Mein Liebestagebuch

In meinem Freund*innenkreis kamen wir zuletzt ins Gespräch über Erinnerungen – an Menschen, die uns mal besonders wichtig waren oder mit denen wir besondere Momente geteilt hatten. Eine Freundin stellte fest, dass es ihr schwer fiele, in ihrem Kopf überhaupt nur alle die Menschen zusammenzukriegen, mit denen sie in ihrem Leben schon Sex gehabt hatte, und machte sich in den folgenden Tagen daran, mal eine umfassende Liste zusammenzustellen. Dabei wurde klar, wie innerhalb weniger Jahre die Erinnerungen an verschiedene Situationen sich miteinander vermischen können, wie leicht zeitliche Reihenfolgen durcheinandergeraten und so weiter. Mit gemeinsamer Rückerinnerung an verschiedene Situationen schaffte sie es dann aber doch ganz gut. 🙂

Ich fühlte mich davon inspiriert und sponn den Gedanken weiter: wie könnte ich sicherstellen, dass ich in ein paar Jahren mich noch richtig an diese Menschen und Situationen erinnern würde? Ich sehe mein Liebesleben als einen Entwicklungsprozess, an dem ich besonders in den letzten Jahren ganz massiv gewachsen bin. Ich will aber auch nicht vergessen, wo ich herkam und darüber reflektieren können, was früher war. Nach einiger Überlegung öffnete ich ein neues Textdokument auf meinem Rechner und tippte die folgenden Zeilen:

Liebes Tagebuch (haha, verstehst du den Wortwitz? :3),

so etwas wie dich hatte ich in meinem Leben noch nicht. Und wahrscheinlich werde ich auch tatsächlich nicht täglich in dich schreiben, vielleicht bist du auch mehr eine Art Logbuch.

Dich gibt es, weil ich jetzt 27 bin und schon eine ganze Menge erlebt habe. Mit Menschen, die mir wichtig sind oder es mal im Leben waren. Und ich möchte mich gerne zurückerinnern können, wie es früher war – aber mein Gedächtnis ist teilweise wie ein Sieb, oder es vermischen sich so viele Dinge dabei, dass es schwierig wird.

Ich möchte hier in dir einerseits Steckbriefe von Personen anfertigen, die ich liebe oder geliebt habe; egal ob jetzt auf romantische oder erotische Weise. Nicht jede Person, mit der ich mal Sex hatte, wird hier auftauchen – die, die es tun, sind mir auf besondere Weise wichtig. Und ja, du darfst dich über teils schlüpfrige Bilder freuen, die ich dir anvertraue. Ich hab da in meinem Leben schon so einigen Cuties begegnen dürfen… 🙂 Aber auch über Veranstaltungen, die mich in meiner Liebes-Entwicklung bereichert haben, möchte ich hier schreiben. Und last but not least will ich anfangen, zu jeder Person mit der ich in meinem Leben irgendwann mal Sex hatte zu dokumentieren, wann und wo und unter welchen Umständen es dazu gekommen ist.

Mein Liebestagebuch ist ein einfaches Textdokument auf meinem Rechner. Die Textverarbeitung LibreOffice kann es direkt mit einem langen Passwort verschlüsseln und damit vor fremdem Zugriff schützen. Es wird trotzdem sicherheitshalber nicht in einer Dropbox oder sonstwo landen und auch niemals gedruckt vorliegen, denn die Informationen sind wirklich ausschließlich für meine Augen bestimmt.

Ich begann chronologisch bei meiner ersten Jugendliebe (mit der ich nie eine Beziehung oder Sex hatte). Die Erinnerung daran war schön. Ich schrieb über meine großen Unsicherheiten, über meine Enttäuschung als es nicht klappte, aber auch über die schönen Momente und wie es mich dann zu meiner ersten Beziehung führte. Die Wörter flossen nur so in die Tastatur. Ich umrahmte die Steckbrief-Texte bald mit einigen sehr hübschen Fotos (Tipp: „Rechtsklick“->“Bild kompromieren“ verhindert, dass das Textdokument hinterher hunderte Megabyte auf die Waage bringt) – auf der ersten Seite ganz normale aus unserem Beziehungsleben, auf der zweiten Seite dann auch pornografische, die wir gemeinsam aufgenommen hatten.

Ich schreibe zu allen Personen auch über den Sex den wir hatten, was ihn auszeichnete und was ich insgesamt an diesen Menschen wertschätze. Wie ein roter Faden schlängelt sich mein Beziehungs- und Liebschaftsleben nun durch mein Liebestagebuch. Es ist ein Ort für mich geworden, in dem ich ganz für mich alleine meine Geschichte erzählen und in Erinnerungen schwelgen kann. Es ist noch nicht fertig, und über die Veranstaltungen wie z.B. Sex- und Playparties, die mich geprägt haben, habe ich noch nicht einmal begonnen zu erzählen. Aber wie mein Liebesleben ist eben auch das ein Prozess, und ich nehme mir gerne einmal Zeit dazu, wieder etwas hinzuzufügen. In der Hoffnung, dass sich auch in fünf oder zehn Jahren meine Erinnerung an diese Zeiten sich wieder auffrischen lässt.

Wie handhabt ihr dieses Thema? Dokumentiert ihr eure Liebschaften und Beziehungen in irgendeiner Form? Welche Methoden funktionieren für euch und was klappt einfach mal so gar nicht?

Natanji schreibt auch auf femgeeks.de und natanji.wordpress.com.

rape culture in my head

Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sex für mich wäre, ohne rape culture.

Was ich weiß, ist dass ich ein Mensch bin, der sich tendenziell sehr für Sex und generell auch auf einer körperlichen Schiene für andere Menschen interessiert. Ich weiß auch, dass ich als Teenager, bevor ich „sexuell aktiv“ wurde (der Begriff ist natürlich Blödsinn, meine Sexualität war ja vorher auch da und auch nicht inaktiv oder gar passiv), genaue Vorstellungen von meinen erwachsenen sexuellen Beziehungen hatte, denen ich mich jetzt, nach viel Heilung, wieder mehr annähere. Und dass ich sogar damals schon bedauert habe wie sehr mein Verständnis von Sexualität und das meiner Peers von einem sexistischen, sex-negativem und sehr kodifizierten Normensystem geprägt war, das viel Unbefangenheit verhindert hat.

