rape culture in my head

Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sex für mich wäre, ohne rape culture.

Was ich weiß, ist dass ich ein Mensch bin, der sich tendenziell sehr für Sex und generell auch auf einer körperlichen Schiene für andere Menschen interessiert. Ich weiß auch, dass ich als Teenager, bevor ich „sexuell aktiv“ wurde (der Begriff ist natürlich Blödsinn, meine Sexualität war ja vorher auch da und auch nicht inaktiv oder gar passiv), genaue Vorstellungen von meinen erwachsenen sexuellen Beziehungen hatte, denen ich mich jetzt, nach viel Heilung, wieder mehr annähere. Und dass ich sogar damals schon bedauert habe wie sehr mein Verständnis von Sexualität und das meiner Peers von einem sexistischen, sex-negativem und sehr kodifizierten Normensystem geprägt war, das viel Unbefangenheit verhindert hat.

Und eben die rape culture.

Die ersten erotischen Geschichten, die ich gelesen habe, handelten von Vergewaltigung. Die wurden in den Texten stark romantisiert und ich fand die Schilderungen als Kind selbst aufregend. Das war in der Fernsehzeitung meiner Großeltern. Ich war acht. Das war noch bevor alle Internet hatten und Pornos geguckt haben. Dass Sex, Sexismus und Gewalt mit einander zu tun haben, habe ich auch schon vorher, als noch kleineres Kind gelernt – daran wie Leute um mich herum miteinander umgegangen sind.

Ich weiß nicht wie es ist, mit Männern zu flirten, zu küssen oder andere Dinge zu tun, ohne zu befürchten, dass sie denken, ich hätte ihnen damit etwas „versprochen“, was sie hinterher – eventuell mit Gewalt – von mir einfordern wollen. Ich weiß nicht wie es ist, von geliebten Menschen ein “ich will dich” zu hören, ohne irgendwie trotzdem irgendwo ganz schwach mit zu hören “und was du willst, ist mir egal”. Ich kann die sexualisierte Gewalt und Bedrohung nicht vergessen, die ich erfahren habe, obwohl ich die einzelnen Ereignisse teilweise doch vergessen habe. Ich kann nicht verlernen, dass das in unserer Kultur nichts Besonderes ist, sondern im Gegenteil etwas Gewöhnliches, mit dem Frauen* eben leben müssen. Es war nie anders.

Ich habe sehr viel schönen Sex gehabt bisher in meinem Leben mit tollen Leuten, die an meiner Lust interessiert waren und meine Bedenken ernst genommen haben. Ich bin ziemlich kinky und eigentlich ziemlich dominant. Ich mag BDSM. Und auch in Situationen, in denen ich mich gar nicht dominant verhalte, hatte ich – mit den tollen Menschen – immer Kontrolle darüber, was passiert. Trotzdem löscht das alles nicht die schlechten Erfahrungen, die Befürchtungen, die Kultur.

Selbst mit Leuten, denen ich vertrauen kann, habe ich immer wieder Momente, in denen ich mich sehr erschrecke und schlimme Dinge von ihnen erwarte. Ich habe das als Ausnahme erlebt, dass ich Leuten überhaupt so vertrauen kann, dass ich mich auf Sex mit ihnen einlasse.

Ich glaube, dass ich auf sexueller Ebene noch viel mehr Spaß hätte haben können, ohne diese Ängste und schlimmen Erfahrungen. Und mehr Leute hätten mehr Spaß haben können mit mir. Denn die Leute, denen ich vertrauen kann, müssen ja nun mit darunter leiden, dass ich ihnen regelmäßig Dinge unterstelle, die mit ihnen persönlich gar nicht viel zu tun haben. Oder dass ich plötzlich weinen muss, obwohl wir grade noch ganz scharf aufeinander waren.

Ich frage mich manchmal, warum das nicht mehr Grund ist – insbesondere für Männer – gegen rape culture zu kämpfen.

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5 Kommentare zu “rape culture in my head

  1. Dein beeindruckendes Posting regt zum Nachdenken an! Und wirft viele Fragen auf.

    Bist Du denn jemals wirklich vergewaltigt worden? Zum Beispiel durch einen fremden Gewalttäter, ohne Vorbereitung. Diese Erfahrung habe ich bislang noch nicht machen müssen, hoffentlich bleibt das so! Die Zerstörung, die ein solches Erlebnis anrichtet, ist bestimmt gewaltig und viel, viel größer als die meisten annehmen, die darüber schwätzen.

