Warum ich (nicht) poly bin

Oft mag ich gar nicht mehr erzählen, dass ich poly(amor) bin, also mehrere Beziehungen führe. Das, was Leute dann in erster Linie hören, ist nämlich fast immer “Sex! Sie hat mit mehreren Leuten Sex! OMG! Fremdgehen und das dann auch noch offen erzählen!!!”
Ich bin aber nicht poly geworden, weil ich ganz besonders viel Sex mit verschiedenen Menschen haben wollte. Dafür gibt’s ja auch schon ein Lebensmodell, das heißt Single sein. Keine Bindungen und Verpflichtungen an feste Partner_innen, dafür viel Sex haben. Oder halt auch nicht, wenn sich niemand findet, aber das ist ja immer so.
Ich habe tatsächlich nur mit einem von den drei Leuten, die mit mir mehr oder weniger regelmäßig in einem Bett schlafen, das, was sich die meisten unter “Sex” vorstellen. Lustigerweise musste ich poly werden, um herauszufinden, dass ich eigentlich vielleicht doch nur mit einer Person schlafen will. Früher als Langzeitbeziehungsmensch habe ich oft die Singles beneidet, die auf Parties einfach mit irgendwem rumknutschen durften. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass ich es sehr schätze, mit neuen Menschen zu flirten, dass ich Körperlichkeit auch in Freundschaften wichtig finde, aber dass die Leute, mit denen ich wirklich intime Beziehungen mit viel emotionaler und körperlicher Nähe eingehen will, doch sehr wenige sind. Dass ich zwar gerne Leute an mich heran lasse, es aber einen Unterschied gibt zwischen “Leute attraktiv finden” und “mit Leuten Sex haben wollen” und dazwischen noch viele interessante Dinge möglich sind.
In erster Linie habe ich mit mit meinem damals einzigen Partner für poly als Beziehungsmodell entschieden, weil wir uns nicht trennen wollten. Weil klar war, dass bestimmte Bedürfnisse nicht zusammenpassen bei uns, aber wir uns trotzdem kein Leben ohne einander vorstellen konnten. Es war eben keine Entscheidung für mehr Abenteuer, sondern für mehr Beständigkeit.
Mich regt es manchmal auf, wenn über poly immer wieder so einseitig als easy lifestyle für privilegierte Leute berichtet wird. Wo rumvögeln kein Problem mehr ist, weil man sich ja drüber nicht anlügt. Als ob es reichen würde, einfach immer alle zu informieren. Wo alle ständig auf der Suche nach neuen Partner_innen sind. Und wo es immer in erster Linie um Sex geht. Das klingt mir immer noch sehr nach dem Single-Lebensmodell, nur mit mehr Ehrlichkeit.
Ja, klar, dieses poly gibt es, und es macht bestimmt Spaß und darf auch gefeiert werden.
Aber diese einseitigen Darstellungen tragen auch dazu bei, poly als Beziehungsform nicht so richtig ernst zu nehmen. Es klingt zu viel nach jungen Leuten, die eben Sachen ausprobieren (und dann auch wieder sein lassen, wenn sie älter werden). Was dabei zu kurz kommt, ist das füreinander-da-sein. Die Beständigkeit, auch mit mehreren Leuten. Die Verantwortung, die alle übernehmen. Nicht nur füreinander, sondern zuerst für die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen, Gefühle und Gedanken. All die Dinge, mit denen ein Poly-Lebensmodell erwachsener ist, als die meisten unreflektierten Mono-Lebensmodelle.
Das größte Problem ist wahrscheinlich, Menschen in Poly-Konstellationen als homogene Gruppe wahrzunehmen und von vielen Sachen als gegeben auszugehen. Nur weil wir poly sind, haben wir noch keine Gemeinsamkeiten.
Im Zweifelsfall kann ich mich über meine Beziehungsprobleme besser mit anderen Leuten reden, die auch grade sehr verliebt sind, oder pan- oder bisexuell sind oder eifersüchtig oder die über die Geschlechter-Rollen-Dynamiken in ihren Beziehungen nachdenken, als mit anderen Leuten, die auch poly sind (und das meistens ganz anders leben als ich).

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4 Kommentare zu “Warum ich (nicht) poly bin

  1. Wie oft erlebe ich es, dass Menschen ganz aufgeregt ihre Meinung zu etwas äußern bzw. etwas (meist negativ) bewerten, ohne überhaupt eine Vorstellung davon zu haben, worum es überhaupt geht. Das finde ich wirklich schade, oft macht es mich sogar wütend. Bei dem Thema gibt es doch so einige Dinge, über die man vorher gesprochen haben muss. Was ist eigentlich die Definition von Beziehung, von Liebe, von Intimität usw. Doch über diese Worte ist man sich oft nicht im klaren, man spricht auch nicht darüber. Und dann geht die hitzige Diskussion über ein Thema los, ohne vorher über die Begrifflichkeiten gesprochen zu haben. Das kann doch einfach nicht gut enden. Hinzu kommt, dass viele sich keine 2 Sekunden darüber Gedanken machen, was sie dabei eigentlich denken und fühlen. Sie plappern drauf los und versuchen mit allen Mitteln ihr Lebensbild und ihren persönlichen Lebensstil zu verteidigen, als würde man ihn ihnen rauben wollen. Aber es gibt ja auch immer mehr Menschen, die sich öffnen und andere Dinge annehmen bzw akzeptieren können, sich sogar sehr dafür interessieren, ohne es unbedingt für sich persönlich annehmen zu müssen. Langsam aber sicher kommen wir in eine Richtung, in der man mehr Verständnis uns Akzeptanz erfahren wird. Wir müssen nur Geduld haben! Liebste Grüße, Sandy

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  2. Hey,
    es war schön deinen Artikel zu lesen! Eine wunderbar persönliche Reflektion, die deutlich macht wie du poly empfindest. Ich hätte mir zwar an der ein oder anderen Stelle noch mehr Details gewünscht, was aber daran liegt dass ich mich derzeit ein wenig exzessiver mit dem Thema auseinandersetze 🙂

    Alles Liebe,
    Nina

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