rape culture in my head

Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sex für mich wäre, ohne rape culture.

Was ich weiß, ist dass ich ein Mensch bin, der sich tendenziell sehr für Sex und generell auch auf einer körperlichen Schiene für andere Menschen interessiert. Ich weiß auch, dass ich als Teenager, bevor ich „sexuell aktiv“ wurde (der Begriff ist natürlich Blödsinn, meine Sexualität war ja vorher auch da und auch nicht inaktiv oder gar passiv), genaue Vorstellungen von meinen erwachsenen sexuellen Beziehungen hatte, denen ich mich jetzt, nach viel Heilung, wieder mehr annähere. Und dass ich sogar damals schon bedauert habe wie sehr mein Verständnis von Sexualität und das meiner Peers von einem sexistischen, sex-negativem und sehr kodifizierten Normensystem geprägt war, das viel Unbefangenheit verhindert hat.

Und eben die rape culture.

Die ersten erotischen Geschichten, die ich gelesen habe, handelten von Vergewaltigung. Die wurden in den Texten stark romantisiert und ich fand die Schilderungen als Kind selbst aufregend. Das war in der Fernsehzeitung meiner Großeltern. Ich war acht. Das war noch bevor alle Internet hatten und Pornos geguckt haben. Dass Sex, Sexismus und Gewalt mit einander zu tun haben, habe ich auch schon vorher, als noch kleineres Kind gelernt – daran wie Leute um mich herum miteinander umgegangen sind.

Ich weiß nicht wie es ist, mit Männern zu flirten, zu küssen oder andere Dinge zu tun, ohne zu befürchten, dass sie denken, ich hätte ihnen damit etwas „versprochen“, was sie hinterher – eventuell mit Gewalt – von mir einfordern wollen. Ich weiß nicht wie es ist, von geliebten Menschen ein “ich will dich” zu hören, ohne irgendwie trotzdem irgendwo ganz schwach mit zu hören “und was du willst, ist mir egal”. Ich kann die sexualisierte Gewalt und Bedrohung nicht vergessen, die ich erfahren habe, obwohl ich die einzelnen Ereignisse teilweise doch vergessen habe. Ich kann nicht verlernen, dass das in unserer Kultur nichts Besonderes ist, sondern im Gegenteil etwas Gewöhnliches, mit dem Frauen* eben leben müssen. Es war nie anders.

Ich habe sehr viel schönen Sex gehabt bisher in meinem Leben mit tollen Leuten, die an meiner Lust interessiert waren und meine Bedenken ernst genommen haben. Ich bin ziemlich kinky und eigentlich ziemlich dominant. Ich mag BDSM. Und auch in Situationen, in denen ich mich gar nicht dominant verhalte, hatte ich – mit den tollen Menschen – immer Kontrolle darüber, was passiert. Trotzdem löscht das alles nicht die schlechten Erfahrungen, die Befürchtungen, die Kultur.

Selbst mit Leuten, denen ich vertrauen kann, habe ich immer wieder Momente, in denen ich mich sehr erschrecke und schlimme Dinge von ihnen erwarte. Ich habe das als Ausnahme erlebt, dass ich Leuten überhaupt so vertrauen kann, dass ich mich auf Sex mit ihnen einlasse.

Ich glaube, dass ich auf sexueller Ebene noch viel mehr Spaß hätte haben können, ohne diese Ängste und schlimmen Erfahrungen. Und mehr Leute hätten mehr Spaß haben können mit mir. Denn die Leute, denen ich vertrauen kann, müssen ja nun mit darunter leiden, dass ich ihnen regelmäßig Dinge unterstelle, die mit ihnen persönlich gar nicht viel zu tun haben. Oder dass ich plötzlich weinen muss, obwohl wir grade noch ganz scharf aufeinander waren.

Ich frage mich manchmal, warum das nicht mehr Grund ist – insbesondere für Männer – gegen rape culture zu kämpfen.

natürlich, menstruieren!