Und eben die rape culture.

Die ersten erotischen Geschichten, die ich gelesen habe, handelten von Vergewaltigung. Die wurden in den Texten stark romantisiert und ich fand die Schilderungen als Kind selbst aufregend. Das war in der Fernsehzeitung meiner Großeltern. Ich war acht. Das war noch bevor alle Internet hatten und Pornos geguckt haben. Dass Sex, Sexismus und Gewalt mit einander zu tun haben, habe ich auch schon vorher, als noch kleineres Kind gelernt – daran wie Leute um mich herum miteinander umgegangen sind.

Ich weiß nicht wie es ist, mit Männern zu flirten, zu küssen oder andere Dinge zu tun, ohne zu befürchten, dass sie denken, ich hätte ihnen damit etwas „versprochen“, was sie hinterher – eventuell mit Gewalt – von mir einfordern wollen. Ich weiß nicht wie es ist, von geliebten Menschen ein “ich will dich” zu hören, ohne irgendwie trotzdem irgendwo ganz schwach mit zu hören “und was du willst, ist mir egal”. Ich kann die sexualisierte Gewalt und Bedrohung nicht vergessen, die ich erfahren habe, obwohl ich die einzelnen Ereignisse teilweise doch vergessen habe. Ich kann nicht verlernen, dass das in unserer Kultur nichts Besonderes ist, sondern im Gegenteil etwas Gewöhnliches, mit dem Frauen* eben leben müssen. Es war nie anders.

Ich habe sehr viel schönen Sex gehabt bisher in meinem Leben mit tollen Leuten, die an meiner Lust interessiert waren und meine Bedenken ernst genommen haben. Ich bin ziemlich kinky und eigentlich ziemlich dominant. Ich mag BDSM. Und auch in Situationen, in denen ich mich gar nicht dominant verhalte, hatte ich – mit den tollen Menschen – immer Kontrolle darüber, was passiert. Trotzdem löscht das alles nicht die schlechten Erfahrungen, die Befürchtungen, die Kultur.

Selbst mit Leuten, denen ich vertrauen kann, habe ich immer wieder Momente, in denen ich mich sehr erschrecke und schlimme Dinge von ihnen erwarte. Ich habe das als Ausnahme erlebt, dass ich Leuten überhaupt so vertrauen kann, dass ich mich auf Sex mit ihnen einlasse.

Ich glaube, dass ich auf sexueller Ebene noch viel mehr Spaß hätte haben können, ohne diese Ängste und schlimmen Erfahrungen. Und mehr Leute hätten mehr Spaß haben können mit mir. Denn die Leute, denen ich vertrauen kann, müssen ja nun mit darunter leiden, dass ich ihnen regelmäßig Dinge unterstelle, die mit ihnen persönlich gar nicht viel zu tun haben. Oder dass ich plötzlich weinen muss, obwohl wir grade noch ganz scharf aufeinander waren.

Ich frage mich manchmal, warum das nicht mehr Grund ist – insbesondere für Männer – gegen rape culture zu kämpfen.

natürlich, menstruieren!

Das große Tabu-Thema Menstruation war heute mal wieder in meiner Timeline: Der Spiegel hat es entdeckt, schreibt aber nichts Neues. 

Dankenswerterweise gab es in den letzten Jahren immer mal wieder ein paar gute Artikel feministischer Autor*innen, die über ihre Perspektive schrieben, über die eigene Körperwahrnehmung, über Schmerzen und was hilft und über Alternativen zu Tampons und Binden. Edit: So eine richtig tolle Idee ist es ja nämlich nicht, mit Watte Schleimhäute trocken zu legen, die nun mal lieber nicht trocken sein sollten. Und Windeln waren schon als Kind ätzend, warum sollte man so etwas freiwillig tragen?

Viele schreiben über Menstassen, die auf Dauer viel günstiger sind weil sie immer wieder benutzt werden können und die sich für viele angenehmer anfühlen und zu weniger Schmerzen führen. Und bei kreativen Eingebungen kann eins hinterher sogar noch was machen mit dem Menstruationsblut.
Ich kenn mich damit nich wirklich aus, ich hab noch nie eine benutzt. Lest gern darüber etwas nach, z.b. bei ringelmiez.

Persönlich habe ich, nachdem das Internet mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass das ja auch eine Möglichkeit wäre, folgendes ausprobiert: menstruieren ohne alles! Also ohne Produkte, die ich dafür kaufen müsste. An dieser Stelle muss ich allerdings dazu sagen, dass ich noch nie sehr stark geblutet habe und mir die Idee auch aus diesem Grund so vorkam, dass es zumindest einen Versuch wert wäre.

Am Anfang fand ich das aber trotzdem eine sehr gewöhnungsbedürftige, seltsame Idee. Quasi ungeschützt rumlaufen und immer Angst haben, dass was „ausläuft“. Und überhaupt, läuft das nicht die ganze Zeit?

Ich habe gelernt: Nein, es läuft nicht die ganze Zeit. Im Gegenteil: Nachts z.b. läuft bei mir generell fast gar nichts. Morgens läuft weniger als nachmittags. Und wenn ich mich bewege, läuft mehr, als wenn ich den ganzen Tag mit Wärmflasche auf dem Sofa liege. Wenn ich viel Penetrationssex habe, läuft sogar so viel, dass das Menstruieren in ziemlich kurzer Zeit erledigt ist. Ich nehme an, die Menstassenbenutzer*innen haben vielleicht ähnlichen Erfahrungen gemacht?

Was mich aber vor allem beeindruckt hat, ist zu lernen: es ist keineswegs so, dass das Menstruationsblut einfach aus dem Körper raus läuft wie aus einem undichten Gefäß. Menstruieren ist nicht wie unter Inkontinenz leiden. Nein, mein Körper hält das Blut eine Weile. Es läuft vor allem dann raus, wenn ich loslasse. Wie beim pinkeln auch. Ich kann also genau das gleiche damit machen: aufs Klo gehen. Wirklich, das ist im Prinzip schon das Geheimnis der „freien“ Menstruation. Mit dem Blut so umgehen, wie wir das mit anderen Ausscheidungen selbstverständlich tun. Der Rest ist Übung.

