Sexualität, Lust und Gefahr

Einer der Gründe, warum ich an diesem Blog mitmache, ist die (in meiner Wahrnehmung) Fixierung der feministischen Debatten und medialen Präsenz auf Erfahrungen von Gewalt, vor allem sexueller und sexualisierter Gewalt. Das ist an und für sich ein notwendiger Bestandteil einer größeren Debatte, aber es ist gerade dieser größere Rahmen, der aus meiner Sicht fehlt.

Im sichtbaren feministischen Diskurs erscheint weibliche Sexualität immer als gefährdet. Die Gefahr des Sexismus, der Gewalt, des Angrabschens, der Diskriminierung, usw. usf. lauert an allen Ecken und hat bei mir dazu geführt, dass ich irgendwann Schuldgefühle entwickelt habe, weil ich ….äh…. keine Gewalt erfahren habe. Moment. Äh…. hallo….. das stimmt ja auch wieder nicht! Im Genervtsein von der Fixierung auf Gewalt habe ich ganz vergessen, dass ich auch solche Erfahrungen gemacht habe: Die Erfahrung, dass sich jemand meine Sexualität geklaut hat, ohne mich zu fragen… Und hätte er gefragt, hätte ich nicht zustimmen können. Ich habe nicht beim #aufschrei mitgemacht. Ich habe meine Gewalterfahrungen für mich behalten. Sie gehören mir und ich habe das Gefühl mich selbst zu verletzen, wenn ich sie einer Öffentlichkeit preisgeben würde, die weder an meiner Erfahrung noch an meinen sehr persönlichen Verarbeitungsstrategien interessiert ist.

Ein zunehmend unangenehmes Gefühl drängte sich mir auf. Was ist, wenn ich trotz Gewalterfahrungen, die durchaus in das Raster der feministischen Debatte passen, gerade darüber nicht reden will? Was ist, wenn ich gerade damit beschäftigt bin, endlich darüber hinwegzukommen? Und was ist, wenn mir diese ständige Angst, die immer wieder öffentlich gepusht wird, dem Wiederfinden meiner Sexualität hinderlich ist? Oder soll ich das jetzt einfach hinnehmen und bis zum Ende meiner Tage Angst haben – Angst, wenn ich abends alleine nach Hause gehe. Angst, wenn ich mal alleine im Wald wandern gehe. Angst, wenn ich mich mit unbekannten Männern auf ein Date treffe?

Nein. Ich weiß es und ich bin mir sicher. Angst ist keine Lösung. Das Gefühl der ständigen Gefahr ist keine Lösung. Ich habe die Nase voll von dieser Angst, vor dieser ständigen Schutzhaltung, in der Männer immer nur eine Gefahr für mich, mein Frausein und meine Sexualität sind. Ich habe die Nase voll, mich selber in meiner Freiheit einzuschränken, weil ich die Angst vor einer ominösen Gefahr internalisiert habe.

Doch die Gefahr steigt. Überall lauert die Gefahr. Überall ist die Rede von Safe-Spaces, was impliziert, dass der Rest der Welt un-safe ist. An den Unis gibt es Kampagnen gegen sexuelle Gewalt und alle möglichen Situationen, in der sich Studentin befindet, wird zur potentiellen Gefahrensituation. Ob ich jetzt in die Sprechstunde gehe oder bis spät abends in der Bibliothek sitze, immer lauert die Gefahr. Immer drängt sich die Angst auf, dass etwas passiert.

Doch diese Angst ist leider meistens nichts anderes als eine pauschale Unterstellung böser Absichten, die weder mir und meiner Gewalterfahrung gerecht wird noch der Personen, mit denen ich tagtäglich zu tun habe.

