Trieb ist doof

Sex-Trieb, so wird mir suggeriert, sei wie Durst. Ein körperliches Bedürfnis, das ich vielleicht sogar mit Gewalt durchsetzen würde, wenn es entsprechend dringlich wird.

Ich halte das für einen rape-culture-Mythos. Sein Zweck ist vor allem, Verhalten von Leuten zu entschuldigen, so als seien sie halt nicht zurechnungsfähig wegen des Triebs. Geil sein ist aber nicht wie durstig sein. Es geht zum Beispiel auch wieder weg, auch wenn das „Bedürnis“ nicht „befriedigt“ wird. Und auch Sex haben kann in einem Zustand von höchster Notgeilheit sehr unbefriedigend sein. Bei mir zumindest stellt sich das manchmal als unersättlich heraus, und irgendwann hört man halt auf, weil man ja nicht ewig weitermachen kann, evtl. noch angespannter und genervter als vorher.
Wenn ich nicht trinke, dann sterbe ich. Wenn ich keinen Sex habe, gewöhne ich mich mitunter auch einfach dran.

Gelegentlich wird ja gefordert, dass Leute, vor allem cismännliche Leute, ihren Trieb kontrollieren sollen. Anders damit umgehen. Warum nicht gleich das Konzept abschaffen und sich angucken, was da wirklich los ist? Was genau das ist, was sie vermeintlich nicht kontrollieren können?

Am ehesten ähnelt das Trieb-Konzept ja nicht dem durstig sein, sondern der Aggression. Auch die geht meistens von selbst wieder weg und auch sie wird nicht automatisch befriedigt, wenn man jemanden verhaut.
Und ich glaube, es ich kein Zufall, dass Sex in einem Kontext mit einem starken Trieb-Konzept, tatsächlich auch eher gewaltförmig, wie ein Gewaltrausch, gedacht wird. Das ist mindestens eine krasse Einschränkung von dem, was Sex alles sein kann.

Ich glaube, es würde uns gut tun, Agression und Sex und Sexyness, ebenso wie Zuneigung, Lust und Attraktion zu trennen. Und zu überlegen, was man eigentlich will, wenn man Sex will. Siehe auch hier. Wofür man dann noch Trieb braucht, ist mir nicht klar.

Edit: Was mich vor allem stört, ist glaube ich, dass der Trieb als etwas „natürliches“ oder rein biologisches konstruiert wird. Dabei hat das, wie wir „Trieb“ erleben, eine sehr große kulturelle Komponente. Es hat zum Beispiel viel damit zu tun, dass sich Leute (als Kultur) vorstellen, dass ihnen Sex zusteht oder zumindest zu einem lebenswerten Leben identitätsstiftend dazu gehört. Das trägt m.E. mehr zur empfundenen Dringlichkeit bei, als das körperliche Bedürfnis allein.

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17 Kommentare zu “Trieb ist doof

  1. Möglicherweise muss man das geschilderte „Trieb-Konzept“ schärfer beschreiben und abgrenzen. Die Analogie zum Durst erscheint überstrapaziert: Durst ist eine physische Notwendigkeit – ohne Wasserzufuhr stirbt der Organismus. Die Erfüllung ist leicht möglich durch Zufuhr von Wasser. Eine ausreichende Menge von Wasser beendet den Durst.

    Sexualität ist aber viel differenzierter. Und die Gleichsetzung von Sex und Sexualtrieb mit Gewalt ist unzulässig. Gewalt ist mit Sexualtrieb nicht zu begründen oder gar zu entschuldigen.

    Meine Sexualität ist ausgeprägt, ich spüre einen starken Trieb, wenn man so will, ich will Sex und lebe meine Sexualität aus. Es gibt Momente, wo ich ein sehr starkes Bedürfnis danach verspüre. Ich tue vieles was Konventionen und gesellschaftliche Auffassungen verletzt, ich überschreite Grenzen und liebe das Erlebnis. Aber ich wende niemals Gewalt an und kann mir eine Beteiligung an Gewaltanwendung nicht vorstellen.

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  2. “Der Trieb“ dient nmM einzig als Ausrede für das Erpressen oder Erzwingen sexueller Handlungen. Auch die Bezeichnung als “Triebtäter“ bei sexuellen Übergriffen beinhaltet schon vorab ein “er kann nichts dafür, es war stärker“. Armselige Ausreden. Ich könnte noch mehr dazu schreiben, aber das wäre hier fehl am Platz.

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  3. Was ich hier interessant finde, ist: Warum wir davon trieb gesprochen und nicht z. B. von „Lust“? Ich stimme zu, dass Trieb und Aggression sich ähneln, aber was ist mit „Lust“? Was unterscheidet Lust von Trieb?

    Rein historisch gesehen steckt da tatsächlich so eine Art Druckmodell-Theorie dahinter, wonach der Trieb den Drang beschreibt, der eben „entladen“ werden muss. Orgasmen werden tatsächlich häufig von Männern so beschrieben: https://books.google.de/books?id=ZWpEBQAAQBAJ&pg=PA64&lpg=PA64&dq=produktion+des+freiers+trieb&source=bl&ots=oVR-uaqTlT&sig=qB0JlLc7U8E4sHD-lgKsMY1OPyw&hl=de&sa=X&ei=tL-iVf3UFofLygOBn6ywCQ&ved=0CDQQ6AEwAg#v=onepage&q=produktion%20des%20freiers%20trieb&f=false

    Ich glaube ich muss noch mehr darüber nachdenken, wie das nun mit der „Lust“ geht.

