Aufklärung in der Kindheit

An sich waren meine Eltern ja schon recht cool, was Aufklärung betraf: Unsere erste Aufklärungslektüre hatten ich und mein Bruder schon im Kindergartenalter. Es war ein Bilderbuch über eine Familie aus Mama, Papa, Tochter und Sohn und auf den ersten beiden Seiten lernten die Kinder in dem Buch, dass Mama schwanger war, woraufhin beide Eltern den beiden Geschwistern im Verlauf der Schwangerschaft erklärten, wie ein Baby entsteht, inklusive Geschlechtsverkehr und den dazugehörigen Geschlechtsteilen. Für die kindgerechte Beantwortung der Frage, woher denn eigentlich die Babies kämen, ist das Buch sicher gar nicht mal so schlecht gewesen, relativ ausführlich und biologisch ziemlich korrekt. Andererseits ist Sex nunmalhalt der Auslöser der meisten Schwangerschaften und nimmt als solcher einen zentralen Punkt im Verständnis der Fortpflanzung ein. Damit wird Sex zu einem zentralen Thema – schon im kindlichen Kopf – und für mich persönlich denke ich, hat die Verknüpfung von Sex und Fortpflanzung sicherlich zu einem Hemmnis im Verständnis menschlicher Sexualität geführt, denn: Sex ist nicht „zur“ Fortpflanzung da. Man kann zwar die biologische Seite von Sex in Form von Anpassungen an Fortpflanzung beschreiben, aber die Evolution oder das „Wohl der Art“ ist beim Sex nicht dabei während die tatsächlich Beteiligten meistens vermutlich andere Gründe als „Kinder machen“ haben, sexuell miteinander zu interagieren.

Tatsächlich ist der Mensch weniger das „einzige Tier, das nicht nur zur Fortpflanzung Sex hat“, sondern vielmehr das einzige Tier, das manchmal tatsächlich mit dem Vorsatz der Fortpflanzung Sex hat. In allen anderen Fällen ist menschlicher Sex für die Beteiligten erst einmal ein Selbstzweck. Und: Das ist doch wohl auch gut so.
Aber eben als solcher wird er nicht vermittelt und somit auch nicht, dass Sex eben auch für nichts gut sein „muss“, dass Sex also sehr viele Formen annehmen kann und sich nicht auf Penis-in-Vagina-Penetration beschränkt.

Ich weiß noch, wie sehr mich meine frühkindliche Aufklärung beeindruckt hat: Ich fand das gesamte Thema spannend, stellte es doch auch meinen Ursprung dar. Ich erinnere mich sogar noch etwas an „Doktorspielchen“ (sollte man die laut Freud nicht vergessen?) und kann eigentlich einen roten Faden von der sexuellen Aufklärung im Kindergartenalter über diese Spiele bis hin zu meinen ersten sexuellen Fantasien ziehen, die alle immer mit Penetrationssex, Penissen und deren Ejakulation zu tun hatten.
Eigentlich möchte ich von mir gar nicht allzu sehr verallgemeinern, aber ist es nicht vor diesem Kontext der „Funktionalität“ von Sex, weswegen heterosexueller Penetrationssex als der „natürlichste“ wahrgenommen wird? Und fällt die klassische sexuelle Aufklärung nicht so ziemlich völlig in dieses Bild?
Natürlich lernt man mit der Zeit mehr: Man liest – z.B. im Internet -, man redet mit FreundInnen, man konsumiert pornografische Inhalte… aber es bedarf vermutlich in der Regel schon einiges an Aufwand und/oder innerer Konflikte, um seine frühen Grundannahmen zu verwerfen und Sex als so frei zu verstehen, wie er letztendlich doch ist: Frei von einem Fortpflanzungs“dogma“ und frei von „wenn ein Mann und eine Frau sich ganz doll lieb haben“.

Für mich persönlich kann ich noch heute feststellen, dass ich die Penetration noch immer beinahe für den unweigerlichen Höhepunkt beim Sex, in dem ein oder mehrere Penisse involviert sind, halte. Das ist mit keinem Leidensdruck verbunden: Ich liebe es ja durchaus, einen erigierten Penis in mir zu spüren. Trotzdem kann ich meine Beschränkungen erkennen und auf einer abstrakten Ebene bedauern, zumal ich mich frage, wie tief diese Grundannahmen und Vorurteile unsere Gesellschaft als Ganzes prägen und inwiefern sie sexuelle Neigungen und Praktiken, die nicht heteronormativ sind, erst einmal (also in unseren frühesten und damit naivsten Annahmen) „undenkbar“ machen und dadurch „Andersartigkeit“ überhaupt erst definieren.

