Körperbilder

Sex macht schön. Innerlich. Das Gefühl begehrt, erfüllt zu sein, keine Regeln zu brauchen. Nur den Moment. Sex macht schön. Jeder Zentimeter des Körpers füllt sich mit dem Glauben: Ich bin toll. Post-Orgasmus oder einfach nur nach langem ausgiebigen Betasten eines anderen Körpers. Sex macht schön. Gefühlt schön, den eigenen Körper zu lieben trotz all dieser Dinge, die in anderen Stunden vielleicht als Makel, als Schwachstelle, als nicht ideal in unseren Köpfen herum spuken. Gespenster einer Werbe- und Schönheitsindustrie, Geister erzeugt von unserer eigenen Unsicherheit nicht dem zu genügen, was gemeinhin als Schönheitsideal gilt. Sex macht schön.

Schönheitsideale sind Teil der menschlichen Geschichte und werden in Zukunft ebenso ihre Berechtigung haben wie in der Vergangenheit. Maler, Dichter, Kunst jeder Art nutzt nicht nur den weiblichen Körper als Quelle der Inspiration, doch ebenso zur Kritik gesellschaftlicher Gepflogenheiten. Oscar Wildes Dorian Gray ist ein schöner, unangetasteter Jüngling, dessen Sexappeal und Anziehungskraft von seiner anmutigen Gestalt herrührt – sein Porträt hingegen altert und verfällt mit seinen Verbrechen und seiner wachsenden Verdorbenheit. Schönheit und Verfall als Spiegelbild der Seele.

Schönheitsideale ändern sich ständig oder wie eine Freundin angesichts voluminöser Frauenkörper auf Spätrenaissance-Gemälden sehnsüchtig anmerkte: „Ich bin definitiv in der falschen Zeit geboren.“ Doch so sehr wir manchmal diesen heute – angesichts Silicon-Implantaten und androgyner Modelkörper – so viel natürlicher wirkenden Frauenbildern hinterhertrauern: Extreme hat es immer gegeben, die Versuche den Körper dem anzupassen, was gerade „In“ ist.

Bestes Beispiel das Korsett, das sich zwar in seiner Form stets änderte, doch bis heute als Maß für eine ideale Frauenfigur genutzt wird. Oder wie ein Autor im 19. Jahrhundert schrieb:

 

„No one, we apprehend, would be likely to deny that, to enable the fairer portion of the civilised human race to follow the time-honoured custom of presenting to the eye the waist in its most slender proportions, the Corset in some form must be had recourse to. (…) Such being the case, it becomes a matter of considerable importance to discover by what means the desirable end can be acquired without injury to the health of those whose forms are being restrained and moulded into proportions generally accepted as graceful, by the use and influence of the Corset.”

 (W.B.Lord: The Corset & the Crinoline. An Illustrated History. Reprint. Dover Publications Inc., New York. S.2)

 

Gesundheitsprobleme gebe es natürlich nicht, schreibt er, dabei waren schon damals Kreislaufprobleme und Schmerzen durchaus bekannte Symptome bei Korsettträgerinnen.

Immer wieder verschwand das Korsett aus der Mode: In der Epoche der französischen Revolution wurde es abgelöst durch eine Frühform des BHs, nach dem Ersten Weltkrieg verbannt zugunsten fließender, grader Formen. Ein klarer Bruch mit den einengenden Traditionen des 19. Jahrhunderts – politisch und in Fragen der Mode. Doch bereits die 40er und 50er Jahre entdeckten mit der Korsage und engen femininen Kleidern eine neue, wenn auch dehnbarere und weniger gesundheitsschädliche Form des Korsetts.

Und ist Shapewear heute nichts anderes als eine – vielleicht etwas bequemere Form – eben jenes Korsetts, der Versuch den natürlichen Körper der Frau in eine unnatürliche und unbequeme Form zu pressen? Ein Versuch den Frauenkörper der Mode anzupassen, statt, wie es eigentlich sein sollte, die Mode den natürlichen Formen der Frau. Was macht es aus, dass sich hier und da Fettringe am Bauch bilden, die – so geht es mir jedenfalls – im Spiegel nackt nur halb so voluminös aussehen, wie in ein enges Stretchkleid gepresst, das ohnehin rechts und links, oben und unten zwackt und kneift?