Das große Tabu-Thema Menstruation war heute mal wieder in meiner Timeline: Der Spiegel hat es entdeckt, schreibt aber nichts Neues. 

Dankenswerterweise gab es in den letzten Jahren immer mal wieder ein paar gute Artikel feministischer Autor*innen, die über ihre Perspektive schrieben, über die eigene Körperwahrnehmung, über Schmerzen und was hilft und über Alternativen zu Tampons und Binden. Edit: So eine richtig tolle Idee ist es ja nämlich nicht, mit Watte Schleimhäute trocken zu legen, die nun mal lieber nicht trocken sein sollten. Und Windeln waren schon als Kind ätzend, warum sollte man so etwas freiwillig tragen?

Viele schreiben über Menstassen, die auf Dauer viel günstiger sind weil sie immer wieder benutzt werden können und die sich für viele angenehmer anfühlen und zu weniger Schmerzen führen. Und bei kreativen Eingebungen kann eins hinterher sogar noch was machen mit dem Menstruationsblut.
Ich kenn mich damit nich wirklich aus, ich hab noch nie eine benutzt. Lest gern darüber etwas nach, z.b. bei ringelmiez.

Persönlich habe ich, nachdem das Internet mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass das ja auch eine Möglichkeit wäre, folgendes ausprobiert: menstruieren ohne alles! Also ohne Produkte, die ich dafür kaufen müsste. An dieser Stelle muss ich allerdings dazu sagen, dass ich noch nie sehr stark geblutet habe und mir die Idee auch aus diesem Grund so vorkam, dass es zumindest einen Versuch wert wäre.

Am Anfang fand ich das aber trotzdem eine sehr gewöhnungsbedürftige, seltsame Idee. Quasi ungeschützt rumlaufen und immer Angst haben, dass was „ausläuft“. Und überhaupt, läuft das nicht die ganze Zeit?

Ich habe gelernt: Nein, es läuft nicht die ganze Zeit. Im Gegenteil: Nachts z.b. läuft bei mir generell fast gar nichts. Morgens läuft weniger als nachmittags. Und wenn ich mich bewege, läuft mehr, als wenn ich den ganzen Tag mit Wärmflasche auf dem Sofa liege. Wenn ich viel Penetrationssex habe, läuft sogar so viel, dass das Menstruieren in ziemlich kurzer Zeit erledigt ist. Ich nehme an, die Menstassenbenutzer*innen haben vielleicht ähnlichen Erfahrungen gemacht?

Was mich aber vor allem beeindruckt hat, ist zu lernen: es ist keineswegs so, dass das Menstruationsblut einfach aus dem Körper raus läuft wie aus einem undichten Gefäß. Menstruieren ist nicht wie unter Inkontinenz leiden. Nein, mein Körper hält das Blut eine Weile. Es läuft vor allem dann raus, wenn ich loslasse. Wie beim pinkeln auch. Ich kann also genau das gleiche damit machen: aufs Klo gehen. Wirklich, das ist im Prinzip schon das Geheimnis der „freien“ Menstruation. Mit dem Blut so umgehen, wie wir das mit anderen Ausscheidungen selbstverständlich tun. Der Rest ist Übung.

Der Uterus hält allerdings dann doch nicht so gut dicht wie die Blase (ich frage mich: hauptsächlich wegen der mangelnden Übung?). Das hat am Anfang bedeutet, dass ich viel auf die Uhr gucken musste. Aus Sicherheitsgründen bin ich etwa jede Stunde aufs Klo gegangen. Und dort auch ein paar Minuten sitzen geblieben, um sicherzugehen, dass auch wirklich der ganze Schwall raus ist. Inzwischen merke ich ziemlich gut, wann ich „muss“ und kann mich darauf einstellen. Allerdings sind in den ersten zwei Tagen lange Reisen und Besprechungen nicht wirklich eine gute Idee. So mache ich es seit zwei Jahren und einen Unfall hatte ich in der Zeit genau einmal (Protipp: Blut kalt auswaschen!).