Aber was wäre die Alternative?
Ich bin keine Pädagogin und halte mich daher mit allzu konkreten Ideen zurück, aber könnte man nicht zumindest andeuten, dass Sex vieles bedeuten kann, was erwachsene Menschen miteinander machen und dass bestimmte Formen von Sex zu der ganzen „neue Menschen machen“-Sache führen können? Sicherlich gibt es auch schon Ansätze in dieser Richtung und vielleicht mögen junge Eltern hier auch ihre liebsten Aufklärungsmaterialien nennen. Aufgelöst wird die Verbindung bis Gleichsetzung zwischen Sex und Fortpflanzung jedenfalls nicht sein und das wird sicherlich auch noch ein Weilchen dauern.

Trotzdem bin ich alles in allem sehr froh, so früh schon relativ ausführlich aufgeklärt worden zu sein. Ich halte Aufklärung für gut und wichtig und finde auch, dass man Kinder vor diesem Thema nicht „schützen“ muss. Trotzdem ist gerade frühkindliche Bildung nicht unpolitisch und ich denke, darüber sollte man vielleicht mal reden.

Wann wurdet ihr aufgeklärt und wie? Inwiefern hat es euer Denken über Sexualität beeinflusst und wie sehr hat es euch dabei geholfen und/oder gehemmt, eure eigene Sexualität zu entdecken?

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9 Kommentare zu “Aufklärung in der Kindheit

  1. Ich war schon 8 als meine Mutter mir verschämt ein ziemlich dämliches Buch zusteckte das später verloren ging und an dessen Autor und Titel ich mich nicht erinnern kann. Die Erklärungen waren eher klinisch-technisch und es war viel vom „verantwortlichen Umgang mit der Sexualität“ die Rede. Gesprächen zu dem kaum verständlichen Thema wich sie aus,mein Vater erst recht. Mit anderen Worten: die Aktion war ein Flop.

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  2. ach, du sprichst mir aus der seele. solche gedanken hatte ich auch schon oft. bei mir war es allerdings nicht der enge zusammenhang von sex und fortpflanzung. eher allgemeiner, diese ganzen normen, wie sich sexualität ausdrücken kann.
    als ich damit angefangen habe, meine eigene sexualität auszuprobieren, konnte ich eben nicht frei ausprobieren. ich hatte diese ganzen abläufe und anleitungen im kopf. es war klar, man muss erst irgendwie zusammen kommen, dann küssen, dann „petting“, dann sex mit reinstecken und männlichem orgasmus. würg.
    ich fand es schon als teenager schade, dass es diese engen bahnen gibt, in denen das scheinbar abzulaufen hat. ich hatte das gefühl, ich habe gar keine individuellen möglichkeiten, mich da auszudrücken.
    auch heute noch sind viele der schönsten erfahrungen die, die eben nicht mit dem normengerüst korrespondieren.