Der Uterus hält allerdings dann doch nicht so gut dicht wie die Blase (ich frage mich: hauptsächlich wegen der mangelnden Übung?). Das hat am Anfang bedeutet, dass ich viel auf die Uhr gucken musste. Aus Sicherheitsgründen bin ich etwa jede Stunde aufs Klo gegangen. Und dort auch ein paar Minuten sitzen geblieben, um sicherzugehen, dass auch wirklich der ganze Schwall raus ist. Inzwischen merke ich ziemlich gut, wann ich „muss“ und kann mich darauf einstellen. Allerdings sind in den ersten zwei Tagen lange Reisen und Besprechungen nicht wirklich eine gute Idee. So mache ich es seit zwei Jahren und einen Unfall hatte ich in der Zeit genau einmal (Protipp: Blut kalt auswaschen!).

Ansonsten habe ich in der Zeit wirklich viel über meinen Körper und meine Menstruation gelernt. Das „freie“ Menstruieren ist für mich ein Anlass, mehr zu spüren, was da in mir eigentlich los ist und was ich brauche. Gut für selfcare, also.
Für das menstruieren ist schön, wie für andere Ausscheidungen auch, wenn ich die Füße hoch stellen kann. Nicole von Horst hat das schön auf kleinerdrei beschrieben. Insgesamt sind die Regelschmerzen durch das freie menstruieren ein bisschen zurück gegangen, besonders merke ich, dass das Loslassen auf der Toilette sofort dazu führt, dass sich die Krämpfe erstmal lösen. Ich sitze also heute länger auf dem Klo rum, wenn ich Schmerz habe, und liege weniger im Bett. Und danach kann ich inzwischen auch entspannter sein, weil ich aus Erfahrung weiß, dass sich das Blut jetzt erstmal sammelt und gar nichts laufen kann. Ich glaube mit Tampon hab ich trotzdem dauernd unterbewusst versucht, das festzuhalten.

Am besten finde ich daran aber wirklich die Freiheit. Einerseits vom Menstruationsprodukte-Kauf. Ein bisschen weniger Kapitalismus, Geld ausgeben und Müll – das ist doch schon was. Andererseits von dem Gefühl, irgendwie abweichend, krank, behandlungsbedürftig zu sein. Ich habe kein Problem, das sich in unkontrolliertem Auslaufen äußert und ich muss keine medizinisch anmutenden Produkte in mich oder in meine Unterhose stopfen. Ich kenne meine Körperfunktionen und ich geh einfach nur aufs Klo. Sonst nix.

Trieb ist doof

Sex-Trieb, so wird mir suggeriert, sei wie Durst. Ein körperliches Bedürfnis, das ich vielleicht sogar mit Gewalt durchsetzen würde, wenn es entsprechend dringlich wird.

Ich halte das für einen rape-culture-Mythos. Sein Zweck ist vor allem, Verhalten von Leuten zu entschuldigen, so als seien sie halt nicht zurechnungsfähig wegen des Triebs. Geil sein ist aber nicht wie durstig sein. Es geht zum Beispiel auch wieder weg, auch wenn das „Bedürnis“ nicht „befriedigt“ wird. Und auch Sex haben kann in einem Zustand von höchster Notgeilheit sehr unbefriedigend sein. Bei mir zumindest stellt sich das manchmal als unersättlich heraus, und irgendwann hört man halt auf, weil man ja nicht ewig weitermachen kann, evtl. noch angespannter und genervter als vorher.
Wenn ich nicht trinke, dann sterbe ich. Wenn ich keinen Sex habe, gewöhne ich mich mitunter auch einfach dran.

Gelegentlich wird ja gefordert, dass Leute, vor allem cismännliche Leute, ihren Trieb kontrollieren sollen. Anders damit umgehen. Warum nicht gleich das Konzept abschaffen und sich angucken, was da wirklich los ist? Was genau das ist, was sie vermeintlich nicht kontrollieren können?

Am ehesten ähnelt das Trieb-Konzept ja nicht dem durstig sein, sondern der Aggression. Auch die geht meistens von selbst wieder weg und auch sie wird nicht automatisch befriedigt, wenn man jemanden verhaut.
Und ich glaube, es ich kein Zufall, dass Sex in einem Kontext mit einem starken Trieb-Konzept, tatsächlich auch eher gewaltförmig, wie ein Gewaltrausch, gedacht wird. Das ist mindestens eine krasse Einschränkung von dem, was Sex alles sein kann.

Ich glaube, es würde uns gut tun, Agression und Sex und Sexyness, ebenso wie Zuneigung, Lust und Attraktion zu trennen. Und zu überlegen, was man eigentlich will, wenn man Sex will. Siehe auch hier. Wofür man dann noch Trieb braucht, ist mir nicht klar.

Edit: Was mich vor allem stört, ist glaube ich, dass der Trieb als etwas „natürliches“ oder rein biologisches konstruiert wird. Dabei hat das, wie wir „Trieb“ erleben, eine sehr große kulturelle Komponente. Es hat zum Beispiel viel damit zu tun, dass sich Leute (als Kultur) vorstellen, dass ihnen Sex zusteht oder zumindest zu einem lebenswerten Leben identitätsstiftend dazu gehört. Das trägt m.E. mehr zur empfundenen Dringlichkeit bei, als das körperliche Bedürfnis allein.

Submission

Bei der Geburtstagsfeier eines guten Bekannten habe ich A. kennengelernt. A. sah wirklich sehr gut aus: er hatte eine männliche Ausstrahlung, die ihn zu einer Karriere in Hollywood hätte tragen können. Er war elegant und geschmackvoll gekleidet, sein Anzug betonte seine athletische Figur, war sichtbar teuer und saß als wäre er von einem Top-Schneider nach Maß gemacht. Er war etwa dreißig Jahre alt. Ich wusste, dass er Betreiber eines Puffs in Neukölln war. Ich kannte mich im Milieu ein wenig aus, denn ich finanzierte mein Studium, indem ich an zwei Nachmittagen pro Woche in einem Edelbordell arbeitete. Meine Affäre mit A. begann noch am selben Abend.