Ansonsten habe ich in der Zeit wirklich viel über meinen Körper und meine Menstruation gelernt. Das „freie“ Menstruieren ist für mich ein Anlass, mehr zu spüren, was da in mir eigentlich los ist und was ich brauche. Gut für selfcare, also.
Für das menstruieren ist schön, wie für andere Ausscheidungen auch, wenn ich die Füße hoch stellen kann. Nicole von Horst hat das schön auf kleinerdrei beschrieben. Insgesamt sind die Regelschmerzen durch das freie menstruieren ein bisschen zurück gegangen, besonders merke ich, dass das Loslassen auf der Toilette sofort dazu führt, dass sich die Krämpfe erstmal lösen. Ich sitze also heute länger auf dem Klo rum, wenn ich Schmerz habe, und liege weniger im Bett. Und danach kann ich inzwischen auch entspannter sein, weil ich aus Erfahrung weiß, dass sich das Blut jetzt erstmal sammelt und gar nichts laufen kann. Ich glaube mit Tampon hab ich trotzdem dauernd unterbewusst versucht, das festzuhalten.

Am besten finde ich daran aber wirklich die Freiheit. Einerseits vom Menstruationsprodukte-Kauf. Ein bisschen weniger Kapitalismus, Geld ausgeben und Müll – das ist doch schon was. Andererseits von dem Gefühl, irgendwie abweichend, krank, behandlungsbedürftig zu sein. Ich habe kein Problem, das sich in unkontrolliertem Auslaufen äußert und ich muss keine medizinisch anmutenden Produkte in mich oder in meine Unterhose stopfen. Ich kenne meine Körperfunktionen und ich geh einfach nur aufs Klo. Sonst nix.

Trieb ist doof

Sex-Trieb, so wird mir suggeriert, sei wie Durst. Ein körperliches Bedürfnis, das ich vielleicht sogar mit Gewalt durchsetzen würde, wenn es entsprechend dringlich wird.

Ich halte das für einen rape-culture-Mythos. Sein Zweck ist vor allem, Verhalten von Leuten zu entschuldigen, so als seien sie halt nicht zurechnungsfähig wegen des Triebs. Geil sein ist aber nicht wie durstig sein. Es geht zum Beispiel auch wieder weg, auch wenn das „Bedürnis“ nicht „befriedigt“ wird. Und auch Sex haben kann in einem Zustand von höchster Notgeilheit sehr unbefriedigend sein. Bei mir zumindest stellt sich das manchmal als unersättlich heraus, und irgendwann hört man halt auf, weil man ja nicht ewig weitermachen kann, evtl. noch angespannter und genervter als vorher.
Wenn ich nicht trinke, dann sterbe ich. Wenn ich keinen Sex habe, gewöhne ich mich mitunter auch einfach dran.

Gelegentlich wird ja gefordert, dass Leute, vor allem cismännliche Leute, ihren Trieb kontrollieren sollen. Anders damit umgehen. Warum nicht gleich das Konzept abschaffen und sich angucken, was da wirklich los ist? Was genau das ist, was sie vermeintlich nicht kontrollieren können?

Am ehesten ähnelt das Trieb-Konzept ja nicht dem durstig sein, sondern der Aggression. Auch die geht meistens von selbst wieder weg und auch sie wird nicht automatisch befriedigt, wenn man jemanden verhaut.
Und ich glaube, es ich kein Zufall, dass Sex in einem Kontext mit einem starken Trieb-Konzept, tatsächlich auch eher gewaltförmig, wie ein Gewaltrausch, gedacht wird. Das ist mindestens eine krasse Einschränkung von dem, was Sex alles sein kann.

