Die dunkle Macht der Sexualität: „Hysterical Literature“

Das klassische Erziehungsmuster für die Frau begegnet uns in vielen Formen immer wieder: eine Frau will eigentlich gar keinen Sex, Sex ist etwas, das diese haarigen Wesen, die Männer wollen und das die Frau eben mit sich machen lässt, weil die Männer das unbedingt wollen; Ziel der Sexualerziehung insbesondere und vor allem für die Frau ist die kontrollierte Sexualität, die „verantwortungsvoll gestaltete“ Sexualität – und das meint die sparsame, auf die Fortpflanzung innerhalb der Festbeziehung beschränkte Sexualität; unter keinen Umständen darf eine Frau erkennen lassen, dass sie Sex will und sucht.

Aber die Sexualität ist eine dunkle, gewaltige Macht – sie unterdrücken zu wollen ist, wenn überhaupt, nur zum Preis schwerster Beschädigung möglich. Sexualität ist ein klopfender, schlagender Teil des seelischen Blutkreislaufs und sowenig vom Selbst abzutrennen wie das Herz aus dem Körper zu schneiden ist. Nicht im Einklang mit sich selbst zu sein übersteht niemand auf längere Zeit ohne tiefe Verletzungen.

Clayton Cubitt, ein amerikanischer Künstler und Fotograf, hat in seinem Projekt „Hysterical Literature“ diese Gewalt der Sexualität künstlerisch dargestellt:

http://www.hystericalliterature.com

Gezeigt werden  Videosequenzen von Frauen mit einer festgelegten Handlung. Die Frauen sitzen an einem schlichten, weißen Tisch. Man sieht nur ihren Oberkörper. Sie halten ein Buch in der Hand, aus dem sie einige Absätze vorlesen. Buch und vorgelsenes Kapitel haben sie selbst ausgewählt. Die Frauen tragen sehr korrekte, klassische Kleidung. Der Hintergrund ist schwarz. Die Aufnahmen sind nüchternes Schwarzweiß – wie eine „Tagesschau“ im ARD der 60er Jahre.

Unter dem Tisch aber, unsichtbar für den Betrachter, sind die Frauen nackt. Eine Assistentin des Regisseurs handhabt einen Vibrator (den sehr guten Hitachi-Vibrator) und „lenkt die Vorleserin ab“. Damit man das Surren des Vibratos nicht hört gibt es noch eine Decke.

Die Frauen sind angewiesen, nüchtern und konzentriert ihren Text vorzulesen, und die „Ablenkung“ nach Möglichkeit zu unterdrücken. Sie stellen das asexuelle Rollenbild dar, das die Sexualität unterdrückt, kontrolliert, ausblendet – wie man es denn sehen will. Aber die Gewalt unter dem Tisch und unter der Decke lässt sich nicht verbieten. Nach ungefähr eineinhalb Minuten muss die Lesung kurz für einen tiefen Atemzug unterbrochen werden. Immer öfter bricht sich die verborgene Macht ihre Bahn, kleine Seufzer, Stöhnen, Unterbrechungen, nach denen sich die Vorleserin wieder fängt, für ein immer kürzer werdendes Zeitintervall, bis schließlich der Aufstand alle Herrschaft wegschwemmt.

Die Aufnahmen sind schön und geschmackvoll – und die künstlerische Botschaft ist überzeugend. Die Bilder sind hocherotisch, aber von Pornographie weit entfernt. Schön zusehen!

 

Advertisements

Mitdiskutieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s