Die erotische Erfahrung war eine Sensation. Ich spreche bewusst von der „erotischen“ Erfahrung, denn das Erlebnis ging weit über die sexuelle Explosion hinaus. Niemals zuvor hatte ich eine solche tiefe Sexualität erlebt. Kein Mann hatte je in dieser Weise zu mir gepasst. Den Treffen mit A. fieberte ich entgegen. Sie fanden zunächst in einem Hotelzimmer statt. Nach zwei Wochen verlegte er sie in seinen Puff. Nach einer weiteren Woche fragte er mich, ob ich für ihn arbeiten wollte. Er stellte die Frage, als wir gerade miteinander schliefen. Ich sagte sofort ja.

Er erklärte mir worum es ihm ging. Eine gutaussehende deutsche Studentin, blond, würde die Attraktivität seines Ladens bei der Klientel enorm erhöhen. Dafür würde es ausreichen, wenn ich nur gelegentlich dort arbeitete. Die Einnahmen würden 50:50 geteilt, ich hätte einen Sonderstatus, aber einige Spielregeln müssten wir einhalten, um die Stimmung unter den Frauen nicht zu verderben. Wir vereinbarten, dass ich an den Freitagnachmittagen ab 14 Uhr in seinem Puff Dienst tun würde.

Meine Auftritte begannen stets mit einem Treffen mit A., bevor ich mich der Kundschaft zuwandte. Ich hatte nie mit oder für einen Zuhälter gearbeitet, und mir war klar, dass A. ein solcher war. Der Gedanke elektrisierte mich und steigerte meinen sexuellen Genuss noch weiter. Im Rückblick sehe ich deutlich, neben der Grenzüberschreitung in diesem Abenteuer, die submissive Komponente in dieser Beziehung, die in der Unterwerfung unter seine „Spielregeln“ lag.

Am dritten Freitag schon kam es dazu, dass eine Verpflichtung in meinem „bürgerlichen“ Leben mich daran hinderte, pünktlich um 14 Uhr im Puff zu erscheinen. Zwar hatte ich noch versucht, A. anzurufen, hatte aber nur seine Sprachbox erreicht. Als ich mit 90-minütiger Verspätung eintraf, empfing man mich mit eisiger Miene. Die Empfangsdame führte mich in einen Nebenraum, in dem Getränkekisten lagerten. Unpünktlichkeit ist im Sexgewerbe ein intolerables Vergehen. Die Geschäftsleitung werde beraten, welche Folgen mein Verhalten für mich haben sollte. Ich musste fast eine Stunde in dem Kabuff warten, bis ich in das Büro gerufen wurde, wo A. und zwei seiner Leutnants saßen.

Durch meine Schlamperei hatte ich einen Termin mit einem wichtigen Kunden verpasst, der ohne mein Wissen vereinbart gewesen war. Meine Strafe bestand zunächst darin, dass ich diesen Termin am selben Abend nachzuholen hatte, zwei Stunden und ohne Bezahlung. Außerdem müsste ich man nächsten Tag eine Sonderschicht leisten, die außerhalb des Ladens stattfinden würde. Ich würde an einen Pauschalclub in dem Teil Neuköllns „ausgeliehen“, den man von Istanbul nicht unterscheiden kann. Auch für diese Sonderschicht würde ich keinen Lohn erhalten. Am nächsten Morgen hätte ich um 8 Uhr vor dem Laden zu warten, dass mich der Fahrer zu der Arbeitsstätte bringen würde. Ich nahm die Strafe an. Später kam A. auf mich zu und sagte, er hätte sich sehr für mich eingesetzt, dass die Strafe so mild ausgefallen sei. Im übrigen sollte ich am nächsten Tag nicht viel mitbringen, was ich benötigte würde gestellt.

Am nächsten Morgen war ich pünktlich um 8 Uhr vor dem Laden. Es war ein heißer Julitag. Rund um mich herum begann ein reger Einkaufstag. Der Fahrer kam mit einem aufgemotzten Ford eine halbe Stunde zu spät. Auf der Fahrt fragte er mich, wofür ich bestraft würde. Ich sagte es ihm und er nickte. Er fand es in Ordnung. Vor dem schäbigen Eingang unseres Ziels angekommen nahm er mir die Handtasche ab, warf mich aus dem Auto und beobachtete, wie ich den roten Klingelknopf drückte.

Der Türsteher war vorgewarnt und ließ mich sofort ein. In dem Vorraum wurde mit den Gästen das Finanzielle geregelt: in einem Pauschalclub zahlt der Gast einen Festbetrag, damit ist alles andere frei. Durch einen schweren Vorhang betritt man den Hauptraum, einen niedrigen Saal, in dem auf beiden Seiten etwa ein halbes Dutzend kleine Abteile durch hölzerne Wände abgetrennt sind, in die man sich auf niedrige Betten zurückziehen kann. Zum Hauptraum lassen sich diese Separés durch Vorhänge schließen. In der Mitte des Raums sah ich eine Theke mit Barhockern, ein paar Sofas und Sessel, Tische und Stühle. Ein Flur führt zu Umkleideräumen, Duschen und Toiletten. Etwa vier Frauen lehnten lässig und gelangweilt auf den Barhockern und Stühlen. Sie waren alle schwarzhaarig, südländischer Typus, wahrscheinlich rumänisch, bulgarisch oder ähnlicher Herkunft. Sie waren alle jung, um die Zwanzig, schlank oder ein wenig füllig. Sie waren alle nackt. Die Männer, es waren vielleicht acht, hatten sich umgedreht und schauten den Türsteher, vor allem aber mich an. Sie waren alle ebenfalls schwarzhaarige Südländer, höchstwahrscheinlich Türken, um die Vierzig, meistens mit Bauch. Sie hatten sich Badetücher um die Hüften gebunden. Bei zweien oder dreien der Holzverschläge waren die Vorhänge zugezogen. Der Türsteher wies mich in den Umkleideraum für die Frauen. Ich hatte nicht viel auszuziehen und erschien kurz darauf wieder im Hauptraum, nackt.

