Fat Admiration

Als ich etwa in der siebten Klasse war kam Twilight raus. Ich hatte zuvor die Bücher gelesen und fand die filmische Umsetzung mehr als mangelhaft, die Darsteller für Edward und Bella schlecht gewählt. Den Jacob-Darsteller Taylor Lautner konnte ich als Werwolf akzeptieren, doch ein Phänomen verstand ich nicht: Die Mädchen* in meiner Peergroup schienen beim Anblick des notorisch T-Shirt befreiten Jacob fast in Ohnmacht zu fallen, sie schwärmten von seinen Muskeln, insbesondere seinem Sixpack. Ich wunderte mich schon etwas, schließlich stand ich doch auch auf Jungs*, wieso nicht auf ihn?

Als ich meinen Freundinnen* von meinem ersten mal nackt mit einem Jungen erzählte, war ich ein bisschen enttäuscht als ihre erste Frage lautete: „Hat er ein Sixpack?“. Ehrlich gesagt, ich wusste es nicht einmal, das war das Allerletzte worauf ich geachtet hatte. Zum 15. Geburtstag schenkte ich einer Freundin einen Kalender mit schwarz-weißen Bildern von nackten Männern mit mehr Muskeln als menschlich zu sein scheint, ich wusste sie würde sich darüber freuen auch wenn ich persönlich von den Fotos fast ein wenig angeekelt war.

Trotz dieser Erfahrungen dauerte es noch fast zwei Jahre bis es mir dann irgendwann (nachts im Bett, allein) wie Schuppen von den Augen fiel und ich fing erstmal an zu lachen: ich steh auf dicke Männer*, auf Dehnstreifen, Männertitten und Maurer-Dekolletes und hab es jahrelang nicht kapiert.

Ich gebe tatsächlich teilweise ‚den Medien’ die Schuld, es gibt offiziell nur eine Sorte Männer* die attraktiv zu finden ist und die hat im Idealfall sichtbare Bauchmuskeln. Auf der Gegenseite werden zumindest ab und zu Männer* erwähnt, die dicke_fette Frauen* bevorzugen, auch wenn es nur verspottet wird.

Ich entdeckte darauf hin dank Emily von xoJane, dass ich a) nicht allein bin und es b) bei Schwulen offenbar anders aussieht, mit ‚Bear Culture’ und Co. Auch der entsprechende Wikipedia Eintrag behauptet dass ‚wir’ einfach nicht viele sind: „Die meisten Fat Admirer sind männlich.“

Seltsamer Weise geht meine optische Präferenz nicht komplett nach Gewicht sondern dünne, nicht muskulöse Männer* folgen den BHM auf dem Fuße.

Obwohl mir meine Präferenz seit zwei Jahren klar ist, hatte ich in dieser Zeit nur mit zwei dicken Männern Sex, was nur ca. 15% der Gesamtmenge ausmacht. Ich bedaure das und kann es mir selbst nicht wirklich erklären, hoffe aber auf zukünftige Besserung.

Dies ist aus mehreren Gründen ein schwieriger Beitrag. Erstens werden darin Männer abgefeiert, obwohl wir hier auf einem feministischen Blog sind, zweitens sehen manche meine beschriebene Sexualpräferenz als eine Fetischisierung von Menschen und somit als komplett negativ. Ich verstehe diesen Einwand, aber ich denke es sollte bekannt werden, dass an dem Spruch „für jeden Topf ein Deckelchen“ was dran ist. Auch Männer* sind, wenn auch in weitaus geringerem Maße, von Fat Shaming bzw. Thin Privelege betroffen.

Ich schreibe aus gutem Grund nicht mit Klarnamen, einem (potenziellen) Sexualpartner würde ich hiervon nicht erzählen, eben weil er sich fetischisiert/unattraktiv fühlen könnte, je nachdem an welcher Seite des Gewichtsspektrums er sich befindet. Es ist halt ziemlich schade, einer meiner dicken Sexualpartner glaubte mir kein einziges positives Wort zu seinem Körper, er dachte ich belüge ihn, das könne eins unmöglich schön finden.

Einmal erzählte mir ein dicker jüngerer Schüler aus dem Internat, dass er selbst eigentlich nichts dagegen hätte, wie er aussieht, aber er „will ja nicht für immer Jungfrau bleiben“. Ich hätte ihm so gern erzählt dass sein Aussehen da weniger entscheidend ist als er denkt (aber es wäre wohl trotzdem unangebracht gewesen).

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2 Kommentare zu “Fat Admiration

  1. Es ist meine feste Überzeugung dass die erotische Attraktivität nur zweitrangig von der Physis abhängt sondern davon wie man sich selbst und seinen Körper „trägt“.

    Es gibt einen Filmklassiker „A big fat Greek wedding“ oder so ähnlich, der das gut illustriert. Die Heldin ist ein Mädchen, das seinen Eltern in deren griechischem Restaurant als Kellnerin hilft. Sie ist ein eher unförmiges Trampel, ohne allen Sex Appeal. Im Lauf der Handlung trifft sie ihren Prinzen und ihre ganze Haltung verändert sich: ein und dieselbe Frau ist plötzlich unglaublich attraktiv. Den Namen der Schauspielerin habe ich vergessen, aber sie kriegt diese Verwandlung echt supergut hin.

    Zu den Männern: mit Bodybuildern und Muskelprotzen habe ich keine guten sexuellen Erfahrungen gemacht. Erstaunlich guten Sex hatte ich mit Routiniers der Klasse um die 50, trotz Bauch und Glatze. Manchmal komme ich unglaublich gut mit Männern wo ich eigentlich denke „mit diesem Mann?“.

    Ehrlich gesagt, diese Variante des Feminismus der Alice Schwarzer, wo man an Männern nichts gut finden darf, halte ich nicht für wirklich feministisch. Männer sind für uns Frauen da, die darf man auch genießen.

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