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  3. Ich rate mal: Das erwähnte Aufklärungsbuch hieß „Peter, Ida und Minimum“
    Titelblatt: http://ecx.images-amazon.com/images/I/91asUWIsosL._SL1500_.jpg
    Beschreibung: http://books.google.ru/books?id=vRBkAQAAQBAJ&pg=PA142
    Damit bin ich auch aufgeklärt worden, oder, anders gesagt: Damit habe ich mich aufgeklärt. Denn der Witz an dem Buch, der es für biedere bildungsbürgerliche Kreise so attraktiv macht, ist doch: In für Kinder verständlicher Weise werden Eltern gezeichnet, die ihren beiden Kindern alles erklären, was diese wissen müssen – nun, wo sie ein weiteres Kind bekommen. Das entlastet die Eltern der kindlichen Leserinnen und Leser von dieser unangenehmen Aufgabe.
    Sexualität wird damit in einem Rahmen von familienorientierter Fortpflanzung präsentiert. Das ist der primäre „sozial erwünschte“ Rahmen von Aufklärung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und vielleicht auch noch heute.
    Mir fallen vier Ziele ein, die biedere Eltern bei der Aufklärung haben konnten und können; Gründe, aus denen die Sexualaufklärung entwickelt wurde und weiter stattfindet:
    1. Vermutlich der älteste Grund: Verhütung ungewollter Schwangerschaft. Dazu dient die Information über körperliche Prozesse mit Fortpflanzungsbezug. Verbunden ist damit die Vorgabe, dass Schwangerschaft im gesetzteren Erwachsenenalter mit festem Partner und Einkommen wünschenswert ist. In allen anderen Lebenslagen, das hat der Haussperling ja skizziert, gibt es demnach keinen Grund, Sex zu haben.
    2. Ebenfalls mit langer Tradition, aber nach Entdeckung von Antibiotika erst durch AIDS wieder aktuell: Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Da gibt es zwei Tendenzen: a) Kondome schützen! ist ein aufklärerischer Lerninhalt, der vielfältige nichtfortpflanzungsbezogene Sexualkontakte ermöglicht. b) In einer monogamen Zweierbeziehung zwischen Gesunden besteht keine Gefahr (was natürlich nicht stimmt, aber trotzdem:) Ein Hurra für die Ehe!
    3. Ich weiß nicht, wie alt der Grund ist, vielleicht wurde er in den 1980ern populär: Vorbeugung sexuellen Missbrauchs. Neben die Informationen über familiäre Fortpflanzung trat die Betonung sexueller Selbstbestimmung, und das bedeutete vor allem: Tue nichts, was du nicht willst! Sage Nein! Was bei der Selbstbestimmung noch unterbelichtet blieb, war das Ja-Sagen. Dafür gab es keinen Grund. Kein Grund für Sex vor der Ehe.
    4. Zeitgemäße Sexualaufklärung heute müsste darüber hinaus zum Ziel haben: Befähigung zur Entwicklung einer bedürfnisgerechten sexuellen Identität, inkl. Förderung des Erprobens verschiedener Möglichkeiten zum Lustgewinn.

    Punkt 4 ist das, was eine sexpositive Aufklärung von herkömmlichen Aufklärungszielen unterscheidet. Das ist nicht etwa Standard in dieser Gesellschaft, sondern Avantgarde. Und eine besonders schlagkräftige Waffe des sexuellen Konservatismus dagegen ist Punkt 3: Sexpositive Sexualaufklärung wird in biederen bürgerlichen Kreisen heute ganz ausdrücklich als sexueller Kindesmissbrauch bezeichnet und medial als solcher dargestellt. Vgl. z.B. http://www.alexandervonbeyme.net/2014/10/16/unter-dem-deckmantel-des-journalismus/

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    • Ja, richtig geraten! Glücklicherweise wurde ich tatsächlich anhand des Buches durch meine Eltern aufgeklärt (ich konnte ja noch gar nicht lesen) und meine Eltern haben mir anschließend auch Rede und Antwort gestanden. Aber ja, das Buch ist so gestaltet, dass sich ein Kind auch selbst dadurch lesen kann.

      Punkt 4 ist sicherlich schwierig. Selbst wenn sexpositive Aufklärung nicht an sich schon „Avantgarde“ wäre, ist dieser Punkt in seiner konkreten Ausführung vermutlich heftig Umstritten: Zeitpunkt, Grad der Konkretheit der Beschreibungen sexueller Praktiken, durch wen soll aufgeklärt werden, etc. Vielleicht neigen da manche Kreise auch zu einem zu großen Kontrollbedürfnis: Es muss ja kein regelrechter „Lehrplan“ aufgestellt werden und man kann Kindern und Jugendlichen durchaus zumuten, sich mit mehr oder weniger Anleitung selbst weiter zu bilden. Gerade in der Entwicklung der eigenen Sexualität passiert doch sowieso das meiste privat und fernab vom Zugriff von Erziehungspersonen. Wichtig ist, vorher den Grundstein dafür gelegt zu haben, dass die Kinder/Jugendlichen ihre eigene körperliche Autonomie verstanden haben und ihnen klar ist, dass es ein Spektrum zu erforschen gibt.