    Aber wie sieht das Innenleben eines Mannes aus, der so etwas macht? Ich meine nicht so sehr den Mann, der nach einem gemeinsamen Disco- oder Restaurantbesuch das „Nein“ der Frau nicht ernstnehmen will, nachdem er sich schon soviel Hoffnung gemacht hat. Wie leer, wie schäbig, wie roh und verkommen muss es in einem Mann aussehen, der nachts irgendwo im Parkhaus steht und auf die nächste Rockträgerin wartet!

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    • Liebe Francoise,

      ich habe ja gar nicht über Vergewaligungen geschrieben, sondern über Vergewaltigungskultur. Die besteht zum Beispiel daraus, dass sexualisierte Übergriffe verharmlost werden und „richtige“ Vergewaltigungen erst als solche gelten, wenn sie nachweisbar unter massiver Gewalt von Fremden in der Öffentlichkeit geschehen. Und in der Konsequenz Frauen und Mädchen lernen, dass ihr „nein“ unter vielen Umständen nicht viel zählt. Wenn zum Beispiel, wie du es berichtest, der arme Mann sich doch schon so „gefreut“ hat vorher. Erstens gibt es sogar eine gesellschaftliche Erwartung, sie müsse dann „nett“ sein und ihn doch „lassen“, auch wenn sie nicht will. Und wenn sie nicht genug Stress gemacht hat und sich hinterher schlecht fühlt, ist sie ja schließlich selber schuld. Und überhaupt alles nicht so schlimm, wa? Als Frau muss man ja darauf gefasst sein, dass es die Welt mit der Selbstbestimmung, insbesondere der sexuellen, nicht so genau nimmt.
      Insofern illustrierst du mit deinem Kommentar ziemlich gut das Problem, auch wenn das glaub ich keine Absicht war.
      Er hat mich ziemlich fassungslos gemacht.

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  2. Uff. „Fremder Gewalttäter“…? „Mann, der nachts irgendwo im Parkhaus steht“…? Ich finde das doch etwas problematisch.
    Wir alle leben in einer „Rape Culture“, wie der Artikel sehr gut belegt. Und ich glaube, dass bei der Wahl deiner Beispiele leider ebenfalls einiges aus unserem Rape-Culture-Background mitschwingt. Es ist ja ein trauriger Mythos, dass der Übergriffige „der Fremde“ ist, „der Aufriss aus der Disko“ oder „der Typ im Parkhaus“. Sicher, so etwas kommt vor, und solche Fälle sind nicht minder relevant. Aber: sie sind viel, viel seltener als die Fälle, die aus dem direkten Umfeld kommen.
    Und so ein Kommentar perpetuiert diesen Mythos weiter. Das muss doch nicht sein. :-/

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  3. Mh. Mir geht es ein bisschen wie TQ, wenn ich Deine Kommentare lese, Françoise. Es ist ja immerhin statistisch nachgewiesen, dass die meisten Vergewaltigungen durch Personen erfolgen, die einer nahe (oft sehr nahe) stehen und nicht durch wildfremde Menschen in Parkhäusern. Und über Indien reden wir gerade auch nicht sondern über unsere alltäglich Erfahrungen.
    Und an der Stelle bin ich gespalten. Ich habe beides erfahren: Das was VulvaPhD schreibt und das was Françoise schreibt.
    Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn jemand glaubt, dass man jetzt doch einfach mal großzügig sein sollte und trotzdem ficken (lassen) kann, obwohl man keinen Bock hat. Aber ich weiß auch, dass ich dieses Gefühl nicht immer habe.
    Und hier unterscheidet sich meine Erfahrung wohl am meisten von Vulva, denn gerade beim Sex mit Fremden (wobei Casual Sex Dating gelernt sein muss) hatte ich in der Regel kaum Probleme mit Consent und Grenzen. Im Gegenteil. Aber es hat lange gedauert, bis ich meinen Filter raushatte (auch schon im Vorfeld z. B. beim Schreiben). Aber ich habe tendenziell ziemlich geile Dates mit richtig tollen Menschen – das alles hätte ich nicht, wenn ich mit auf das Fremde einlassen würde.
    Daher weiß ich nicht so recht, was ich vom Konzept von Rape Culture halten soll, weil ich es bei mir definitiv nicht durchgängig spüre – bzw. inzwischen sogar eher selten. Wobei ich es im „Filterverfahren“ spüre und aussortiere…denn für so einen Scheiß habe ich inzwischen einen guten Radar. Aber abgesehen von persönlichen Erfahrungen kann ich jetzt auch nicht mehr sagen…

    Aber, Françoise, ich glaube das mit der strafrechtlichen Verfolgung von Vergewaltigungen in Deutschland ist nicht so ganz wie Du sagst…

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