Ich glaube, es würde uns gut tun, Agression und Sex und Sexyness, ebenso wie Zuneigung, Lust und Attraktion zu trennen. Und zu überlegen, was man eigentlich will, wenn man Sex will. Siehe auch hier. Wofür man dann noch Trieb braucht, ist mir nicht klar.

Edit: Was mich vor allem stört, ist glaube ich, dass der Trieb als etwas „natürliches“ oder rein biologisches konstruiert wird. Dabei hat das, wie wir „Trieb“ erleben, eine sehr große kulturelle Komponente. Es hat zum Beispiel viel damit zu tun, dass sich Leute (als Kultur) vorstellen, dass ihnen Sex zusteht oder zumindest zu einem lebenswerten Leben identitätsstiftend dazu gehört. Das trägt m.E. mehr zur empfundenen Dringlichkeit bei, als das körperliche Bedürfnis allein.

Warum ich (nicht) poly bin

Oft mag ich gar nicht mehr erzählen, dass ich poly(amor) bin, also mehrere Beziehungen führe. Das, was Leute dann in erster Linie hören, ist nämlich fast immer “Sex! Sie hat mit mehreren Leuten Sex! OMG! Fremdgehen und das dann auch noch offen erzählen!!!”
Ich bin aber nicht poly geworden, weil ich ganz besonders viel Sex mit verschiedenen Menschen haben wollte. Dafür gibt’s ja auch schon ein Lebensmodell, das heißt Single sein. Keine Bindungen und Verpflichtungen an feste Partner_innen, dafür viel Sex haben. Oder halt auch nicht, wenn sich niemand findet, aber das ist ja immer so.
Ich habe tatsächlich nur mit einem von den drei Leuten, die mit mir mehr oder weniger regelmäßig in einem Bett schlafen, das, was sich die meisten unter “Sex” vorstellen. Lustigerweise musste ich poly werden, um herauszufinden, dass ich eigentlich vielleicht doch nur mit einer Person schlafen will. Früher als Langzeitbeziehungsmensch habe ich oft die Singles beneidet, die auf Parties einfach mit irgendwem rumknutschen durften. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass ich es sehr schätze, mit neuen Menschen zu flirten, dass ich Körperlichkeit auch in Freundschaften wichtig finde, aber dass die Leute, mit denen ich wirklich intime Beziehungen mit viel emotionaler und körperlicher Nähe eingehen will, doch sehr wenige sind. Dass ich zwar gerne Leute an mich heran lasse, es aber einen Unterschied gibt zwischen “Leute attraktiv finden” und “mit Leuten Sex haben wollen” und dazwischen noch viele interessante Dinge möglich sind.
In erster Linie habe ich mit mit meinem damals einzigen Partner für poly als Beziehungsmodell entschieden, weil wir uns nicht trennen wollten. Weil klar war, dass bestimmte Bedürfnisse nicht zusammenpassen bei uns, aber wir uns trotzdem kein Leben ohne einander vorstellen konnten. Es war eben keine Entscheidung für mehr Abenteuer, sondern für mehr Beständigkeit.
Mich regt es manchmal auf, wenn über poly immer wieder so einseitig als easy lifestyle für privilegierte Leute berichtet wird. Wo rumvögeln kein Problem mehr ist, weil man sich ja drüber nicht anlügt. Als ob es reichen würde, einfach immer alle zu informieren. Wo alle ständig auf der Suche nach neuen Partner_innen sind. Und wo es immer in erster Linie um Sex geht. Das klingt mir immer noch sehr nach dem Single-Lebensmodell, nur mit mehr Ehrlichkeit.
Ja, klar, dieses poly gibt es, und es macht bestimmt Spaß und darf auch gefeiert werden.
Aber diese einseitigen Darstellungen tragen auch dazu bei, poly als Beziehungsform nicht so richtig ernst zu nehmen. Es klingt zu viel nach jungen Leuten, die eben Sachen ausprobieren (und dann auch wieder sein lassen, wenn sie älter werden). Was dabei zu kurz kommt, ist das füreinander-da-sein. Die Beständigkeit, auch mit mehreren Leuten. Die Verantwortung, die alle übernehmen. Nicht nur füreinander, sondern zuerst für die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen, Gefühle und Gedanken. All die Dinge, mit denen ein Poly-Lebensmodell erwachsener ist, als die meisten unreflektierten Mono-Lebensmodelle.
Das größte Problem ist wahrscheinlich, Menschen in Poly-Konstellationen als homogene Gruppe wahrzunehmen und von vielen Sachen als gegeben auszugehen. Nur weil wir poly sind, haben wir noch keine Gemeinsamkeiten.
Im Zweifelsfall kann ich mich über meine Beziehungsprobleme besser mit anderen Leuten reden, die auch grade sehr verliebt sind, oder pan- oder bisexuell sind oder eifersüchtig oder die über die Geschlechter-Rollen-Dynamiken in ihren Beziehungen nachdenken, als mit anderen Leuten, die auch poly sind (und das meistens ganz anders leben als ich).