      Ich selbst habe auch gar nichts dagegen, kleinen Kindern erst einmal ihre Frage zu beantworten, woher Babies kommen ohne dabei Sexualität groß zu thematisieren (aber meine Relationen mögen da auch andere sein: „nicht groß“ ist für mich biologisch noch immer akkurat). Trotzdem öffnet man dabei Tore und schließt andere. Thematisiert man soziale Kontexte von sexuellen Handlungen? (Klassischerweise: Ehe.) Welche? Ok, es braucht also Eizellen und Samenzellen, um eine Schwangerschaft zu beginnen, aber reden wir dabei von „Männern“ und „Frauen“ (gemeint: heterosexuelle cis-Personen) und einigen wir uns auf eine „akzeptable“ Form von Sex, die wir zur Verdeutlichung abbilden können oder erklären wir statt dessen, wie Geschlechtsorgane funktionieren und wie sie zu „neuem Leben“ führen können und lassen Geschlecht und Geschlechtsakt außen vor? Oder bleiben wir einfach schwammig (etwa: „Erwachsene machen gerne etwas, das sich gut anfühlt und sich „Sex“ nennt, aber das kann vieles sein und längst nicht alles kann zur Befruchtung führen.“)?
      Ich denke, das alles sind keine einfachen Fragen. Aber „Aufklärung“ muss ja auch nicht ein kompakter Packen sein, der halt zu einem bestimmten Zeitpunkt abgearbeitet werden muss. Kinder geben durch Fragen ja auch selbst vor, was sie wissen wollen, gleichzeitig können sie aber auch nichts erfragen, was sie nicht für möglich halten. Ich denke, vieles würde sich mal wieder durch mediale Repräsentierung ändern: Sehen Kinder eine Vielzahl von menschlichen Beziehungsformen in verschiedenen Konstellationen und wissen sie, dass Sex etwas ist, das viele Menschen innerhalb von romantischen Beziehungen ausleben, dann werden sie vielleicht ganz selbstverständlich annehmen, dass es nicht nur monogamen Hetero-Sex gibt. Und wenn es dabei um Spaß geht, warum sollte es auf romantische Beziehungen beschränkt sein? So gesehen ist das „Problem“, wie man nicht-normativen Sex erklärt auch ein künstliches. Warum nehmen Kinder denn überhaupt an, dass Sex etwas zwischen Mann und Frau ist, wenn diese sich ganz doll lieb haben und verheiratet sind? Doch wohl nicht, weil wir nur das „Nötigste“ erklären würden…

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  4. Pingback: Sexualkunde für Hassprediger II | Erbloggtes

  5. Ich hatte auch Peter, Ida & Minimum, aber noch eine Reihe anderer Bücher. Eins an das ich mich besonders erinnern kann ist Lisa & Jan, weil es da zwar auch ums „Kinderkriegen“ ging, aber auch darum, dass Sex nicht nur zur Fortpflanzung dient. Gerade mal in die amazon-Bewertungen hineingeschaut: genau das wird kritisiert – http://www.amazon.de/review/R7OY93ERYYF64/ref=cm_cr_dp_title?ie=UTF8&ASIN=3407831110&channel=detail-glance&nodeID=299956&store=books

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  6. @Schnucki
    Ich habe auch zwei Bücher zugesteckt bekommen, weil meine Eltern Probleme hatten mit uns Kindern über Sexualität zu sprechen. Das kann man sicherlich als „attraktive“ Lösung für „biedere bildungsbürgerliche Kreise“ framen, für mich hat das allerdings einen ziemlich negativen Unterton. Ich sehe es eher so, dass meine Eltern mit der Lage überfordert waren und sich nicht anders zu helfen wussten. Mit Kindern über Sexualität zu reden ist nicht einfach, gerade wenn der gesellschaftliche Mainstream (nicht bloß irgendwelche „Kreise“) beides radikal voneinander trennt.

    Ich habe die Zurückhaltung meiner Eltern übrigens (auch) als Entlastung empfunden, weil ich selbst – zugegeben aus den gleichen biederen Gründen (schon damals als Kind) – kein Bedürfnis hatte mit meinen Eltern über Sex zu reden. Woraus aber dann wieder deutlich wird, dass man vielleicht lieber über Kommunikationsprobleme sprechen sollte als über Verklemmtheit – erscheint mir irgendwie produktiver.

    In eines der Bücher habe ich dann übrigens auch immer mal wieder reingelesen. Es war allerdings auch kein „Kinderbuch“ sondern eher für bereits pubertierende Kinder – wir hatten ja alle kein Internet ;). Würde es heute gerne noch einmal lesen, da es ideologisch sicher einiges zu bieten hatte, aber ich erinnere mich leider nicht mehr an den Namen, nur daran, dass viel viel Text darin war.