Doch während lange Zeit Schönheitsideale transportiert von Kunst und Literatur ein Elitenphänomen war, das sich ohnehin nur wenige leisten konnten, sind die heutigen Schönheitsideale omnipräsent: Die Körper 16-jähriger Models gelten plötzlich als Maßstab für den Körper erwachsener Frauen, als würde es Hormonumstellungen, Gewichtszunahme, Schwangerschaft oder Hautalterung nicht geben. Künstlich aufgeblasene Brüste, Po-Implantate und Fettabsaugung erzeugen weibliche Porno-Körper, die mit natürlichen Rundungen nichts zu tun haben. Wer am Busen und Po zunimmt, tut das auch am Bauch. Und selbst abseits dieser zugegebenermaßen Extreme gaukeln Fotos, Filme, Werbung und Hochglanzmagazine Schönheitsideale vor, die Erna-Normal-Frau niemals erreichen kann – und oft auch nicht erreichen will. Sechs Wochen nach der Schwangerschaft kein Bauchspeck mehr – wow. Als ob Frau da nichts besseres zu tun hat, als mit Personal-Trainer die Modelfigur wieder herzustellen. Aber wehe, wehe auch nur ein Kilo mehr auf den Hüften, weil… ach egal weil. Geht nicht. Absolut nicht.

Doch was bedeutet dieses konstante Vorgaukeln idealisierter Frauenbilder für die Sexualität von Frauen, die nicht dem geltenden Schönheitsideal entsprechen? Licht aus und durch? Bloß nicht gucken? Und erst recht nicht den Partner sehen lassen? Wie viele Frauen genieren sich, fühlen sich unwohl sich zum ersten Mal nackt einem Partner zu zeigen? Wie viele auch nach Jahren? Was bedeutet es für die Sexualität Heranwachsender?

Ich selbst trage Kleidergröße 40/42, lag auch schon manchmal deutlich drüber – ja Frust setzt an –, stehe manches Mal fluchend vor dem Spiegel und könnte heulen, weil diese eine Hose nicht mehr passt. Aber die passte doch mal. Verdammt. Ich bin so hässlich fett. Dieser schreckliche Moment des Selbstzweifels, den ich manchmal an schlechten Tagen bekomme nach einem Besuch auf der Waage: Ein halbes Kilo mehr. Oh mein Gott. Da ist dann das nette kleine Engelchen im Kopf und sagt: Es gibt Wichtigeres, das ist nicht schlimm, du sieht trotzdem gut aus. Und dann diese fiese andere Stimme, die versucht den Selbstzweifel einzubläuen, das schlechte Gewissen, dass das Eis letztens doch nicht hätte sein müssen. Die Schokolade. Und warum das zweite Glas Rotwein? Ja auch ich habe Körperbilder voll verinnerlicht.

An anderen Tagen, da bin ich nur ich. Da bin ich schön, weil ich mich so fühle. Dann zählt es nicht, dass die eine Hose zwackt oder sich gerade unter dem T-Shirt ein Fettröllchen abzeichnet. Dann fällt mir mein Lachen auf, vielleicht meine Augen, die gerade besonders leuchten. Dann mag ich meine Beine und meine Haare kämme ich extra gründlich, weil ich das Gefühl zwischen den Fingern mag. Das sind die Tage, an denen ich mich von Schönheitsidealen und Körperbildern verabschiede. Und ich winke ihnen nicht einmal hinterher.

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3 Kommentare zu “Körperbilder

  1. Ein amerikanischer Sexualpartner hat mir einmal gesagt „Women are so much more beautiful when they fuck“. Das stimmt auch, glaube ich: Entspannung, angeregter Kreislauf, … ich weiß nicht woran es liegt, man wird durch Sex schöner.

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