Komm schon.

Ich finde Orgasmen unglaublich faszinierend. Als Kind habe ich über sie gelesen, bevor ich welche erlebt habe – und das Erleben war dann doch ziemlich anders, als das Gelesene, und auch die berichteten Erfahrungen von anderen. Das macht es noch faszinierender. Ich würde so gerne wissen, wie das für andere Menschen ist, aber das geht ja nun nur sehr unzureichend.

Als ich über Orgasmen gelesen habe, habe ich mir das das als ein unglaublich aufregendes und schönes Gefühl vorgestellt, das alles andere vergessen lässt und hinterher zufrieden und müde macht. Und das klar identifizierbar und irgendwie auch immer gleich ist. So oder ähnlich wurde es beschrieben. Und dann noch, dass „Männer“ dabei abspritzen und nur einmal kommen können, manche besonders glücklichen „Frauen“ aber mehrmals hintereinander, das heißt dann „multipler Orgasmus“. Weibliche Ejakulation kam nirgends vor.

Tatsächlich aber fühlen sich die Dinger doch sehr unterschiedlich an. Ich erinnere mich, gerade am Anfang, an Momente, als ich dachte: War’s das jetzt schon? Dass es manchmal schon fast unangenehm oder an der Schmerzgrenze war. Oder daran, dass ich sehr wohl was anderes dabei machen konnte oder sogar besonders schöne Orgasmen hatte, wenn ich geistig grade mit etwas anderem beschäftigt war. Dass ich quasi beliebig oft hintereinander kommen konnte und mich fragte, ob das wirklich so selten war. Mein damaliger Freund konnte übrigens auch mehrmals hintereinander kommen, irgendwann sagte er aber, es wird dann schmerzhaft. Einmal habe ich in einer „Frauenzeitschrift“ gelesen, dass der Rekord bei 25 Orgasmen in der Stunde läge. Das musste ich überprüfen, war nach einer dreiviertel Stunde bei 24, hatte aber dann auch wirklich keine Lust mehr.

Wie sich das anfühlt, hat sich auch über die Jahre ziemlich verändert. Am Anfang wollte ich das unbedingt, und bin da in so einer eher verkrampften Haltung hin gekommen – manchmal waren es auch andere, die unbedingt wollten, dass ich jetzt schnell komme und denen ich gefallen wollte.

Aber so Krampf-Orgasmen fühlen sich zum Beispiel sehr anders an, als entspannte Orgasmen. Sie sind in meiner Erfahrung häufig flacher. Und fühlen sich tendenziell unbefriedigender an. Das ist auch noch so eine Erfahrung, die nirgends geschildert wurde: Dass Orgasmus nicht gleich Befriedigung ist.