    Apropos Aufklätungsbücher: bald ist ja Weihnachten und dieses Buch ist nicht nur ideal zur Aufklärung von jung & alt (wenns mal nicht nur um menschliche Geschlechtsteile gehen soll, sondern um Geschlecht ganz im Allgemeinen), sondern ist auch noch schön anzusehen http://www.gwennseemel.com/index.php/paintings/from/category/crime/

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  7. An „Lisa & Jan“ kann ich mich auch erinnern, es ist eines der besseren Bücher. Typisch, dass die Moralapostel in der Amazon-Bewertung darüber herfallen.

    Ein wirklich gutes Buch, allerdings erst so ab 14, ist „Make love“ von Ann-Marlene Henning, das sogar den Deutschen Jugendbuchpreis bekommen hat.

    http://www.amazon.de/Make-Love-Aufklärungsbuch-Ann-Marlene-Henning/dp/3954030020/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1414648802&sr=8-1&keywords=make+love

    Das Buch ist schon ermutigend. Es zeigt echte Bilder von Paaren, die Sex haben, und beantwortet die Fragen, die man/frau sich in dieser Phase stellen. Die Einstellung zur Sexualität ist offen und frei – das ist schön zu sehen. Leider kam dieses Buch für mich zu spät.

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  8. Meine Eltern haben es rückblickend geschafft, an diesem blöden Thema Aufklärung (ich bin Jahrgang 75!) komplett vorbeizueiern. Im Nachhinein muss ich es als einzigen kläglichen Versuch der Aufklärung verstehen, mir das Buch „Ein Kind entsteht“ von Nilsson zu geben. Ein fraglos wunderbares Werk, hat aber mit Aufklärung so viel zu tun, wie Glasbläserei mit Weintrinken.
    Mein Elternhaus hat fraglos eine tolerante Atmosphäre verbreitet, dennoch kann ein absolutes Nichterwähnen eines Themas — Kinderkriegen wurde ja besprochen, Sex nicht — eine repressive Stimmung erzeugen. Auch das katholische Umfeld in dem ich groß geworden bin, trug sicher dazu bei, dass ich mich für jede meiner einzelnen Masturbationen geschämt habe.
    Zu meinem Pech bin ich dann pervers geworden. Wobei „geworden“ schwierig bis falsch ist. Denn ich erinnere mich an ein Schlüsselerlebnis das ich irgendwo zwischen drei und fünf Jahren gehabt haben muss und das schlicht zu gut zu meinen perversen Neigungen passte, als dass ich es anders als prägend einordnen könnte.
    Im Gegensatz zur gewöhnlichen Masturbation waren meine perversen Betätigungen, die ich später aufnahm, so weit von der zweckerfüllten Fortpflanzung entfernt, dass sich für mich automatisch das Gefühl der Fehlerhaftigkeit meines Tuns, nein der Fehlerhaftigkeit meines Seins, einstellte. Was niemals angesprochen wird in Elternhaus, Schule und Gedrucktem wird irgendwann unaussprechlich. Und was sollte etwas, das man nicht mal aussprechen kann, anderes sein als schlimmer als schlimm?

    Das ist belastend, denn der verdammte Trieb lässt sich niemals abstellen. Und so begann ich meine Sexualität zu hassen, während ich weiter auf das Erweckungserlebnis hoffte, das mich zum reinen Anhänger des Blümchensex machen sollte. Der ließ bis zum Alter von 24 Jahren auf sich warten und bewahrheitete das Sprichwort „Ficken ist nur halb [immerhin!] so gut, wie man es sich beim Wichsen vorstellt“. In dem Augenblick wusste ich natürlich, dass ich nie mehr normal (mein damaliger Wunsch) würde. Gut 15 Jahre später habe ich genügend Erfahrungen gemacht, um mich etwas zu befreien und festzustellen, dass sich zwar mein Trieb stark auf Dinge fixiert, mir aber nicht die Liebe zu einem Menschen verbaut.

    Die negative Konnotation, die doch hauptsächlich auf Nichterwähnen basiert — nicht einmal die Bravo schrieb über sowas — bleibt aber auf Lebenszeit erhalten. Wahrscheinlich hätte eine einzige Erwähnung der Möglichkeit, pervers zu werden, sei es im Biologieunterricht oder durch meine Eltern, und eine neutrale Bewertung derselben, mir sehr viel Kummer erspart.

    Insofern empfinde ich die Wünsche der selbsternannten Normalgesellschaft, sexuelle Realitäten totzuschweigen, als zweite Strafe.

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