50 Shades of Schublade

Ich habe lange nicht mehr hier gebloggt, aber ich muss meinem Ärger Luft machen. Über 50 Shades of Grey. Ohne den Film gesehen zu haben. Mich regt daran so viel auf. Ich muss das hier loswerden, weil ich kann und will mich nicht outen. Und egal, wieviele Leute meinen, der Film mache BDSM salonfähig, ich halte dagegen. Der Film macht alles mögliche, aber er trägt nicht zum besseren Verständnis oder der größeren Akzeptanz von BDSM bei.

Aber der Reihe nach …

BDSM kennt Grenzen!

First things first, ein Vorwurf den nicht nur ich dem Film mache, sondern viele andere vor mir: Das ist sexuelle Belästigung (und einiges anderes), nicht BDSM. Christian Grey missachtet mehrfach Anas Protest, Unsicherheit, Souveränität … zusammengefasst: ihre psychischen und physischen Grenzen. Die Grenzen des (Spiel)partners zu achten ist eine Grundfeste von BDSM.

Ob das mit Safewords, Checks (nachfragen während des Spielens) oder mit Vertrauen, das aus tiefer Zuneigung, viel Kommunikation und viel gemeinsamer Erfahrung entsteht, gewährleistet ist, ist letztlich unwichtig. Ja, es gibt Leute, die auf Safewords verzichten und die auf „consensual non-consent“ stehen, also das bewusste, einvernehmliche Missachten von Grenzen … aber Ana ist Jungfrau, und das ist nun wirklich nicht die Art BDSM, mit der man starten sollte – glaubt mir das, ich weiß, wovon ich spreche. Zitat aus meinem eigenen Leben, als ich Mitte 20 war, Kurzfassung: „Ich bin übrigens noch Jungfrau.“ Antwort: „Oh … ich stehe auf BDSM.“

Bis er und ich Sex hatten, vergingen nach diesem Gespräch fast zwei Wochen. Bis zum ersten, zaghaften Herantasten an BDSM noch viele weitere. Ich habe mich zu 100% gut aufgehoben gefühlt – mit all meinen Unsicherheiten, Ängsten und Verständnisproblemen (fast alle Klischees, die ich heute kritisiere, habe ich selber geglaubt). Aber er war es mir wert, es zu versuchen … so wie damals, als es überhaupt zu dem erwähnten Dialog kam, was hier nachzulesen ist. Und ich bin, wie man so sagt, reingekippt. Und vielleicht schon etwas informierter und sogar mehr kinky als er – wobei, ob man das objektiv messen kann? Ist auch egal.

Jedenfalls hätte ich es nie zugelassen, so zu behandelt werden wie Ana. Und es ist widerlich, auf welche Art und weise BDSM hier mit Missbrauch vermischt wird und wie Grenzüberschreitungen normalisiert werden.

Nicht jede körperliche Züchtigung ist Missbrauch!

50 Shades of Grey kann man aus vielerlei Gründen (hab ich gelesen) verabscheuen: Es ist ein schlechter Film, ohne Erotik, ohne Charme. Was mich aber eben ganz besonders stört, ist dass durch die oben schon erwähnte Vermischung von BDSM und Grenzüberschreitungen auch der Eindruck entsteht, dass JEDE Art von körperlicher Züchtigung Tabu sei. Masochismus ist – sofern für Konsens, Vernunft und Sicherheit für beide Beteiligten gesorgt ist – nichts Abscheuliches.

Ich bin zwar wohl eher eine gemäßigte Masochistin, aber es ist aus vielen Gründen sehr schwer, sich und anderen das einzugestehen. Es gehört sich nicht, Schmerz geil zu finden. Und schon gar nicht will man als Feministin den Eindruck vermitteln, man fände physische Gewalt an Frauen per se ok oder gar antörnend. Mit Masochismus ist im Vergleich zu Sadismus sogar soviel mehr Stigma verbunden, dass obwohl ich das alles hier schreibe, ich mich lieber als sadistische Top outen würde, als als masochistische Sub.

Dennoch: Wenn (zwei) erwachsene, zurechnungsfähige Personen Spaß daran haben, einander einvernehmlich Schmerzen zuzufügen, dann gibt es dagegen nichts zu sagen.

Nicht alle Frauen sind submissiv!

