Betasten eines anderen Körpers. Sex macht schön. Gefühlt schön, den eigenen Körper zu lieben trotz all dieser Dinge, die in anderen Stunden vielleicht als Makel, als Schwachstelle, als nicht ideal in unseren Köpfen herum spuken. Gespenster einer Werbe- und Schönheitsindustrie, Geister erzeugt von unserer eigenen Unsicherheit nicht dem zu genügen, was gemeinhin als Schönheitsideal gilt. Sex macht schön.

Schönheitsideale sind Teil der menschlichen Geschichte und werden in Zukunft ebenso ihre Berechtigung haben wie in der Vergangenheit. Maler, Dichter, Kunst jeder Art nutzt nicht nur den weiblichen Körper als Quelle der Inspiration, doch ebenso zur Kritik gesellschaftlicher Gepflogenheiten. Oscar Wildes Dorian Gray ist ein schöner, unangetasteter Jüngling, dessen Sexappeal und Anziehungskraft von seiner anmutigen Gestalt herrührt – sein Porträt hingegen altert und verfällt mit seinen Verbrechen und seiner wachsenden Verdorbenheit. Schönheit und Verfall als Spiegelbild der Seele.

Schönheitsideale ändern sich ständig oder wie eine Freundin angesichts voluminöser Frauenkörper auf Spätrenaissance-Gemälden sehnsüchtig anmerkte: „Ich bin definitiv in der falschen Zeit geboren.“ Doch so sehr wir manchmal diesen heute – angesichts Silicon-Implantaten und androgyner Modelkörper – so viel natürlicher wirkenden Frauenbildern hinterhertrauern: Extreme hat es immer gegeben, die Versuche den Körper dem anzupassen, was gerade „In“ ist.

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Im Spiegel sehe ich Puzzleteilchen

Seit ich mit meinem Freund zusammenbin, ist mein Bild von mir selbst mehrmals in tausend Stücke zersprungen und ich habe es wieder zusammengesetzt. Bestimmt sind die meisten dieser Puzzlestücke wieder dort, wo sie vorher waren. Aber ganz viele sind woanders, oder neu dazugekommen. Oder hatten einfach keinen Platz mehr.

Ich war bis in meine späten Zwanziger Jungfrau. Aus Angst. Angst, wieder in eine Situation zu geraten, die ich nicht bestimmen kann. Ein Bekannter, damals schon erwachsen, hat mich bei einer Familienfeier unter einem Vorwand in ein Zimmer gelockt und mich zu Boden gedrückt und begrapscht. Sonst nichts? Nein, sonst nichts. Glaube ich.

Ich konnte seither einfach kein Vertrauen zu jenen Männern fassen, die Interesse an mir zeigten. Zu groß die Sorge, dass ich nicht „so glimpflich“ davonkommen würde. Dass niemand da wäre, der mich schreien hören würde. Ich hatte ihm gedroht, ich würde schreien. Und er hätte ja nicht genug Hände frei, mich am Boden zu halten, zu befummeln und mir auch noch den Mund zuzuhalten. Mag sein, dass es ein leichtes für ihn gewesen wäre, er war ja viel größer und stärker als ich. Aber ich konnte ihm Angst einjagen und er ließ mich gehen. Zumindest glaube ich, dass das so war.

Eine andere hat ihn viele Jahre später angezeigt, als er schon Frau und Kind hatte. Mehrere seiner Opfer haben ausgesagt. Von allen Missbrauchsvorwürfen wurde er freigesprochen, Verjährung und so – aber sie haben kinderpornografisches Material bei ihm gefunden. Er hat sich umgebracht, statt in den Knast zu gehen. Ich habe Lust, ihn feige zu schimpfen – aber es kommt mir schäbig vor.

Ich habe das Gefühl, meine halbe Jugend versäumt zu haben. Ich hab keinen Liebesbrief bekommen, ich bin mit niemandem „gegangen“. Ich war nie auf irgendeiner „Top 5 Mädchen in der Klasse“-Liste. Meinen ersten „richtigen“ Kuss hatte ich mit 17, ich war schon etwas beschwipst, aber er war auch nicht gerade nüchtern. Aber sehr zärtlich und er hat mich zu nichts gedrängt – ich hab ihm erklärt ich würde in dieser Nacht nicht mit ihm schlafen, und das war ok für ihn. Er meinte, meine Brüste wären perfekt. (Fand ich nicht, aber es war ein wunderbares Kompliment. Und ich bin sicher, dass es ehrlich gemeint war.) Ich hab mich verliebt, aber er wollte keine Freundin, er wollte nur einen vergnüglichen Abend haben. Auch das war ehrlich. Aber umso mehr wollte ich ihn, denn er bot eine Projektionsfläche für meine Sehnsüchte.

Denn alle, die mich auch wollten, haben mir Angst eingejagt. Ich bin vor ihnen teils im Wortsinn weggelaufen, hab mich nie wieder gemeldet. Es tut mir Leid, Andi, Thomas, Simon, Sascha (und einige mehr) … ich konnte keine Worte finden, um es Euch zu erklären. Dass ich Zeit brauche. Dass Ihr Geduld haben musst. Und achtsam sein müsst, weil ich ein Problem hab.

Und wie kommt Ihr eigentlich dazu, auf mich Rücksicht nehmen zu müssen? Ihr habt mich nicht verkorkst und Ihr schuldet mir gar nichts. Im Gegenteil, Ihr hättet es verdient, dass ich Euch fair behandle.