Entspannt hat sich bei mir noch eine andere Art von multiplem Orgasmus eingestellt, die nicht daraus besteht, dass es mehrere hintereinander gibt (zwischen denen es dann auch immer eine kurze Stimulationspause braucht), sondern dass sie einfach ineinander übergehen, wie Wellen, und es sich zwischendrin anfühlt, als würde das gar nicht mehr aufhören. Ziemlich cool.

Interessant ist auch, dass sich das Gefühl damit verändert, wie und ob ich mich bewege dabei, aber nicht immer gleich. Manchmal ist mit Bewegung besser, manchmal ohne. Und wenn ich das versuche zu steuern, wird’s eh meistens zu verkopft.

Gelesen hab ich auch von Leuten, die berichten, ohne körperliche Stimulation kommen zu können, und das ganze einfach im Kopf machen. Superspannend.

Ich wünschte, es gäbe Möglichkeiten, so unterschiedliches Orgasmus-Empfinden irgendwie wissenschaftlich aufzuzeichnen. Oder gibt es das? Um das selber zu machen, fehlt mir jedenfalls leider das biologisch-medizinische Wissen.

Aber drüber reden funktioniert ja immerhin auch ganz gut. Oder anders zeigen, zum Beispiel im Beautiful Agony Projekt (hier ist ein Sample davon).

Oder was meint ihr dazu?

sex – what is it good for?

ich habe vor einer weile eine diskussion gelesen, in der es darum ging, ob sexarbeit nun zu care gerechnet werden kann oder nicht. darauf will ich jetzt gar keine antwort geben. mir ist dabei aber aufgefallen, dass die antwort der leute unter anderem auch sehr davon abhängt, was sex denn genau sein soll und welche bedürfnisse damit befriedigt werden.
ich glaube nämlich gar nicht unbedingt, dass es ein bedürfnis nach sex an sich gibt. es gibt lust, das ist aber nicht das gleiche. ich glaube, leute, wenn sie sex haben wollen, damit bestimmte bedürfnisse befriedigen wollen, die aber ganz unterschiedlich sein können. deswegen stellen sich verschiedene leute in verschiedenen situationen ja auch ganz unterschiedliche dinge vor, die sie wollen, wenn sie sex wollen.

was kann sex alles sein, wofür kann es gut sein? was wollen menschen, wenn sie sex wollen?
zum beispiel:
nähe ausdrücken, intimität, sich nahe sein
mit menschen etwas teilen, was man sonst eher versteckt
sich akzeptiert, gewollt, begehrt fühlen
eine gewisse kreativität ausleben, sich ausdrücken
etwas  heimliches, evtl. verbotenes tun
kontrolle haben oder verlieren, sich ausliefern
spannung abbauen, entspannung
abschalten, andere sachen vergessen oder verdrängen
sich körperlich verausgaben
sich spüren
jemanden spüren
sich auf sich konzentrieren
sich wieder wie als kind fühlen
gebraucht werden oder jemanden brauchen
intensität, was krasses erleben
orgasmen? kann das ein bedürfnis sein, orgasmen zu haben?

interessant ist, dass diese ganzen bedürfnisse ja auch anders befriedigt werden können. ich kann sport machen, oder kunst, oder arbeiten, oder fallschirmspringen, jemanden pflegen oder meditieren. das finde ich tröstlich, denn es heißt, dass ich mich um meine bedürfnisse  auch kümmern kann, wenn sex mit anderen menschen grade keine option ist.
das tolle an sex ist, dass damit so viele unterschiedliche bedürfnisse auf einmal befriedigt werden können.

welche gibt es wohl noch, die da rein passen?

ejakulieren lernen. ein erfahrungsbericht

ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin. wahrscheinlich war’s wieder dieses internet.

es gab auf jeden fall dieses diffuse gefühl, da müsste doch noch mehr sein können, als das, was ich kannte an sexualreaktionen von meinem genital (das leider immer noch keinen mir passend und schön vorkommenden namen hat): dass sich penetration schön anfühlt und orgasmen, die von irgendwie körperäußerer stimulation in kombination mit gedanken kommen und sich sehr unterschiedlich anfühlen.