Ein Phänomen, das mich regelmäßig auf die Palme bringt: Fast immer werden – in Pornos oder in Mainstream-Filmen wie 50 Shades of Grey – die Frauen als die Submissiven gezeigt; sogar als „von Natur aus submissiv“, Männer dominant. Auch im filmisch wesentlich wertvolleren „Secretary“. Ich frag mich nur: Wieso sind dann die ganzen Foren, Reddits, FetLife Threads voll mit Männern, die verzweifelt nach Dommes, Dominas oder Herrinnen (etc.pp.) suchen? Oder ihre zuckersüße Freundin magisch dominanter machen wollen. Ich lese das täglich.

Ich zum Beispiel schwanke zwischen beiden Extremen, manchmal von Tag zu Tag, manchmal von Monat zu Monat. Manchmal fühle ich mich dominant, und eine einzige Berührung von meinem Freund macht mich streichelweich und unterwürfig. Oder umgekehrt, ich stelle ihm frei, mit mir zu tun, was er will (er kennt meine Vorlieben und wir nutzen Checks bzw. Safewords), aber er tut irgendwas submissives und ich hab ihn 10 Minuten später ans Bett gefesselt. 😉  Ich fühle mich in beiden Rollen wohl – mal mehr in der einen, mal mehr in der anderen. Ich würde keine aufgeben wollen.

Viele Menschen sind wohl auf Dom(me) oder Sub festgelegt, aber davon abgesehen, meine Theorie: Viel mehr Leute als wir annehmen, Männer und Frauen, sind sexuell submissiv oder fühlen sich öfter submissiv. Weil wir im Alltag ständig Verantwortung tragen müssen, Entscheidungen fällen, wissen wo’s lang geht – auch wenn alles ständig verwirrter und unsicherer wird, sei es am Arbeitsplatz, in der europäischen Wirtschaftssituation, in der Diskrepanz zwischen erlernten und (von sich selbst) erwarteten Geschlechterrollen … es tut gut, sich mal fallen zu lassen und jemand anderen entscheiden zu lassen. Jemand, der es im Endeffekt gut mit einem meint und auf einen achtet – und, wie oben ausgiebist beschrieben, die eigenen Grenzen achtet.

Ich merke das bei mir – je mehr Stress ich in der Arbeit habe, je mehr Verantwortung ich übernehme, desto öfter sehne ich mich abends danach, einfach nicht nachdenken zu müssen sondern einfach zu tun, was er mir sagt. Und auch so versaut sein zu dürfen, wie ich bin, ohne meine Vernunft und brave Erziehung dazwischenfunken zu lassen.

Man mag nicht BDSM, weil man missbraucht wurde!

Christian Grey mag ja angeblich BDSM, weil er von einer Freundin seiner Mutter missbraucht wurde. Damit wiederholt man die alte Leier, dass BDSMler traumatisiert, psychisch krank oder gestört seien. Und das mag auf manche zutreffen, wie es in jeder x-beliebigen Gesinnungsgemeinschaft welche gibt – aber es ist NICHT der Auslöser, der einen kinky macht.

Nicht alle Kinkster wurden missbraucht und nicht alle Missbrauchsopfer werden kinky. Wenn jemand (angeblich werden Opfer ja oft zu Tätern) missbraucht wurde und deshalb andere missbrauchen „will“ oder „muss“, dann ist er/sie ein/e SexualstraftäterIn und nicht Kinkster. Ende der Debatte.

BDSM, das neue Kuriositätenkabinett?

Mit BDSM (oder was Medienmacher dafür halten) lässt sich derweil gutes Geld verdienen. Man wirft alle oben genannten Schubladisierungen in einen Topf, mischt noch eine Prise gefährliches Halbwissen dazu und stellt BDSM als neuesten Trend in Sachen Absurdität zur Schau. Und ruft gleichzeitig zum „Aufpeppen“ des öden Sexlebens auf, weil ein bisschen kann man sich von den Perversen ja abgucken, ne? Ich will gar nicht wissen, wieviele Menschen deshalb in peinliche Situationen geraten, oder gar in der Notfallambulanz landen.

Man fesselt als Neuling nicht einfach jemand mit grauen Seidenkrawatten – das rutscht viel zu sehr! Und Kabelbinder werden immer nur enger und schnüren leicht das Blut ab – in diesen Artikeln steht NIE wie man Knoten macht oder dass man eine Schere (am besten eine speziell dafür) zur Hand haben sollte.

BDSM ist – in vielen seiner Ausprägungen – auch Handwerk. Und auch wenn mir „Lebenseinstellung“ für mich persönlich ein klein bisschen zu weit geht, dann möchte ich doch meinen, dass es mehr ist als ein Trend, den man so im Vorbeigehen ausprobieren kann, ohne sich zu informieren, darüber zu lernen und ausgiebig mit dem/der/den PartnerInnen darüber zu reden.