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    • das ist auch ein interessanter vergleich. lust ist etwas, was im vergleich bewusster, willentlicher umgesetzt wird?
      ich frage mich ja, wieviel entitlement gedanke und überhaupt männlichkeitsklischee in diesem empfundenen drang steckt.
      und was mit dem trieb passiert, wenn er nicht entladen wird. explodiert der mann dann?

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      • LOL! Explodieren….Scherz beseite. Die Angst vor dem Explodieren ist ja in den ganzen Klischees enthalten, wonach es mehr Vergewaltigungen gäbe, wenn es keine Prostitution mehr gäbe. Mit Lust hat dann aber wirklich nichts mehr zu tun. Ich muss mal darüber nachdenken

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      • Das könnte ein fruchtbarer Denkansatz sein:
        Ja, es gibt auf der einen Seite den Triebstau, der sich entladen muss. Davon, dass es mehr Vergewaltigungen geben würde, gäbe es keine Prostitution, bin ich überzeugt. Aber auch hier gibt es Differenzierungen. Es gibt einen physischen Triebstau, und den gefährlicheren psychischen Triebstau, der durch Frustrationen aufgeladen wird,
        Auf der anderen Seite gibt es die Lust, den Genuss, die Liebe einer sexuellen Begegnung … Vielleicht so, wie es auf der einen Seite den ausgehungerten Esser gibt und auf der anderen Seite den Feinschmecker.

        Sonja hat recht: Sexualität ist ein weites Feld. Ich habe schon soviel darüber nachgedacht und finde keinen Grund in diesem tiefen Wasser.

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      • Huch, also ich habe ja nicht gesagt, dass ich der Meinung bin, dass es so etwas wie „Trieb“, bzw. „Triebstau“, der „entladen“ werden muss, gibt. ich habe nur gesagt, dass das ein Klischee ist, ein Theorie, mit der meistens Männer ihre „Ansprüche“ auf Sex rechtfertigen. Ich selber glaube nicht an einen solche Trieb bzw. Triebstau, daher halte ich auch den Satz „Wenn es keine Prostitution gäbe, gäbe es mehr Vergewaltigungen“ für blanken Unsinn. Das kann ich aber in einem eigenen Blogbeitrag noch einmal erklären.

        Die Frage, die ich spannend finde: Warum begreifen die meisten Männer ihre Sexualität als „Trieb“ und nicht als „lust? Was steckt dahinter? Welche „entitlements“ (auch wenn mir der Begriff auch nicht so gefällt), welche Konstruktionen von Maskulinität?

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  4. Den „Triebstau“ habe ich Dir ja gar nicht zugeschrieben! Das ist ein Ansatz, den ich aus dieser Diskussion herausziehe.

    Vielleicht haben wir unterschiedliche Erfahrungshorizonte. Ich kenne sehr viele Männer, die wirklich nur eine Triebbefriedigung suchen. Und ich halte den zitierten Satz über die Rolle der Prostitution in diesem Feld keineswegs für blanken Unsinn – aber das ist vielleicht eine eigene Diskussion wert.

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  5. Übrigens glaube ich auch nicht, dass die „meisten“ Männer Sexualität als Trieb begreifen. Es gibt (glücklicherweise) sehr viele Männer, die Sexualität als „Lust“ begreifen und Genuss nicht nur suchen, sondern auch erleben können. Dazu passt auch, dass die meisten Männer auch unbedingt erleben wollen, dass die Frau genießt.

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  6. Ich glaube, es ist sinnvoll, sich überhaupt einmal mit der Definition von „Trieb“ zu befassen — das scheint mir hier alles ein wenig unscharf zu sein.
    Deshalb möchte ich mich, bevor ich weiter in die Diskussion einsteige, den Begriff genauer ansehen: Ich kenne ich nur von Freud, der seine Thesen im 19. Jh entwickelte und daher eine weitgehend biologische Grundlage allen menschlichen Verhaltens annahm.
    Und im Zusammenhang mit insb. diesem Artikel ist es dann wichtig zu erwähnen, dass neben aller anderen Kritik an den Thesen von Freud auch das androzentristische an ihnen kritisiert wird; also dass Freund (cis-)männliches Verhalten ohne jedes Hinterfragen als Norm angenommen hat.

    Daher ist „Trieb“ sicherlich kein sinnvolles Konzept, um Sexualität zu beschreiben.

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    • in diesem schluss sind wir uns sicher einig, allerdings nützt das ja nun nicht so viel, da es weiterhin genau zu diesem zweck verwendet wird.
      es wäre ja schön, wenn die vorstellung vom sexualtrieb im besonderen und eine androzentrische sicht auf sexualität im allgemeinen mit freud gestorben wären. statt dessen scheinen sie sich doch ganz gut gehalten zu haben und tauchen sogar in alltagsgesprächen mit freund*innen auf – daher der post.

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  7. Ich hatte noch nie diesen Trieb. Ich hab das nie nachvollziehen können, wie Menschen jetzt Sex haben wollen ohne sich vorher genau zu überlegen, ob sie das jetzt wirklich wollen. Das spontane Bedürfnis, Sex zu haben ist mir fremd. Ich kenne das spontane Bedürfnis, irgendwas zu essen, aber einen Sexualtrieb gibt es nicht für mich. Ich habe Sex, weil ich mich bewusst dazu entscheide, nicht für irgendeinen Trieb. Aber ich bin ja auch demisexuell. Naja, wieder eine Sache der Mehrheit, die ich nicht verstehen kann.

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  8. Pingback: Heißes Thema: Hotpants

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