Meine Sexualität hat die Gefahr erlebt. Ein Arschloch aus dem Bekanntenkreis hat sich irgendwann den Spaß gemacht, dem kleinen Mädchen zu zeigen, dass es letztendlich doch nur auf die Vagina ankommt. Im Prinzip habe ich mein ganzes Leben damit verbracht, mit dieser Erfahrung (und ein paar anderen) fertig zu werden. Im Prinzip habe ich erst vor ein paar Jahren angefangen wirklich lustvoll Sex zu haben. Ohne die Angst vor der Gefahr. Ohne die Angst, irgendwelche gesellschaftlich vorgegebenen Beziehungspflichten nicht zu erfüllen. Ich hatte die Angst überwunden.

Und plötzlich, als ich mich als Feministin entdeckte, waren sie wieder da: Die Gefahr, die Gewalt, die Angst.

Und jetzt? Soll ich mein ganzes Leben lang dieses Arschloch gewinnen lassen und die Kontrolle über meine Sexualität haben lassen (auch wenn er – so alt wie der war – sicher schon im Grab liegt)? Oder soll ich nicht endlich mir die Freiheit nehmen und meine Sexualität, meine Lust – und ich hab echt viel davon – auskosten. Bis zum letzten Tropfen!?

Ich will in dieser ganzen Debatte über Gewalt endlich auch wieder die Lust zurück. Ich will meine höchstpersönliche Lust genießen, dabei mich „Feministin“ nennen und endlich die Kontrolle über meinen Körper und meine Gefühle zurückerobern. Ohne Angst.

 

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3 Kommentare zu “Sexualität, Lust und Gefahr

  1. ich hab auf twitter geschrieben und du hast gemeint, ich soll am blog kommentieren, da antwortest du eher. wenn ich schon einen kommentar hier schreibe kann ich auch gleich ein bisschen mehr ausführen. also:

    ich finds gut, wenn frauen einen positiven, angstfreien zugang zu sexualität haben/entwickeln. ich finds gut, darüber zu sprechen. ich finds gut, sich räume zu erkämpfen und aufzubauen, in denen das möglich ist.

    ebenso wichtig finde ich es aber, frauen zu ermöglichen über ihre gewalterfahrungen und ängste diesbezüglich zu sprechen wenn sie das wollen. denn gewalt gegen frauen ist normalisiert, darüber zu reden aber leider außerhalb von ganz speziellen räumen nicht, sondern wird im gegenteil eher negativ sanktioniert.

    feministinnen sprechen deshalb über die gefahr der wir ausgesetzt sind in der sprechstunde, in der bibliothek oder wo auch immer, praktisch überall, weil das die orte sind wo wir gewalt erleben. wir sprechen deswegen von safe spaces, weil uns anderswo eben tatsächlich gewalt angetan wird. (viele von uns haben sich übrigens dazu entschieden, in zukunft doch lieber safeR spaces zu sagen, weil wir wissen, dass selbst diese räume nicht sicher sind.) du sagst, das entspricht nicht deinen gewalterfahrungen und den menschen in deiner umgebung. du sagst, du hattest deine angst in bezug auf sexualität überwunden. das freut mich beides. aber für andere ist es eben anders.

    ich finde, dein text kritisiert implizit die thematisierung von gewalt gegen frauen. es kommt für mich ein bisschen so rüber, als würdest du feministinnen, die über gewalt sprechen, die schuld geben, dass frauen sich unsicher fühlen und angst haben – anstatt denjenigen, die die gewalt vor der wir uns fürchten ausüben.

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  2. Ehrlich gesagt, fühle ich mich zutiefst missverstanden.

    Ich fange mal von hinten an: Ich gebe niemanden die Schuld. Immer wieder Frauen vorzuwerfen, dass eine innerfeministische Kritik ein „die Schuld geben“ ist, trägt nicht wirklich dazu bei, dass wir uns untereinander austauschen können.

