Erfahrungen in der Prostitution

Als ich Schülerin war, hatten meine Eltern zum Zwecke meiner naturwissenschaftlichen Bildung ein belehrendes und lehrreiches Magazin („PM“) abonniert. Ich war 17, als dieses Magazin eine Sondernummer zum Thema „menschliche Sexualität“ brachte. Unter anderem war dort ein Interview mit einer jungen Prostituierten, das mich elektrisierte. Die Frau sah gut aus, sie sah mir sogar ähnlich (ihr Gesicht war nicht zu erkennen) – und sie berichtete sehr positiv von ihrer Arbeit, völlig anders als man das als wohlerzogene brave Tochter hört und liest. Damit war eine Idee gesät, die mich nicht mehr losgelassen hat. Ein unerklärliches Etwas, eine magnetische Kraft zog mich an. Wenige Monate später war ich fest entschlossen, mich auf diesem Feld wenigstens einmal auszuprobieren.

Vieles kam dazwischen, was mich beschäftigte: Schulabschluss, Wegzug zum Studium, Einleben an der Universität in der fernen Stadt. Es fiel mir auch nicht leicht, naiv wie ich war, eine Gelegenheit zum Einstieg zu finden. Prostitution ist sehr vielfältig, und natürlich hatte ich Angst vor Zuhältern, Gewalt, Kriminalität. Und natürlich wusste ich auch nicht, „wie es sein würde“, und ob ich tatsächlich mit vielen Unbekannten schlafen könnte. Aber da war immer diese dunkle Macht, die mich vorwärtsgetrieben hat.

Meinen ersten Arbeitsplatz habe ich dann mit schon 21 durch einen Zufall gefunden, ein sogenanntes Wohnungsbordell in einem großen Mietshaus. Die Erfahrung war absolut überraschend: eine sehr seriöse, angenehme Chefin, ein elegantes und sauberes Ambiente, nette und hutaussehende Kolleginnen, mehrheitlich deutsch. Ganz anders als eine Leserin der Alice Schwarzer es für möglich halten würde.

An meinem ersten Arbeitstag hatte ich sechs Männer – mehr als in meinem ganzen Vorleben. Ich war von mir selbst überrascht, wie leicht es mir fiel. Das war übrigens wörtlich auch die Erfahrung, die das Mädchen aus dem Magazin berichtet hat. Ich mochte das Gefühl, begehrt zu werden, und die Selbstbestätigung, die man erfährt. Natürlich, den Sex mochte und mag ich auch. In keiner Weise hatte ich das Gefühl einer Erniedrigung, wie es die Feministinnen suggerieren, im Gegenteil. Die Männer sind meistens ganz normale Männer, natürlich sehen sie nicht alle blendend aus – aber meine Erfahrung ist, dass die Freude am Sex nicht unbedingt vom Äußeren abhängt.

Ich will wirklich nicht sagen, dass Prostitution ohne alle Probleme ist. Natürlich ist das nicht so. Aber die meisten Problemfälle hängen damit zusammen, dass jemand in dieses Feld aus den falschen Motiven geht. Nur der Wunsch, viel Geld zu verdienen, reicht nicht aus. Für jemand, der nicht mit Kindern umgehen kann oder will, ist der Lehrerberuf die Hölle auf Erden, jedermann kennt davon Fälle. Als Zahnarzt anderen Leuten in der mehr oder weniger appetitlichen Mundhöhle herumzustochern erfordert eine innere Konditionierung der besonderen Art, wenn es für ein ganzes Berufsleben ausreichen soll.

Was ich hier sagen will: auch in der Prostitution sind positive Erfahrungen möglich, Prostitution kann Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit vermitteln, und für manche Frauen ist sie offensichtlich eine adäquate Möglichkeit, ihre Sexualität zu leben. Gut, ich bin eine Hure – aber ich bin stolz darauf.

Francoise Fortier

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2 Kommentare zu “Erfahrungen in der Prostitution

  1. „In keiner Weise hatte ich das Gefühl einer Erniedrigung, wie es die Feministinnen suggerieren, im Gegenteil.“

    Naja, die von der EMMA & Co geprägten. Nicht alle.

    Danke für Dein Blogpost, find ich gut!

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  2. Ja, Du hast natürlich recht, der Begriff des „Feminismus“ ist sehr breit und leider von „EMMA & Co“ gekapert worden. Ich habe damit vielleicht ein persönliches Trauma weil meine Mutter eine vehemente Anhängerin dieser Sekte ist und ich mit ihr viele Auseinandersetzungen dazu hatte.

    Es kommt mir immer so vor als empfände diese Gemeinde der Schwarzer ihre Weiblichkeit als eine Schwäche, einen Nachteil, der durch besonderen Kampf ausgeglichen werden muss, genauer: den auszugleichen die Gesellschaft durch lauten Kampf gezwungen werden muss. Ich glaube für uns heutige Frauen ist das passé, wir haben ein viel freieres Verhältnis zu unserer Identität.

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