aus irgendeinem grund bin ich also auf das thema weibliche* ejakulation gekommen. und habe gelesen, dass das nicht einfach bei menschen entweder auftritt oder nicht, sondern lernbar ist. dass es mit und ohne orgasmus passieren kann. und dass es bücher dazu gibt! 🙂

ich habe mir also – nerdy, wie ich bin – ein buch gekauft, nämlich “weibliche ejakulation und der g-punkt” von deborah sundahl. darin beschreibt die autorin unter anderem, wie sie für andere frauen* ejakulationskurse gibt und wie die ablaufen.

die schritte sind, soweit ich mich erinnere (das buch hab ich verliehen):

  • entspannen
  • g-punkt finden und stimulieren
  • pressen, als wenn man pinkeln wollte
  • loslassen
  • ejakulieren
  • feststellen, dass sich das zwar mitunter sehr ähnlich wie pinkeln anfühlt, aber nicht das gleiche ist: die flüssigkeit ist anders gefärbt (weiß, nicht gelb) und riecht anders.

ich habe das buch nicht zu ende gelesen, sondern einfach das “seminar” mit mir selber durchgeführt.

geklappt hat es zum ersten mal in meinem bett, sitzend. ich war alleine, hatte ein großes mehrfach gefaltetes handtuch untergelegt, meine finger benutzt und hinterher ein fettes grinsen im gesicht.

ich kannte das schon vorher, dass so “klitorale” orgasmen sich zwar toll, aber manchmal so unbefriedigend anfühlen, nach mehr schreien. ich dachte immer, nach penetration. aber eigentlich schreien sie nach ejakulation.

diese erfahrung hat mich dazu bewegt, mir einen g-punkt-stimulierenden dildo zu kaufen, um das ganze etwas zu erleichtern – mit dem finger fand es es ziemlich unpraktisch, den muss man immer so weit um das schambein (schon wieder so ein dummes wort für einen knochen, der gar nichts mit schämen zu tun hat) herum manövrieren.

damit konnte ich das ereignis quasi beliebig reproduzieren. außer, wenn ich nicht genug getrunken hatte, dann geht es nicht. es fühlt sich, wie die orgasmen, nicht immer gleich an. etwas unpraktisch fand ich, dass das immer so viel flüssigkeit ist, trotz dickem handtuch wird die matratze immer nass. also geh ich oft in die badewanne oder leg mich auf den boden oder den kunstledersessel, die trocknen schneller.

weil mich das thema so fasziniert hat, bin ich nochmal zu einem workshop dazu in meinem lieblingssexshop gegangen mit diana j. torres.

dort gab es weitere faszinierende fakten, von denen ich nichts wusste. zum beispiel, dass so eine vulva nicht zwei, sondern sechs körperöffnungen hat: die vagina und die harnröhre, aber außerdem noch zwei sehr kleine öffnungen neben der vagina, aus denen dieses körpereigene gleitmittel kommt und zwei ebenso kleine öffnungen neben der harnröhre, die zu der drüse gehören, die das ejakulat produziert, manchmal auch weibliche prostata genannt. und dass es tatsächlich ganz normal ist, dabei so viel flüssigkeit auszuscheiden, diana sprach von bis zu einem halben liter, wenn ich mich recht erinnere. auch gibt es wohl eine verbindung von dieser drüse zur blase, was sehr nützlich ist, denn so kann die blase nicht “genutztes” ejakulat einfach beim nächsten gang aufs klo ausscheiden.

zu diesen infos gab es einige wütend machende ausschnitte aus alten und aktuellen medizinbüchern, in denen weibliche* sexualorgane immer nur unvollständig abgebildet waren, der innere teil der klitoris und die drüse fehlten eigentlich immer. und anekdoten darüber, wie männer* auf das ejakulieren reagierten (manche fanden es toll, manche wurden wütend), und ein bisschen porn als anschauliches beispiel.