Die Wirkung meines Auftritts war enorm. Ich war die einzige blonde und deutsche Frau im Saal. Türken, überhaupt Südländer lieben es, wenn deutsche Frauen es mit ihnen machen, vor allem wenn die Frauen blond sind. Ich trat also meine Strafe an und lernte nach und nach die Holzverschläge alle kennen. Südländer sind meistens sehr direkt und zielstrebig, dabei wenig rücksichtsvoll. Im Geschlechtsakt sehen sie vor allem die Bestätigung ihrer Dominanz, die ihnen wichtiger ist als der eigentliche sexuelle Genuss. Das war der Grund dafür, dass man diese Bestrafung für mich gewählt hatte: ich sollte lernen, mich in diese Disziplin einzufügen. Gewöhnung ist einer der wichtigsten Tricks in der Prostitution, um die Hemmschwellen zu eliminieren, die die Frau von der vollständigen Hingabe trennen könnten. Und in der Tat hat diese Strafaktion einen solchen psychologischen Effekt auf mich gehabt, der durchaus dauerhaft war. Die Rituale der Zuhälter gründen auf alten Erfahrungen und einem instinktiven Verständnis der seelischen Mechanismen,  mit denen ein Grundeinverständnis der Frau mit ihrer Rolle hergestellt wird.

Körperlich war das Erlebnis anstrengend, das sicherlich. Aber es hatte auch einen wild-süßen Beigeschmack für mich, den ich als submissive Neigung deute. Die Unterwerfung unter diese Strafe, diese Disziplinierung gab mir einen besonderen Kick. Es war nicht das erste Mal, dass ich das an mir feststellte, aber hier wurde es mir sehr deutlich. Gewiss gab es auch dieses Gefühl der Selbstbestätigung durch dieses Begehrtwerden, aber das stand an dieser Stelle nicht im Vordergrund.

Im Rückblick: eine Szene wie in einem Traum. Eine wichtige Station in meiner Reise in mein eigenes Selbst. Ein Erfahrungsgewinn, ein Selbstversuch. Ein weiterer Schritt.

50 Shades of Schublade

Ich habe lange nicht mehr hier gebloggt, aber ich muss meinem Ärger Luft machen. Über 50 Shades of Grey. Ohne den Film gesehen zu haben. Mich regt daran so viel auf. Ich muss das hier loswerden, weil ich kann und will mich nicht outen. Und egal, wieviele Leute meinen, der Film mache BDSM salonfähig, ich halte dagegen. Der Film macht alles mögliche, aber er trägt nicht zum besseren Verständnis oder der größeren Akzeptanz von BDSM bei.

Aber der Reihe nach …

BDSM kennt Grenzen!

First things first, ein Vorwurf den nicht nur ich dem Film mache, sondern viele andere vor mir: Das ist sexuelle Belästigung (und einiges anderes), nicht BDSM. Christian Grey missachtet mehrfach Anas Protest, Unsicherheit, Souveränität … zusammengefasst: ihre psychischen und physischen Grenzen. Die Grenzen des (Spiel)partners zu achten ist eine Grundfeste von BDSM.

Ob das mit Safewords, Checks (nachfragen während des Spielens) oder mit Vertrauen, das aus tiefer Zuneigung, viel Kommunikation und viel gemeinsamer Erfahrung entsteht, gewährleistet ist, ist letztlich unwichtig. Ja, es gibt Leute, die auf Safewords verzichten und die auf „consensual non-consent“ stehen, also das bewusste, einvernehmliche Missachten von Grenzen … aber Ana ist Jungfrau, und das ist nun wirklich nicht die Art BDSM, mit der man starten sollte – glaubt mir das, ich weiß, wovon ich spreche. Zitat aus meinem eigenen Leben, als ich Mitte 20 war, Kurzfassung: „Ich bin übrigens noch Jungfrau.“ Antwort: „Oh … ich stehe auf BDSM.“

Bis er und ich Sex hatten, vergingen nach diesem Gespräch fast zwei Wochen. Bis zum ersten, zaghaften Herantasten an BDSM noch viele weitere. Ich habe mich zu 100% gut aufgehoben gefühlt – mit all meinen Unsicherheiten, Ängsten und Verständnisproblemen (fast alle Klischees, die ich heute kritisiere, habe ich selber geglaubt). Aber er war es mir wert, es zu versuchen … so wie damals, als es überhaupt zu dem erwähnten Dialog kam, was hier nachzulesen ist. Und ich bin, wie man so sagt, reingekippt. Und vielleicht schon etwas informierter und sogar mehr kinky als er – wobei, ob man das objektiv messen kann? Ist auch egal.

Jedenfalls hätte ich es nie zugelassen, so zu behandelt werden wie Ana. Und es ist widerlich, auf welche Art und weise BDSM hier mit Missbrauch vermischt wird und wie Grenzüberschreitungen normalisiert werden.

Nicht jede körperliche Züchtigung ist Missbrauch!

50 Shades of Grey kann man aus vielerlei Gründen (hab ich gelesen) verabscheuen: Es ist ein schlechter Film, ohne Erotik, ohne Charme. Was mich aber eben ganz besonders stört, ist dass durch die oben schon erwähnte Vermischung von BDSM und Grenzüberschreitungen auch der Eindruck entsteht, dass JEDE Art von körperlicher Züchtigung Tabu sei. Masochismus ist – sofern für Konsens, Vernunft und Sicherheit für beide Beteiligten gesorgt ist – nichts Abscheuliches.

Ich bin zwar wohl eher eine gemäßigte Masochistin, aber es ist aus vielen Gründen sehr schwer, sich und anderen das einzugestehen. Es gehört sich nicht, Schmerz geil zu finden. Und schon gar nicht will man als Feministin den Eindruck vermitteln, man fände physische Gewalt an Frauen per se ok oder gar antörnend. Mit Masochismus ist im Vergleich zu Sadismus sogar soviel mehr Stigma verbunden, dass obwohl ich das alles hier schreibe, ich mich lieber als sadistische Top outen würde, als als masochistische Sub.