    Ich habe versucht zu erläutern, wie schwierig es ist, als Frau mit einer Gewalterfahrung sich irgendwie in dieser Welt zurechtzufinden, in der Lust und Gewalt sich gegenseitig ausschließen zu scheinen – gerade in vielen feministischen Debatten. Und das ist nicht einfach. Die Art und Weise, WIE (und nicht DASS) über Gewalt gegen Frauen gesprochen wird, ist dabei nicht ganz unproblematisch. Dass Du mir jetzt – als Person, die sich selber dabei überrascht hat, die eigene Erfahrung zu vergessen, weil ich mich NICHT mit der Art und Weise identifiziere, wie aktuell über Gewalt gesprochen wird – vorwirfst, ich würde sogar jedes Sprechen über Gewalt ablehnen, ist einfach nur falsch. Mein Punkt ist doch gerade das Gegenteil: Wie können wir allen Frauen ermöglichen, ihre Erfahrungen auf sehr unterschiedliche Art und Weise zu thematisieren, ohne ihnen vorzugeben, wie und wo das passieren soll. Denn aktuell sind dafür wohl nur die safer spaces vorgesehen. Und dort fühle ich mich ehrlich gesagt unwohl.

    Ein paar Punkte, die Du hier nicht mehr genannt hast, hast Du getwittert, dass z. B. Debatten über Gewalt immer getrennt von Debatten über Lust sein sollten. Nun ja, Du kannst gerne „Debatten“ ganz medizinisch trennen und auseinanderhalten. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass für viele Frauen Erfahrungen von Gewalt sich unmittelbar auf die Lust auswirken. Es geht also schon rein erfahrungstechnisch nicht, die Lust und die Gewalt auseinanderzusezieren, denn es sind diese Ängste und Erfahrungen, die sich immer gegenseitig bedingen. Und das ist auch mein Punkt: So lange wir nur über Gewalt reden können, aber nicht darüber, wie wir damit umgehen und wieder eine für uns angenehme Sexualität leben können, haben wir nur die Hälfte der Arbeit gemacht. E geht – wie der tag sagt – auch ums Heilen. Und ich bleibe bei meiner Meinung, dass viel zu viel (oft auch graphisch sehr explizit) über Gewalt gesprochen wird, die somit ständig wieder sichtbar gemacht wird (womit übrigens auch immer wieder die Täter in den Mittelpunkt geraten), während der Prozess der Heilung, die Lust, die daraus entstehen kann oder auch nicht, die bleibt unsichtbar. Genauso wie wir als Frauen, die eben nicht auf die Opferrolle reduzierbar sind. Damit habe ich ein Problem.

    Wenn Du meinst, dass ich damit anderen Leuten die Schuld dafür gebe, kannst Du das natürlich glauben, aber – wie gesagt – es wäre schön, wenn wir wieder innerfeministische Kritik lernen würden, ohne uns ständig vorzuwerfen, dass wir anderen Schuld geben.

    (P.S. Wer sich in safe*r spaces wohlfühlt, soll natürlich dahin gehen können, es soll sie ja auch geben. Wer weiterhin die Lustdebatte von der Gewaltdebatte trennen will, soll das auch tun können. Aber ich brauche für meine Erfahrung andere Räume, andere Konzepte, wie über Lust und Gewalt gesprochen werden kann. Da ich diesen Raum bisher nicht gefunden habe, schreibe ich halt darüber. Mal schauen, ob mehr passiert als nur „Du gibst anderen die Schuld, dass Du Dich unwohl fühlst“. Ich hoffe, dass Du meine Erfahrung respektieren kannst, denn schließlich müssen wir „Feminismus“ auch nicht alle auf die gleiche Art und Weise erleben und erfahren.)

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  3. Also nur ganz kurz: Ich hab den Artikel gelesen und ihn genauso verstanden, wie du ihn verstanden haben wolltest und finde das einen längst fälligen Aspekt, an den ich bislang noch gar nicht gedacht hab.
    Für krachbumm.com recherchiere ich gerade viel über Traumata durch sexualisierte Gewalt, Auswirkungen von PTBS auf Paarbeziehungen, TäterInnenprävention, die bereits bei Kindern ansetzt, aber dein Anliegen, ist eines, das da absolut noch fehlt in dieser Debatte. Gerade weil ich mich gern auf die Suche nach den unbeleuchteten Themen mache, finde ich es besonders wichtig, dass du dieses Wiederfinden der Lust/eigenen Sexualität thematisierst.

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