Nehmt den Scheiß ernst, Leute! Nehmt uns ernst. Und wenn alles geklärt ist, dann nehmt uns. Gerne auch hart. 

Warum ich (nicht) poly bin

Oft mag ich gar nicht mehr erzählen, dass ich poly(amor) bin, also mehrere Beziehungen führe. Das, was Leute dann in erster Linie hören, ist nämlich fast immer “Sex! Sie hat mit mehreren Leuten Sex! OMG! Fremdgehen und das dann auch noch offen erzählen!!!”
Ich bin aber nicht poly geworden, weil ich ganz besonders viel Sex mit verschiedenen Menschen haben wollte. Dafür gibt’s ja auch schon ein Lebensmodell, das heißt Single sein. Keine Bindungen und Verpflichtungen an feste Partner_innen, dafür viel Sex haben. Oder halt auch nicht, wenn sich niemand findet, aber das ist ja immer so.
Ich habe tatsächlich nur mit einem von den drei Leuten, die mit mir mehr oder weniger regelmäßig in einem Bett schlafen, das, was sich die meisten unter “Sex” vorstellen. Lustigerweise musste ich poly werden, um herauszufinden, dass ich eigentlich vielleicht doch nur mit einer Person schlafen will. Früher als Langzeitbeziehungsmensch habe ich oft die Singles beneidet, die auf Parties einfach mit irgendwem rumknutschen durften. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass ich es sehr schätze, mit neuen Menschen zu flirten, dass ich Körperlichkeit auch in Freundschaften wichtig finde, aber dass die Leute, mit denen ich wirklich intime Beziehungen mit viel emotionaler und körperlicher Nähe eingehen will, doch sehr wenige sind. Dass ich zwar gerne Leute an mich heran lasse, es aber einen Unterschied gibt zwischen “Leute attraktiv finden” und “mit Leuten Sex haben wollen” und dazwischen noch viele interessante Dinge möglich sind.
In erster Linie habe ich mit mit meinem damals einzigen Partner für poly als Beziehungsmodell entschieden, weil wir uns nicht trennen wollten. Weil klar war, dass bestimmte Bedürfnisse nicht zusammenpassen bei uns, aber wir uns trotzdem kein Leben ohne einander vorstellen konnten. Es war eben keine Entscheidung für mehr Abenteuer, sondern für mehr Beständigkeit.
Mich regt es manchmal auf, wenn über poly immer wieder so einseitig als easy lifestyle für privilegierte Leute berichtet wird. Wo rumvögeln kein Problem mehr ist, weil man sich ja drüber nicht anlügt. Als ob es reichen würde, einfach immer alle zu informieren. Wo alle ständig auf der Suche nach neuen Partner_innen sind. Und wo es immer in erster Linie um Sex geht. Das klingt mir immer noch sehr nach dem Single-Lebensmodell, nur mit mehr Ehrlichkeit.
Ja, klar, dieses poly gibt es, und es macht bestimmt Spaß und darf auch gefeiert werden.
Aber diese einseitigen Darstellungen tragen auch dazu bei, poly als Beziehungsform nicht so richtig ernst zu nehmen. Es klingt zu viel nach jungen Leuten, die eben Sachen ausprobieren (und dann auch wieder sein lassen, wenn sie älter werden). Was dabei zu kurz kommt, ist das füreinander-da-sein. Die Beständigkeit, auch mit mehreren Leuten. Die Verantwortung, die alle übernehmen. Nicht nur füreinander, sondern zuerst für die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen, Gefühle und Gedanken. All die Dinge, mit denen ein Poly-Lebensmodell erwachsener ist, als die meisten unreflektierten Mono-Lebensmodelle.
Das größte Problem ist wahrscheinlich, Menschen in Poly-Konstellationen als homogene Gruppe wahrzunehmen und von vielen Sachen als gegeben auszugehen. Nur weil wir poly sind, haben wir noch keine Gemeinsamkeiten.
Im Zweifelsfall kann ich mich über meine Beziehungsprobleme besser mit anderen Leuten reden, die auch grade sehr verliebt sind, oder pan- oder bisexuell sind oder eifersüchtig oder die über die Geschlechter-Rollen-Dynamiken in ihren Beziehungen nachdenken, als mit anderen Leuten, die auch poly sind (und das meistens ganz anders leben als ich).