Dennoch: Wenn (zwei) erwachsene, zurechnungsfähige Personen Spaß daran haben, einander einvernehmlich Schmerzen zuzufügen, dann gibt es dagegen nichts zu sagen.

Nicht alle Frauen sind submissiv!

Ein Phänomen, das mich regelmäßig auf die Palme bringt: Fast immer werden – in Pornos oder in Mainstream-Filmen wie 50 Shades of Grey – die Frauen als die Submissiven gezeigt; sogar als „von Natur aus submissiv“, Männer dominant. Auch im filmisch wesentlich wertvolleren „Secretary“. Ich frag mich nur: Wieso sind dann die ganzen Foren, Reddits, FetLife Threads voll mit Männern, die verzweifelt nach Dommes, Dominas oder Herrinnen (etc.pp.) suchen? Oder ihre zuckersüße Freundin magisch dominanter machen wollen. Ich lese das täglich.

Ich zum Beispiel schwanke zwischen beiden Extremen, manchmal von Tag zu Tag, manchmal von Monat zu Monat. Manchmal fühle ich mich dominant, und eine einzige Berührung von meinem Freund macht mich streichelweich und unterwürfig. Oder umgekehrt, ich stelle ihm frei, mit mir zu tun, was er will (er kennt meine Vorlieben und wir nutzen Checks bzw. Safewords), aber er tut irgendwas submissives und ich hab ihn 10 Minuten später ans Bett gefesselt. 😉  Ich fühle mich in beiden Rollen wohl – mal mehr in der einen, mal mehr in der anderen. Ich würde keine aufgeben wollen.

Viele Menschen sind wohl auf Dom(me) oder Sub festgelegt, aber davon abgesehen, meine Theorie: Viel mehr Leute als wir annehmen, Männer und Frauen, sind sexuell submissiv oder fühlen sich öfter submissiv. Weil wir im Alltag ständig Verantwortung tragen müssen, Entscheidungen fällen, wissen wo’s lang geht – auch wenn alles ständig verwirrter und unsicherer wird, sei es am Arbeitsplatz, in der europäischen Wirtschaftssituation, in der Diskrepanz zwischen erlernten und (von sich selbst) erwarteten Geschlechterrollen … es tut gut, sich mal fallen zu lassen und jemand anderen entscheiden zu lassen. Jemand, der es im Endeffekt gut mit einem meint und auf einen achtet – und, wie oben ausgiebist beschrieben, die eigenen Grenzen achtet.

Ich merke das bei mir – je mehr Stress ich in der Arbeit habe, je mehr Verantwortung ich übernehme, desto öfter sehne ich mich abends danach, einfach nicht nachdenken zu müssen sondern einfach zu tun, was er mir sagt. Und auch so versaut sein zu dürfen, wie ich bin, ohne meine Vernunft und brave Erziehung dazwischenfunken zu lassen.

Man mag nicht BDSM, weil man missbraucht wurde!

Christian Grey mag ja angeblich BDSM, weil er von einer Freundin seiner Mutter missbraucht wurde. Damit wiederholt man die alte Leier, dass BDSMler traumatisiert, psychisch krank oder gestört seien. Und das mag auf manche zutreffen, wie es in jeder x-beliebigen Gesinnungsgemeinschaft welche gibt – aber es ist NICHT der Auslöser, der einen kinky macht.

Nicht alle Kinkster wurden missbraucht und nicht alle Missbrauchsopfer werden kinky. Wenn jemand (angeblich werden Opfer ja oft zu Tätern) missbraucht wurde und deshalb andere missbrauchen „will“ oder „muss“, dann ist er/sie ein/e SexualstraftäterIn und nicht Kinkster. Ende der Debatte.

BDSM, das neue Kuriositätenkabinett?

Mit BDSM (oder was Medienmacher dafür halten) lässt sich derweil gutes Geld verdienen. Man wirft alle oben genannten Schubladisierungen in einen Topf, mischt noch eine Prise gefährliches Halbwissen dazu und stellt BDSM als neuesten Trend in Sachen Absurdität zur Schau. Und ruft gleichzeitig zum „Aufpeppen“ des öden Sexlebens auf, weil ein bisschen kann man sich von den Perversen ja abgucken, ne? Ich will gar nicht wissen, wieviele Menschen deshalb in peinliche Situationen geraten, oder gar in der Notfallambulanz landen.

Man fesselt als Neuling nicht einfach jemand mit grauen Seidenkrawatten – das rutscht viel zu sehr! Und Kabelbinder werden immer nur enger und schnüren leicht das Blut ab – in diesen Artikeln steht NIE wie man Knoten macht oder dass man eine Schere (am besten eine speziell dafür) zur Hand haben sollte.

BDSM ist – in vielen seiner Ausprägungen – auch Handwerk. Und auch wenn mir „Lebenseinstellung“ für mich persönlich ein klein bisschen zu weit geht, dann möchte ich doch meinen, dass es mehr ist als ein Trend, den man so im Vorbeigehen ausprobieren kann, ohne sich zu informieren, darüber zu lernen und ausgiebig mit dem/der/den PartnerInnen darüber zu reden.

Nehmt den Scheiß ernst, Leute! Nehmt uns ernst. Und wenn alles geklärt ist, dann nehmt uns. Gerne auch hart. 