ich fand das alles enorm spannend.

was noch eine weile gedauert hat, war, das ganze auch mit partner umzusetzen. bis das das erste mal klappte, war über ein jahr vergangen. es war erstmal gar nicht so einfach, sich soweit zu synchronisieren, dass das mit der g-punkt-stimulation gut funktioniert hat. dazu kam ein bisschen rest-angst, dass ich ihn vielleicht doch anpinkeln könnte. und das mit dem loslassen können war zu zweit auch schwieriger.

mit einigem üben ging es also irgendwann auch und hatte nochmal eine andere qualität als ich das vom alleine machen kannte. es war komplizierter, durch das ganze miteinander synchronisieren aber auch intensiver, näher, und hat sich mehr wie orgasmus angefühlt. interessant fand ich, dass es sich für ihn anscheinend gleichzeitig gut anfühlt wie für mich.

was ich mich noch frage ist, ob das mit dem ejakulieren wohl bei mehr frauen*, häufiger und spontaner auftreten würde, wenn darüber mehr geredet würde, zum beispiel in verschiedenen “aufklärungs”-zusammenhängen. wenn es normaler (also genau das: innerhalb der norm dessen, was beim sex erwartet wird, nicht außerhalb) wäre und man sich nicht so sehr fragen müsste, ob man da nicht grade etwas sehr peinliches macht, nämlich ins bett (oder sonstwohin) pinkeln. würden frauen* am ende ebenso oft ejakulieren wie männer*? bei denen hängen ja orgasmus und ejakulation auch nicht unbedingt zusammen, und manche trainieren den orgasmus ohne ejakulation ebenso wie ich das ejakulieren geübt habe.

und wenn frauen* unter anderen voraussetzungen eher ejakulieren würden, heißt das, sie unterdrücken das eventuell unterbewusst?
ich bin mir relativ sicher, dass ich das getan habe, und teilweise auch immer noch tue, und ich glaube, das frühe wissen um meine ejakulationsmöglichkeiten in kombination mit einem gewissen selbstvertrauen hätten mir gelegentliche verkrampfungen und auch schmerzen bei der penetration erspart.

ich frage mich auch, ob es da nicht einen zusammenhang zu den häufigen blasenentzündungen gibt. auf diese idee hat mich deborah sundahl gebracht, die schreibt, dass sie kaum mehr blasenentzündungen hat, seit sie ejakuliert. von den ärzt_innen werden blasenentzündungen ja in zusammenhang mit penetrativem hetero-sex gebracht. aber die erklärung, dass dabei mehr bakterien als sonst in diese minikleine und ja auch ein bisschen entfernte harnröhre geschubst werden, fand ich noch nicht so doll überzeugend. warum soll das so ein penis eher tun, als hände oder dildos oder so? dass sich was entzündet oder sich die bakterien besser vermehren können, weil ich flüssigkeit zurückdränge, die eigentlich raus will, oder dass es da überhaupt einen zusammenhang gibt, halte ich zumindest für eine überprüfenswerte gegenhypothese. aber wenn es für die medizin sowas wie weibliche* ejakulation gar nicht gibt, oder sie als irrelevant eingestuft wird, kann das natürlich auch nicht untersucht werden…

wenn ihr dazu (oder allgemein zum thema) weitere infos oder erfahrungen habt, immer gerne her damit!

* das gender-sternchen soll darauf hinweisen, dass nicht alle menschen mit einer vulva weiblich sind oder ohne vulva männlich.

Edit: ich stelle mit mehr Übung fest, dass es im Bett einfach schlecht geht. Zu viel Sorge, die Matratze zu ruinieren oder im Nassen schlafen zu müssen oder auf jeden Fall Aufwand mit dem Trocknen haben. Glücklicherweise geht es aber im Stehen besonders gut, und auf den Fußboden muss weniger Rücksicht genommen werden.