Ich wollte in Therapie gehen, aber ich hab den Mut nicht aufgebracht. Ich hab einfach verdrängt, dass ich sexuelle Bedürfnisse habe, und mich ganz in Job und Studium vertieft.

Dann schließlich hab ich meinen Freund kennengelernt. Ich war interessiert, aber als ich merkte, dass er es auch war, begann ich meinen üblichen Rückzug. Er schrieb mir, dass er sich verliebt hätte, und dass er nicht wüsste, wie es mir geht. Dass er aber keine Lust hätte, Spielchen zu spielen und ich möge bitte Klartext sprechen, was ich eigentlich will. Und da wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich genau das tun wollte. Und musste. So schwer es auch war – und f***, das war es! Ich habe, obwohl ich seinen Charakter anders einschätzte, ein Worst Case-Szenario erwartet: Dass er mich auslacht, sich abwendet und nichts von mir wissen will.

Ich bin zu ihm gefahren, und hab ihm alles erzählt. Vorher hatte ich meine Geschichte meiner Mutter (Jahre zu spät), einer Polizeibeamtin und während der Verhandlung einer auf mich gerichteten Kamera erzählt. Nun hatte ich sie einem Mann erzählt, zu dem ich Gefühle entwickelt hatte. Vor dem ich toll sein wollte.

Doch er wollte mich trotzdem. Mein ganzes Ich, mit allen Ängsten und Narben und Lasten, die ich mit mir schleppte. Und er will mich noch immer, nach inzwischen mehreren Jahren. Ich hab alles, was ich verpasst hatte nachgeholt: Die Aufregung beim ersten Mal, die Aufregung, ob ihn die FreundInnen mögen würden. Das Vorstellen der Eltern. Ich hab Liebesbriefe bekommen. Ich bin händchenhaltend, verliebt schauend mit ihm durch die Stadt spaziert (tun wir noch immer *g*). Ich hab das erste Mal krank sein und umsorgt werden nachgeholt, und das für jemanden sorgen, der krank ist. Das erste Mal wütend sein, weil ihm Unrecht getan wurde. Das erste Mal stolz sein, weil ihm etwas gut gelungen ist. Ich erinnere mich genau, als er das erste Mal in meinen Armen eingeschlafen ist und ich überwältigt war von allem, was ich fühlte. Geborgenheit. Und tiefes Vertrauen.

Ich kann mit ihm *alles* teilen. Das Gute, das Schlechte im Alltag. Die schier unzähmbare Begierde, die mich immer wieder überrollt; manchmal einfach nur wenn er mich neckisch angrinst oder er nackt vor mir steht. Ich teile mein bestgehütetstes Geheimnis mit ihm, meine eigene, lange vernachlässigte Sexualität. Und das Glück das man fühlt, wenn einem klar wird, wieviel körperliche Freuden man jemandem verschaffen kann. Aber auch die Zweifel, die immer wieder mal an mir nagen. Meine Angst vor der Sadistin, die er und ich in mir entdeckt haben. Ebenso die Verwirrung, als ich meine submissive Seite erkannt habe, die so im Widerspruch zu meiner feministischen Überzeugung zu stehen schien.

Es sind viele Puzzleteilchen, die heute mein Selbstbild ausmachen. Manche sind für mich schon eindeutig dort, wo sie hingehören. Das Teilchen „Sexualität“ ist größer und wichtiger geworden, als ich es je gedacht hätte. Ich habe mich als sexuelles Wesen begriffen, als Frau mit vielschichtigen sexuellen Bedürfnissen. Und ich weiß mittlerweile, dass ich vieles geben kann; dass ich auch viele seiner Bedürfnisse befriedigen kann.

Manche Teilchen verschiebe ich noch. Was meine Kinks sind, weiß ich noch nicht so genau, da gibt es noch so vieles auszutesten und zu lernen. Und ich habe jemanden, mit dem ich das ausprobieren kann, weil er genauso neugierig und experimentierfreudig ist wie ich.

Manche Teilchen habe ich weggelegt, wie das „Du bist es nicht wert, von einem guten Mann als Ganzes geliebt zu werden“. Vielleicht für immer. Weil ich weiß, dass es einen guten Mann gibt, der mich genau kennt und der mich liebt, so wie ich bin, als Ganzes. Auch meine Vorurteile gegenüber BDSM habe ich abgelegt, denn ich habe gelernt, dass uns Dinge Spaß machen, die ich für abartig gehalten habe. Solange es alle Beteilgten wollen und es eben „safe, sane & consensual“ ist, spricht nichts dagegen, mal etwas härter und/oder fieser ranzugehen.

Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich immer wieder ein anderes Ich und entdecke immer noch neue Seiten an mir. Und ich habe jemanden an meiner Seite, der die Entdeckungsreise mit mir geht, mir Mut zuspricht wenn ich zögere und mich auffängt, wenn ich hinfalle. Und sich mit mir freut, wenn ich mich über eine neue Entdeckung oder eine neue schöne Erfahrung freue.

Das Schönste dran: Inzwischen weiß ich nicht nur, dass er mich liebt, ich VERSTEHE es auch. Ich kann es NACHEMPFINDEN. Ich habe gelernt, dass ich es wert bin, mich selbst zu lieben. All inclusive.