Warum ich (nicht) poly bin

Oft mag ich gar nicht mehr erzählen, dass ich poly(amor) bin, also mehrere Beziehungen führe. Das, was Leute dann in erster Linie hören, ist nämlich fast immer “Sex! Sie hat mit mehreren Leuten Sex! OMG! Fremdgehen und das dann auch noch offen erzählen!!!”
Ich bin aber nicht poly geworden, weil ich ganz besonders viel Sex mit verschiedenen Menschen haben wollte. Dafür gibt’s ja auch schon ein Lebensmodell, das heißt Single sein. Keine Bindungen und Verpflichtungen an feste Partner_innen, dafür viel Sex haben. Oder halt auch nicht, wenn sich niemand findet, aber das ist ja immer so.
Ich habe tatsächlich nur mit einem von den drei Leuten, die mit mir mehr oder weniger regelmäßig in einem Bett schlafen, das, was sich die meisten unter “Sex” vorstellen. Lustigerweise musste ich poly werden, um herauszufinden, dass ich eigentlich vielleicht doch nur mit einer Person schlafen will. Früher als Langzeitbeziehungsmensch habe ich oft die Singles beneidet, die auf Parties einfach mit irgendwem rumknutschen durften. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass ich es sehr schätze, mit neuen Menschen zu flirten, dass ich Körperlichkeit auch in Freundschaften wichtig finde, aber dass die Leute, mit denen ich wirklich intime Beziehungen mit viel emotionaler und körperlicher Nähe eingehen will, doch sehr wenige sind. Dass ich zwar gerne Leute an mich heran lasse, es aber einen Unterschied gibt zwischen “Leute attraktiv finden” und “mit Leuten Sex haben wollen” und dazwischen noch viele interessante Dinge möglich sind.
In erster Linie habe ich mit mit meinem damals einzigen Partner für poly als Beziehungsmodell entschieden, weil wir uns nicht trennen wollten. Weil klar war, dass bestimmte Bedürfnisse nicht zusammenpassen bei uns, aber wir uns trotzdem kein Leben ohne einander vorstellen konnten. Es war eben keine Entscheidung für mehr Abenteuer, sondern für mehr Beständigkeit.
Mich regt es manchmal auf, wenn über poly immer wieder so einseitig als easy lifestyle für privilegierte Leute berichtet wird. Wo rumvögeln kein Problem mehr ist, weil man sich ja drüber nicht anlügt. Als ob es reichen würde, einfach immer alle zu informieren. Wo alle ständig auf der Suche nach neuen Partner_innen sind. Und wo es immer in erster Linie um Sex geht. Das klingt mir immer noch sehr nach dem Single-Lebensmodell, nur mit mehr Ehrlichkeit.
Ja, klar, dieses poly gibt es, und es macht bestimmt Spaß und darf auch gefeiert werden.
Aber diese einseitigen Darstellungen tragen auch dazu bei, poly als Beziehungsform nicht so richtig ernst zu nehmen. Es klingt zu viel nach jungen Leuten, die eben Sachen ausprobieren (und dann auch wieder sein lassen, wenn sie älter werden). Was dabei zu kurz kommt, ist das füreinander-da-sein. Die Beständigkeit, auch mit mehreren Leuten. Die Verantwortung, die alle übernehmen. Nicht nur füreinander, sondern zuerst für die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen, Gefühle und Gedanken. All die Dinge, mit denen ein Poly-Lebensmodell erwachsener ist, als die meisten unreflektierten Mono-Lebensmodelle.
Das größte Problem ist wahrscheinlich, Menschen in Poly-Konstellationen als homogene Gruppe wahrzunehmen und von vielen Sachen als gegeben auszugehen. Nur weil wir poly sind, haben wir noch keine Gemeinsamkeiten.
Im Zweifelsfall kann ich mich über meine Beziehungsprobleme besser mit anderen Leuten reden, die auch grade sehr verliebt sind, oder pan- oder bisexuell sind oder eifersüchtig oder die über die Geschlechter-Rollen-Dynamiken in ihren Beziehungen nachdenken, als mit anderen Leuten, die auch poly sind (und das meistens ganz anders leben als ich).

Die Spielgefährtin

14149467162_23bb176027_qDie Spielgefährtin ist nicht nur ein Pseudonym für eine der Autorinnen dieses Blogs. „Spielgefährtin“ ist eine Einstellung, wenn es um Sexualität, Partnerschaft und Beziehungen geht. Und während die Spielgefährtin hier weiblich ist, kann Spielgefährt* jedes Geschlecht, jede sexuelle Orientierung haben.

Die Spielgefährtin spielt. Damit ist natürlich Sex gemeint.

Die Spielgefährtin ist unabhängig und ungebunden. In der stigmatisierenden Sprache von heute würden sie manche entweder als „Schlampe“ oder als „beziehungsunfähig“ beschreiben – für Männer würde wohl „Arschloch“ genutzt werden. Die eine spielt zu viel und ohne sich endlich auch mal zu binden. Die andere hat keine festen Beziehung, weshalb irgendetwas mit ihr nicht stimmt.

Ich drehe hier den Spieß um und sage: Spielgefährt* sein, ist das neue „Single“ oder „Solo“ oder beziehungsunfähig – für all diejenigen, die für kurz oder lang die Entscheidung getroffen haben, Zeit mich sich zu verbringen und mit anderen eben nur zu spielen – und im Spiel gerne auch mit ihnen befreundet zu sein. Weiterlesen

Komm schon.

Ich finde Orgasmen unglaublich faszinierend. Als Kind habe ich über sie gelesen, bevor ich welche erlebt habe – und das Erleben war dann doch ziemlich anders, als das Gelesene, und auch die berichteten Erfahrungen von anderen. Das macht es noch faszinierender. Ich würde so gerne wissen, wie das für andere Menschen ist, aber das geht ja nun nur sehr unzureichend.

Als ich über Orgasmen gelesen habe, habe ich mir das das als ein unglaublich aufregendes und schönes Gefühl vorgestellt, das alles andere vergessen lässt und hinterher zufrieden und müde macht. Und das klar identifizierbar und irgendwie auch immer gleich ist. So oder ähnlich wurde es beschrieben. Und dann noch, dass „Männer“ dabei abspritzen und nur einmal kommen können, manche besonders glücklichen „Frauen“ aber mehrmals hintereinander, das heißt dann „multipler Orgasmus“. Weibliche Ejakulation kam nirgends vor.

Tatsächlich aber fühlen sich die Dinger doch sehr unterschiedlich an. Ich erinnere mich, gerade am Anfang, an Momente, als ich dachte: War’s das jetzt schon? Dass es manchmal schon fast unangenehm oder an der Schmerzgrenze war. Oder daran, dass ich sehr wohl was anderes dabei machen konnte oder sogar besonders schöne Orgasmen hatte, wenn ich geistig grade mit etwas anderem beschäftigt war. Dass ich quasi beliebig oft hintereinander kommen konnte und mich fragte, ob das wirklich so selten war. Mein damaliger Freund konnte übrigens auch mehrmals hintereinander kommen, irgendwann sagte er aber, es wird dann schmerzhaft. Einmal habe ich in einer „Frauenzeitschrift“ gelesen, dass der Rekord bei 25 Orgasmen in der Stunde läge. Das musste ich überprüfen, war nach einer dreiviertel Stunde bei 24, hatte aber dann auch wirklich keine Lust mehr.

Wie sich das anfühlt, hat sich auch über die Jahre ziemlich verändert. Am Anfang wollte ich das unbedingt, und bin da in so einer eher verkrampften Haltung hin gekommen – manchmal waren es auch andere, die unbedingt wollten, dass ich jetzt schnell komme und denen ich gefallen wollte.

Aber so Krampf-Orgasmen fühlen sich zum Beispiel sehr anders an, als entspannte Orgasmen. Sie sind in meiner Erfahrung häufig flacher. Und fühlen sich tendenziell unbefriedigender an. Das ist auch noch so eine Erfahrung, die nirgends geschildert wurde: Dass Orgasmus nicht gleich Befriedigung ist.

Entspannt hat sich bei mir noch eine andere Art von multiplem Orgasmus eingestellt, die nicht daraus besteht, dass es mehrere hintereinander gibt (zwischen denen es dann auch immer eine kurze Stimulationspause braucht), sondern dass sie einfach ineinander übergehen, wie Wellen, und es sich zwischendrin anfühlt, als würde das gar nicht mehr aufhören. Ziemlich cool.

Interessant ist auch, dass sich das Gefühl damit verändert, wie und ob ich mich bewege dabei, aber nicht immer gleich. Manchmal ist mit Bewegung besser, manchmal ohne. Und wenn ich das versuche zu steuern, wird’s eh meistens zu verkopft.

Gelesen hab ich auch von Leuten, die berichten, ohne körperliche Stimulation kommen zu können, und das ganze einfach im Kopf machen. Superspannend.

Ich wünschte, es gäbe Möglichkeiten, so unterschiedliches Orgasmus-Empfinden irgendwie wissenschaftlich aufzuzeichnen. Oder gibt es das? Um das selber zu machen, fehlt mir jedenfalls leider das biologisch-medizinische Wissen.

Aber drüber reden funktioniert ja immerhin auch ganz gut. Oder anders zeigen, zum Beispiel im Beautiful Agony Projekt (hier ist ein Sample davon).

Oder was meint ihr dazu?

Messalina: Vorbild und Erfinderin des Gangbang?

Valeria Messalina heiratete mit 20 Jahren den ältlichen römischen Kaiser Claudius (um 50 n. Chr.). Claudius tolerierte ihr Sexualleben, das sie dazu führte, unter dem Arbeitsnamen Lycisca im Puff zu arbeiten. Sie liebte es, Veranstaltungen zu organisieren, bei denen sie mit vielen Männern schlief. Heute nennt man das Gangbangs.

Beim Gangbang treffen viele Männer auf einige Frauen („Männerüberschuss“) in einem offenen Raum. Typisch wäre ein Verhältnis von 10 Männern auf eine Frau, also z. B. 4 Frauen und 40 Männer. Auf einer großen Matratze, der „Spielwiese“, stehen die Frauen für die verabredete Zeit (z. B. 5 Stunden) allen Männern sexuell zur Verfügung, so oft die Männer es wünschen und die Frau einverstanden ist. Auf der Spielwiese sind alle nackt, und die Männer kommen der Reihe nach zum Zuge. Außerhalb der Spielwiese sind die Frauen ebenfalls nackt, die Männer tragen meistens Bademäntel. Auf der Spielwiese steht alles zur Verfügung, was benötigt wird: Kondome, Gleitcreme, Zewas, Eimer zum Entsorgen. Sexuell wird alles geboten, was die Frauen akzeptieren: Ficken in allen Stellungen, Blasen, Mundfick, Deep Throat, Anspritzen, Anal. Das Aufstellen der Schwänze durch die Frau entfällt, die Männer wichsen sich selbst hoch (oder das Zuschauen reicht), und solange bis sie bei einer der Frauen zum Zuge kommen wichsen sie weiter, um den Ständer zu halten. Manchmal spritzen sie auch ab. Die Frauen können auch einen Mann blasen, während ein anderer sie fickt. Oder (ganz artistisch), man macht einen „Sandwich“: die Frau liegt auf einem Mann und fickt, während ein zweiter Mann sie anal fickt. Schwierig zu machen, allerdings.

Ein Gangbang braucht einen Organisator, der die Frauen und Männer zusammenbringt. Die Frauen erhalten ein festes Honorar, und zwar ein sehr ansehnliches. Für die Pausen gibt es ein Büffet mit einfachen Speisen und Getränken. Es herrscht vollkommene Offenheit, alle gehen sehr höflich miteinander um, und jeder betreibt seinen Genuss nach besten Kräften und Können.

Der Gangbang ist die Königsdisziplin der Prostitution. Hier verliert die sexuelle Begegnung auf Seiten der Männer jegliche Individualität. Es geht hier um den reinen Sex an sich. Die Männer verschwimmen zu einem „Mann an sich“. Auf Seiten der Frauen ist es jedoch vollkommen das Gegenteil. Das Individuum der Frau wird zum Star der Menge: die Männer drängen sich um sie, bewundern und begehren sie, und zwar genau um diese Frau, die ihnen gefällt. Für die Frau ist ein Gangbang eine grandiose Selbstbestätigung.

Als Frau benötigt man einige Kunstgriffe. Man muss mit der Gleitcreme umgehen können. Man muss die Clit möglichst geschützt lassen, sonst kann es unangenehm werden. Man muss innerlich locker sein und sich auf die Situation und die Männer einstellen können.

Ein Gangbang hat für die Frau etwas Triumphales … wenn es gut läuft und wenn die Frau es beherrscht. Die Argumentation der Bundesregierung, der Gangbang verletze die „Würde der Frau“, ist unverständlich: hier sind Leute am Werk, die niemals kennengelernt haben, worüber sie hier urteilen.